Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Google+
Ein Tag im Leben von Kruzianer Georg Bartsch: Zu Weihnachten darf er in Semperoper mitsingen

Ein Tag im Leben von Kruzianer Georg Bartsch: Zu Weihnachten darf er in Semperoper mitsingen

Mit gerade mal 1,46 Meter ist Georg Bartsch klein für sein Alter. Der Vierzehnjährige singt noch im Knabenchor – als einziger seiner Altersgenossen.

Voriger Artikel
Dresdner Band Chief in the Garden zum Record-Release im Thalia
Nächster Artikel
Ungewollt authentisch: Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" als Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden
Quelle: Dietrich Flechtner

Doch wer sich mit Georg unterhält, wer ihm zusieht, wenn er lebhaft gestikuliert und dabei schelmisch über den Brillenrand blickt, merkt schnell: Das ist einer, der schon recht genau weiß, was er will.

Georg stammt aus Hainichen, einer Kleinstadt nordöstlich von Chemnitz. Zwei jüngere Brüder hat er. Albert wird im Dezember 13, Heinrich ist 10. „Sie wollten keine Kruzianer werden, sondern lieber zu Hause bleiben“, erzählt Georg. Musik würden sie aber auch machen. Albert spielt Geige, Heinrich Cello. Georg selbst hat auch ein Weilchen hin und her überlegt, ob er es wagen soll, Kruzianer zu werden und schon so zeitig von zu Hause wegzugehen. Nach reiflicher Überlegung und nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte, sei er aber zu dem Schluss gekommen, dass er es doch wenigstens einmal probieren könnte.

Heimweh kennt Georg nur zu gut. „Am Anfang habe ich manchmal gedacht, das werde ich wahrscheinlich nicht überstehen“, erklärt er freimütig. Und dass es vielleicht besser sei, nach Hause zurückzukehren „und ein normales Leben weiterzuführen“. Dann aber habe er sich relativ schnell an die neue Umgebung gewöhnt. „Der Kreuzchor ist mein Zuhause geworden“, sagt er und lässt uns an einem ganz normalen Tag im Leben eines Kruzianers teilhaben.

6.45 Uhr, Alumnat des Kreuzchors:

Der Wecker klingelt. Georg steht auf, geht duschen, macht sich fertig fürs Frühstück. Seit einiger Zeit wohnt er mit Leonard und Jonathan zusammen. Die sind beide schon 15. Er versteht sich gut mit ihnen. Schreibtische und Schränke gibt es im Zimmer und zwei Doppelstockbetten. Georg schläft unten. Verschlafen habe er noch nicht ein einziges Mal, gibt er glaubhaft zu Protokoll. „Ich bin eher so der Frühaufsteher“, meint er.

7.30 Uhr, Speisesaal:

Um die Tische im Speisesaal gruppieren sich jeweils sechs Stühle. Und es gibt einen Sitzplan. „Wir sitzen das gesamte Schuljahr über auf demselben Platz“, berichtet Georg. Jeden Morgen vor dem Frühstück finde eine Andacht statt. „Lasst uns mit einem Gebet in den Tag starten“, heißt es oft. Zeit zum Frühstücken ist eine viertel Stunde. „Dann sagt der ,Aufpasser‘: Die Tafel ist aufgehoben“, erzählt Georg. Manchmal werde zum Schluss noch gesungen.8 Uhr, Kreuzgymnasium:

Der Unterricht beginnt. „Seit der 8. Klasse sind wir Kruzianer ja nicht mehr unter uns, sondern werden mit den normalen Kreuzschülern gemischt“, erklärt Georg und deutet bei dem Wort „normal“ die Anführungszeichen mit den Fingern an. Abstriche am Lernpensum würden bei den Kruzianern kaum gemacht. „Aber sagen wir mal so: Die Schule ist zu bewältigen“, schätzt Georg ein. Sein Lieblingsfach ist Latein. Das hat natürlich seinen Grund: Georg ist seit der 4. Klasse Harry-Potter-Fan. „Mein Opa hat mir damals erklärt, dass die vielen Zaubersprüche aus dem Lateinischen hergeleitet sind.“

13.25 Uhr, Speisesaal:

Jetzt gibt es Mittagessen. Zeit sei bis 14 Uhr „oder sogar bis 14.15 Uhr“, sagt Georg. Dann folgt noch eine Stunde, manchmal auch eine Doppelstunde Unterricht – dienstags zum Beispiel Religion und am Mittwoch Mathe.

15 Uhr, großer Probensaal:

Der Sopran probt für die Weihnachtszeit. Um die 50 Kruzianer aus dem Sopran 1 und 2 sitzen auf ihren Stühlen, das Notenheft in der Hand. „Des freuen sich die Engelein“, singen sie gerade. Die Jungs sind zwischen 9 und 13 Jahre alt. Georg mit seinen 14 fällt nicht auf. Die meisten schauen konzentriert auf ihre Noten, einige gähnen verstohlen, blicken zu Chordirigent Peter Kopp am Flügel. Der ist heute unzufrieden. Die Jungen singen ihm nicht konzentriert genug. „Wenn ihr so weitermacht, können wir Weihnachten erst im Februar feiern“, rügt er streng.

16 Uhr, Alumnat:

php9cb1763f43201412061711.jpg

Das Dresdner Stollenfest 2014.

Zur Bildergalerie

Georg erledigt Hausaufgaben. Zwei Stunden hat er jetzt Zeit dafür. „Meist mach’ ich aber nach dem Abendbrot Hausaufgaben“, sagt er.18 Uhr, großer Probensaal: Noch einmal ist eine dreiviertel Stunde Knabenchorprobe angesetzt. „Da singen Sopran und Alt zusammen“, sagt Georg. Dieses Weihnachten hat Georg noch ein bisschen mehr zu tun als sonst. Denn er darf in der Semperoper mitsingen. Das ist nur ganz wenigen Kruzianern vergönnt. In Engelbert Humperdincks „Königskinder“ schlüpft er in die Rolle des Gehilfen des weisen Spielmanns. Die Märchenoper hat am 19. Dezember Premiere. Es ist nicht das erste Mal, dass ihn die Semperoper engagiert: Schon in der 7. Klasse durfte der damals Zwölfjährige den ersten Knaben in der „Zauberflöte“ singen.

18.45 Uhr, Speisesaal:

Es ist Abendbrotzeit – eine viertel Stunde lang.

19 Uhr, Alumnat:

Jetzt hat Georg frei, oder er macht Hausaufgaben im Zimmer. „Wir durften unsere Schreibtische schon so zurechtrücken, wie wir wollten“, berichtet er. Einen Großumbau sollten sie aber nicht vornehmen, hätten die Erzieher gemeint. Die Jungs bleiben nicht ihre gesamte Kruzianerzeit lang in einem Zimmer, sondern wechseln häufiger mal. An der Pinnwand über seinem Schreibtisch hat Georg Fotos und Ansichtskarten angepinnt. „Die mit den grünen Nadelköpfen sind von meinen Großeltern, die roten sind meine eigenen und die mit den weißen von meinen Freunden“, erzählt er.

Was ihm denn das Liebste, das Wichtigste sei, das er von zu Hause mit hergenommen hat, wollen wir wissen. „Das Wichtigste für mich ist der Glaube, er hat mich auch in der ersten Zeit dazu gebracht, nicht aufzugeben“, antwortet er. Über das Materielle muss er ein Weilchen länger nachdenken. „Ich habe so eine weiße flauschige Decke, die nehme ich meistens als Kopfstütze.“

22 Uhr, Alumnat:

Schlafenszeit für Georg. Und wovon träumt er, wenn er an die Zeit nach dem Abitur denkt? „Entweder ich werde Opernsänger oder ich gehe in die medizinische Richtung wie meine Eltern und werde Arzt“, erklärt er.

„Mit dem Georg bin ich hoch, hoch, hoch zufrieden“, lobt jedenfalls Kreuzkantor Roderich Kreile. Das könne er auch so sagen, weil der Georg uneitel sei und keine Schwierigkeiten damit habe, wenn er gelobt werde. Er sei ein Junge, der sehr viel für den Kreuzchor getan habe. „Und ich glaube, dass auch Georg später mal sagen wird, dass die Zeit im Kreuzchor eine ganz wichtige für ihn war“, sagt Kreile.

Schmunzeln muss Georg, wenn er an die erste Vesper zurückdenkt: „Weil ich so klein war, stand ich ganz am Rand, meine Mutter saß in der ersten Reihe und ich habe immer zu ihr geschaut statt nach vorn“, erzählt er. Er habe sie beeindrucken wollen. Sie aber habe ihm immer andeuten wollen, dass er doch lieber zum Dirigenten schauen solle.

Kruzianern wird nichts geschenkt. Wie bekommt ein 14-Jähriger die vielen Proben, all die Auftritte in der Kreuzkirche und der Semperoper und die Schule unter einen Hut? Um die Weihnachts- und Osterzeit herum sei es ein bisschen viel Stress, meint Georg und rückt an seiner Brille. „Aber man gewöhnt sich dran.“ Anders als noch vor zwei, drei Jahren fahre er jetzt häufig sonntags nach dem Gottesdienst nach Hause.

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr