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Ein Kuss, ein Schuss: Stephen Olivers Oper "Mario und der Zauberer" nach Thomas Mann in Semper 2 in Dresden

Ein Kuss, ein Schuss: Stephen Olivers Oper "Mario und der Zauberer" nach Thomas Mann in Semper 2 in Dresden

Nein, erschossen hat der junge, träumerische Kellner Mario den Zauberer nicht. Geküsst hat er ihn hingegen schon. In einer Art Hypnose, in die der Manipulationskünstler Cipolla, mit richtigem Namen Cesare Gabrielli, zum Vergnügen des Publikums Menschen versetzen konnte, küsst Mario den Zauberer auf die Wange.

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Er führt die Menschen vor und hält die Welt in Atem: der Zauberer Cipolla (Markus Butter).

Quelle: Matthias Creutziger

Dann lief er weg, es mag ihm peinlich gewesen sein, aber geschossen hat er nicht. Der Zauberer aber zog weiter und Mario bediente am nächsten Tag wieder seine Gäste, auch Thomas Mann mit Frau und Kindern, der in Forte dei Marmi bei Viareggio im September 1926 Strandurlaub machte.

Ganz ungetrübt war die Zeit in der südlichen Wärme nicht. "Kleine Widerwärtigkeiten" habe es gegeben, schreibt Mann später, gemeint sind Erfahrungen und Einschränkungen für die deutschen Gäste, "die mit dem derzeitigen unerfreulichen, überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen", so der Autor über die Atmosphäre in Italien.

Thomas Mann schreibt die Erzählung "Mario und der Zauberer". 1930 erscheint das Werk mit dem ursprünglichen Titel als Untertitel, "Ein tragisches Reiserlebnis". Die tödliche Tragik ist Dichtung, die Wege die dahin führen sind Wahrheit. Der englische Komponist Stephen Oliver, 1992 im Alter von nur 42 Jahren gestorben, schuf nach der Erzählung ein Libretto, das sich weitestgehend an den Verlauf der originalen Handlung hält, komponierte die Musik für ein Kammerensemble mit zehn Musikern, die Oper "Mario und der Zauberer" wurde 1988 uraufgeführt.

Manfred Weiß hat das Werk übersetzt und 2004 mit der Jungen Oper der Stuttgarter Staatsoper als deutsche Erstaufführung herausgebracht. Jetzt hat er es in der Spielstätte Semper 2 der Sächsischen Staatsoper in einer völlig neuen Inszenierung erfolgreich präsentiert. Ekkehard Klemm leitet ein Orchester Studierender der Hochschule für Musik. Kattrin Michel hat das Theater in ein Café zwischen Strand und Industriegebiet verwandelt und das Geschehen mit den Kostümen zeitlos vergegenwärtigt.

Zunächst schauen wir auf das Café, auf den Kellner Mario, bei seiner Arbeit, wie ihn Christopher Kaplan sensibel spielt und singt. Wir erleben die gellenden Wutausbrüche eines gescheitelten Ordnungsbürgers bis zur Bestrafung einer Urlauberin, deren kleine Tochter, gespielt und gesungen von Karo Weber, nackt gebadet hatte. Bernd Könnes mit grandiosen, scharfen Tenorattacken ist der Mann mit dem Scheitel, Christel Lötzsch, überzeugend in Spiel und Gesang, die Mutter, und Sabine Brohm als treffend typisierte Pensionswirtin will vermitteln. Gerald Hupach als Bürgermeister will das zunächst auch, knickt aber dann vor der selbsternannten Ordnungsmacht ein. Alle eint aber doch die Vorfreude auf den Abend, auf die große Show des Zauberers Cipolla.

Theater total, es wird umgeräumt, sieben junge Männer des örtlichen Anglervereins Torre di Venere packen an und geleiten uns an die weiß gedeckten Tische des Cafés. Wo wir zuvor saßen, ist die Bühne, wir sehen dem Verführer zu, wir spielen mit und die Akteure der Oper sind mitten unter uns. Rechenkünste, Kartentricks, wir staunen und man lacht ganz gerne, wenn ein vorlauter Typ wie Alan Boxer als Guiscardo öffentlich bloßgestellt wird. Wenn einer gegen seinen Willen tanzt, die Zunge heraushängen lässt oder auf einem Brett schwebt wie die berühmte Jungfrau.

Wir spüren und wir hören, dass es ungemütlich wird. Die spritzige Offenbacheinlage, die sanften Klänge südlicher Stimmung, die Rummelplatzmotive sind längst verklungen. Die Instrumente einzeln geführt, in widersprüchlichen Kombinationen, das große Schlagwerk, die Mischung der Tasteninstrumente, Klavier und Harmonium, wer hören will, könnte gewarnt sein. Und Markus Butter mit seinem so wohlklingendem wie von weicher Geschmeidigkeit grundiertem Bariton ist als Zauberer Cipolla ein Verführer der subversiven Art. Die Existenz dieses einsamen Trinkers hängt daran, dass andere lachen, wenn er andere lächerlich macht, wenn er unter dem Beifall der Öffentlichkeit andere zum Gespött macht, nur um nicht selbst verspottet oder enttarnt zu werden. Mag sein, man kann die Tragödie dieses Verführers im Hinblick auf die Zeit der Entstehung der Erzählung politisch deuten: Mussolini in Italien, Hitler in Deutschland. Das ist oft getan worden, die Intention von Thomas Mann war es zunächst wohl nicht.

In der Dresdner Aufführung werden wir auch nicht belehrt, wie wir das, was wir sehen und hören, zu verstehen haben. Selber denken macht Spaß. Die Größe der Inszenierung von Manfred Weiß ist ihre Freiheit, ihre Spannung bezieht sie aus einem Rätsel in zwei Teilen, zwei Fragen zu Beginn und zum Schluss, mit denen uns die spannende Aufführung entlässt. Zu Beginn sitzt Mario einsam im Café, er probiert eine Pistole aus, er richtet die Waffe gegen sich selbst. Ein junger Mann im Liebeskummer? Von einer Silvestra ist später die Rede. Er sei eben diese Silvestra, wird der Zauberer Mario suggerieren, er küsse sie, wenn er ihn küsst.

Aber warum ein Kuss von solcher Intensität wie im Finale? Warum wirkt Mario in diesem Moment wie bei hellstem Verstand, warum scheint für einen Moment der Zauberer den Boden unter den Füßen zu verlieren? Küsse und Bisse bei Kleist, Küsse und Schüsse bei Thomas Mann, dem es angenehm war, wenn der Kellner Mario ihm den Tee servierte. Dass Mann auch Zauberer genannt wurde, ist andererseits kein Geheimnis. Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 26., 28.11.; 1., 3., 4., 28., 29.12.

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2012

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