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Ein Sowjetbürger aus Dresden: vor 100 Jahren wurde Helmut Weiß geboren

Ein Sowjetbürger aus Dresden: vor 100 Jahren wurde Helmut Weiß geboren

Ende November 1934 traf auf der Teutoburger Straße 14 in Striesen ein denkwürdiger Brief ein. Er enthielt mehrfach gesiegelte Dokumente und einen Pass der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Der Adressat hieß Helmut Weiß, war erst wenige Monate zuvor nach dem Gesetz erwachsen geworden, nun war er Bürger der Sowjetunion. Sofort und in aller Heimlichkeit begann der junge Mann mit den Reisevorbereitungen, sein Ziel war Charkow, eine ukrainische Stadt, in der jener Verlag seinen Sitz hatte, in dem 1933 eine Übersetzung seiner Novelle "Die Kolonne" erschienen war und die deutschsprachige Zeitschrift "Sturmschritt" ihre Redaktion hatte, zu dessen Beiträger der Dresdner schon als Jugendlicher gehörte.

Helmut Weiß wurde am 13. Mai 1913 in Dresden geboren, sein Vater, "ein Stehkragenproletarier mit typisch kleinbürgerlicher Ideologie", war aus Galizien an die Elbe übergesiedelt und arbeitete als Kontorist für eine Schuhfabrik. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingezogen, diente er bis zu dessen Ende und eröffnete danach ein kleines Textilgeschäft, das während der Inflation Konkurs ging. Obwohl aller Mittel verlustig, konnte die Familie ihrem einzigen Sohn nicht nur den Besuch des König-Georg-Realgymnasiums, sondern auch musikalische Bildung und einen Vorkurs am Dresdner Konservatorium ermöglichen. Der dankte es den Eltern auf seine Weise, verschlang politische und ökonomische Literatur, schwärmte für die Wandervögel, verließ mit 17 die jüdische Gemeinde und trat dem Kommunistischen Jugendverband bei. Er versuchte sich als Journalist, veröffentlichte in linken Zeitungen wie der "Arbeiterstimme" und dem "Schulkampf" erste Gedichte und Skizzen und wurde Mitglied einer Jugend-Agitprop-Gruppe. Als seine Autorenschaft für einige Polemiken gegen seine Lehrer bekannt wurde, flog er von der Schule. Mit Max Zimmering, aus ähnlichen Gründen vom Wettiner Gymnasium - dort hatte schon Mitte der 20er Jahre die Schülerzeitschrift "MOB" für Aufruhr gesorgt - relegiert, suchte er Unterstützung bei der Landtagsfraktion der KPD.

Helmut Weiß versuchte sich nun als Buchhändlerlehrling und als Volontär in einer Maschinenfabrik - erfolglos. Er ging auf die Walz und versuchte vom Schreiben zu leben. Hans Marchwitza, Ludwig Renn, Fritz Erpenbeck und F.C. Weiskopf förderten den jungen Schriftsteller, dessen Texte nun unter Pseudonym in verschiedenen Zeitschriften erschienen. In Dresden gründete er unter anderem mit Hans und Lea Grundig die Agitpropgruppe "Linkskurve". Nach 1933 der Publikationsmöglichkeit beraubt, verdingte er sich unter anderem als Texter für Zigarettenbild-Geschichten aus dem Wilden Westen und gab Klavierstunden. Irgendwann, als immer mehr Kommunisten verhaftet wurden, schrieb er, ohne viel Hoffnung auf Erfolg, an die Sowjetische Botschaft in Berlin.

Schwierigkeiten gab es indes auch in Charkow. Als Sowjetbürger galt er nicht als Emigrant, für seine Zugehörigkeit zur KPD fehlte ihm der Nachweis. Zwar erschienen einige seiner Texte, um zu überleben aber wurde er Laborassistent im Meteorologischen Forschungsinstitut und Klavierspieler in einem Klub für ausländische Arbeiter. 1937 veröffentlichte Weiß eine Sammlung von "Geschichten aus Hitlerdeutschland", da lebte er schon in Moskau und spielte in zwei Kinos Klavier. Dort, im Kino "Orion", wurde Helmut Weiß am 19. November 1937 verhaftet. Die Hintergründe blieben wie so oft im Dunkeln, überliefert aber ist eine Polemik gegen Weiß' in seinem Buch geäußerten "politisch recht eigenartigen Tendenzen". Verfasst hatte sie unter seinem Parteinamen Kurt Funk der in Dresden geborene spätere SPD-Politiker Herbert Wehner. Weiß wurde aus der KPD ausgeschlossen und wegen konterrevolutionärer Betätigung und Spionage zu zehn Jahren Lagerhaft mit anschließender Verbannung verurteilt. Die zehn Jahre saß er ab, heiratete danach und wurde Akkordeonlehrer im Haus der Pioniere in Karaganda.

Die Rehabilitierung erfolgte 1956. Weiß aber blieb mit seiner Frau in der Sowjetunion, wurde Chorleiter im estnischen Narva. In der DDR erschienen nun einige seiner frühen Texte in Anthologien. Einige Male fuhr er in den folgenden Jahrzehnten nach Dresden, doch niemand wollte sich hier für ihn und seine Rückkehr einsetzen, das letzte Mal kam er im Sommer 1990. Am 18. August 2000 starb Helmut Weiß, kurz zuvor hatte er einem Freund seine Neufassung von Erich Kästners "Das Lied vom kleinen Mann" geschickt, einen sarkastischen Kommentar über die aktuelle politische Lage im vereinten Deutschland.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.05.2013

Jens Wonneberger

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