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Ein Klassiker erobert Hellerau: Wim Vandekeybus "What the Body Does Not Remember" hält die Zuschauer in Atem

Ein Klassiker erobert Hellerau: Wim Vandekeybus "What the Body Does Not Remember" hält die Zuschauer in Atem

Eine gute Woche hat es gedauert und ist mittlerweile Geschichte: das szene: Flandern-Festival in Dresden, verteilt auf das Festspielhaus Hellerau und das Societaetstheater.

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Kraftvoll, bedrohlich, umwerfend: Szene aus "What the Body Does Not Remember".

Quelle: Danny Willems

Die achte Ausgabe eines kleinen Festivals, das die Theaterszenen europäischer Regionen hier versammelt. Gemessen am Abschluss am Sonnabend, als ein proppevoller Saal in Hellerau das Gastspiel der flandrischen Tanzcompany Ultima Vez feierte, war es ein erfolgreicher Jahrgang.

Ultima Vez entstand 1986, seit knapp zwei Jahren ist die Truppe in Sint-Jans-Molenbeek bei Brüssel daheim. Gegründet wurde Ultima Vez von Wim Vandekeybus, der 1987 eine Choreografie vorstellte, die ihm einen Platz in der Ruh- meshalle des zeitgenössischen Tanzes und seiner Company Aufmerksamkeit bis heute beschert: "What the Body Does Not Remember" (übrigens im selben Jahr, in dem William Forsythe eins sei- ner bekanntesten Werke uraufführte: "In the Middle, Somewhat Elevated"). Seit vergangenem Jahr ist Vandekeybus' Inszenierung mit neuer Besetzung wieder weltweit auf Tournee, in diesem Jahr unter anderem noch in Paris und Beirut.

Der Auftakt in Hellerau lässt ahnen (und die Ahnung trügt nicht), worum es geht in "What the Body-": Macht, Kontrolle, Gewalt, Spiel, Risiko. Zwei Männer, auf dem Boden liegend in einem wie ein Gefängnis wirkenden Linienbild aus Licht, sind die Ausführenden von Handbewegungen einer Frau, die im Hintergrund an einem Tisch sitzt. Ein Bild brutaler Abhängigkeit, übersetzt in fast schmerzende Körperlichkeit. Diese Explosion von Körperarbeit - ein anderer Begriff wäre zu filigran für das Gezeigte - wird über anderthalb Stunden nicht enden.

Solisten gibt es dabei nicht. Was Vandekeybus erreichen will, funktioniert nur in der Gruppe, als Ganzes. Die neun Tänzer (vier Frauen, fünf Männer) wirken deshalb auch wahrlich als eine Art soziologisches Gefüge. Und wäre der Begriff nicht seltsam kontaminiert, würde man von einem Kollektiv sprechen.

Selbst das Geschlecht und die damit konnotierte, gesellschaftlich geprägte Rolle tritt im Lauf des Abends in den Hintergrund. Es geht um Grundeigenschaften, Grundziele, Grundverhaltensweisen. Männer und Frauen agieren auf der Bühne gleichermaßen als Täter und Opfer, als Unterdrücker und Unterdrückte.

Tanz ist bei Vandekeybus Aktion, Härte, Timing. Und doch auch Eros (denn Tanz ohne Eros wäre wie Ei ohne Dotter), in dem schon erwähnten körperlichen Sinn. Die getanzte Nähe, die in "What the Body-" immer auch Konfliktpotenzial in sich trägt, eskaliert dabei einerseits, wird aber an anderer Stelle auch poetisch gelöst, etwa wenn drei Tänzer kleine Federn durch Pusten in der Schwebe halten - und alle, die Musiker auf dem Podium eingeschlossen, schauen gebannt zu.

Das Akrobatische der Choreografie ist Abbild des Risikos, das wiederum wichtiger Bestandteil eines Spiels ist. Und spielerisch wirkt einiges, wie das Werfen und Fangen von Gasbetonsteinen (die leicht sind, aber nicht so leicht, das die fliegenden Quader ungefährlich wären). Aus Spiel wird Bedrohung, daraus dann Gewalt.

Vandekeybus kommentiert jedoch auch, lässt seine Tänzer zum Beispiel wie Models die Bühne kreuzen. Sie kreieren eine stete Weitergabe von Textilien, ob Jacken oder Badetücher, in einer nicht enden wollenden Kette aus Bewegungen. Aus jetziger Sicht ein ironisch-kluger Vorausgriff auf das, was heutzutage in der nach unten offenen Heidi-Klum-Skala als Sprungbrett in ein angebliches Glamourleben verkauft wird.

Nach all dem noch eine Zugabe. Drei Musiker von Ictus - der Band, die in elfköpfiger Stärke live durch den Abend spielte und dabei kongenial mit den Tänzern, dem Tanz verschmolz - formen an kleine Tischen Klänge, indem sie mit ihren Händen eine unebene, in den Tischplatten eingelassene Oberfläche rhythmisch bearbeiten, einer dafür gefertigten Partitur folgend. Sie schlagen damit auch den Bogen zum Beginn des Abends, zur Frau am Tisch, die zwei Tänzern den Rhythmus, das Leben vorgab.

Was folgte, waren Beifall, trampelnde Füße, Ovationen. Vandekeybus' Inszenierung hat an Frische und Stärke nach 27 Jahren nichts eingebüßt. Bemerkenswert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.04.2014

Torsten Klaus

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