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Ein Tanztheaterprojekt an der Semperoper beweist, dass auch Jugendliche mit Hörgerät auf Musik tanzend anspringen

Ein Tanztheaterprojekt an der Semperoper beweist, dass auch Jugendliche mit Hörgerät auf Musik tanzend anspringen

Im Normalfall würden sie das Flugzeug nur sehen, den LKW nicht kommen hören und sogar die Kettensäge könnte ihnen keine Kopfschmerzen bereiten.

Die zehn schwerhörigen Jugendlichen aber, die zum inklusiven Tanztheaterprojekt in die Semperoper gekommen sind, bewegen sich zur eingespielten Musik, die sie tatsächlich hören.

Sie sind hochgradig bis sehr hochgradig schwerhörig, so nennen es die Experten. Ein normales Hörgerät könnte ihnen nicht helfen, deshalb tragen sie ein Cochlea-Implantat (CI). Die Cochlea ist die Hörschnecke im Innenohr, die bei hochgradigem Hörverlust erkrankt, beschädigt oder fehlgebildet ist. Der Bundesverband der Schwerhörigen und Ertaubten geht davon aus, dass in Deutschland etwa jeder Fünfte hörbeeinträchtigt ist.

Die 18-jährige Agnes Zschornack aus Dresden hat mit ihrem Tanzpartner gerade noch Kampfübungen einstudiert. Jetzt lässt sie die tobende Meute um Theaterpädagogen Jan-Bart De Clercq hinter sich und atmet tief aus: "Die Frau bei der ich babysitte, arbeitet im Sächsischen Cochlear Implantat Centrum hier in Dresden und hat mir von dem Projekt in der Semperoper erzählt. Tanzen mag ich sowieso und für mich ist es eine coole Ferienbeschäftigung", erzählt sie. Agnes hört ganz normal und mischt sich auch gleich wieder unter die Gruppe von Jugendlichen mit und ohne Cochlea-Implantat.

Das Projekt der "Jungen Szene" an der Semperoper ist das vierte seiner Art. Seit 2011 erleben Jugendliche eine Woche lang, dass Kommunikation auch ohne Sprache funktionieren kann - nämlich beim Tanz. In diesem Jahr dreht sich alles um die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Die Musik von Sergej Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" bildet den Ausgangspunkt für die künstlerische und szenische Umsetzung. "Gerade beim Ballett geht es darum, was der Körper ohne Sprache erzählen kann. Es ist die nonverbale Kommunikation, die im Vordergrund steht. Die Teilnehmer sind sehr geschult auf Mimik, Gestik und Körpersprache", erzählt Jan-Bart De Clercq. Mit viel Enthusiasmus, lauter Stimme und ohne Berührungsängste weist er die Gruppe an. Die zwölf- bis 18-Jährigen sitzen auf dem zerschrammten Parkettboden der Probebühne und ahmen mit Plastikbechern einen Rhythmus nach. Am letzten Tag des Projektes können die Eltern der Teilnehmer sehen, was ihre Kinder während der Osterferien entwickelt haben.

Aus ganz Deutschland sind die Jugendlichen angereist. Sie kommen unter anderem aus Nordrhein-Westfalen und Bayern, aus Dresden, Radebeul und Freiberg. Zehn von ihnen tragen entweder ein normales Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat. Nur zwei aus der Gruppe sind normalhörend. "Ich habe eine schwerhörige Freundin und der einzige Unterschied im Umgang mit ihr ist, dass ich etwas lauter sprechen muss", erzählt Agnes. Beim Tanzen sei es sowieso egal, ob man normal hört oder nicht. "Die jugendlichen CI-Träger hören vor allem den Rhythmus, weniger aber Melodie und Tonhöhe", erklärt Anne-Kathrin Nowojski. Sie ist Medizinpädagogin und Logopädin am Uniklinikum Dresden und kennt einige der Jugendlichen aus der Behandlung. Die meisten von ihnen sind seit ihrer Geburt schwerhörig oder taub.

Inzwischen hallt die Musik von "Kill Bill" durch den Raum. Jan-Bart De Clercq und zwei Studentinnen der Palucca-Hochschule zeigen den Jugendlichen wie sie sich mit einer halben Umdrehung und einem kräftigen Tritt nach vorn einem lästigen Gegner entledigen können. Gerade geht es um den Hass der verfeindeten Familien in "Romeo und Julia". Für die künstlerische Umsetzung wurden nur die Hauptmotive herausgegriffen: "Es geht bei unserem Projekt nicht vordergründig um den Inhalt des Stückes sondern vor allem um die ästhetische Umsetzung und um seine sozialen Ziele", erklärt De Clercq. Die Jugendlichen mit Chochlea-Implantat sollen Musik nicht nur hören sondern erleben können.

Bereits in den vergangenen Projekten hat sich gezeigt, dass Jugendliche mit CI die Musik genauso wahrnehmen wie normal hörende Jugendliche. Sie bewegen sich, haben einen Wiedererkennungswert von Musikstücken und sind mit eben so viel Spaß dabei. Die nächste Musik setzt ein, die Jugendlichen springen auf, reißen die Arme in die Luft und verstehen sich, wenn es sein muss, auch ohne Worte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.05.2014

Beate Erler

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