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Ein Kessel Buntes - Eine Woche Schaubudensommer in Dresden

Ein Kessel Buntes - Eine Woche Schaubudensommer in Dresden

Improvisiert, verbastelt, märchenhaft, bunt, laut und sperrig. Einmal im Jahr fokussiert sich das Wesen der Äußeren Neustadt in einem Brennpunkt und zündelt - einem Lausbuben gleich - solange, bis die Flammen lichterloh in den Abendhimmel flackern - eine echte Walpurgisnacht.

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Marionettenspieler Remo di Filippo aus Barcelona haucht seinen Puppen Musikalität ein.

Quelle: Amac Garbe

Wenn die Neustadt eine große Familie ist, dann ist der Schaubudensommer das gemeinsame Weihnachtsfest ohne Würstchen und Kartoffelsalat, dafür aber mit veganen Seitan-Burgern und Schafskäse.

Das Schaustellerfest rund um die Scheune an der Alaunstraße läuft nunmehr seit einer Woche. Die Gaukler, Musiker, Akrobaten und Komiker machen nur noch bis Sonntag täglich ab 20 Uhr das Zentrum des alternativen Viertels unsicher. Die Veranstalter sind mit dem bisherigen Verlauf des Schaubudensommers zufrieden: "Alleine am ersten Wochenende konnten wir 6000 Besucher begrüßen - ein wenig mehr als im vergangenen Jahr", sagt Pressesprecherin Dana Bondartschuk. Insbesondere der Familiensonntag sei sehr gut angenommen worden.

Einziger Wermutstropfen: Die zahlreichen Gewitter. Doch wer bereits in den vergangenen Jahren einige Abende als Gast auf dem Gelände verbrachte, weiß auch, dass der Regen einfach dazugehört. So bleiben die großen Holztreppen, die sonst zum Verweilen und Trinken einladen, immer wieder verwaist. Die Zelte der Schausteller bieten aber ausreichend Unterschlupf und ganz nebenbei ein selten buntes Programm.

Viele spanische Künstler hat es in diesem Jahr nach Dresden verschlagen. Der Grund: Die Handpuppenspieler von Zero en Conducta aus Spanien, die in ihren Stücken Möbeln und Lampen Leben einhauchen, wurden im vergangenen Jahr frenetisch gefeiert. Zurück in der Heimatstadt Barcelona berichteten sie vom tollen Festival in "Alemaña" und weckten das Interesse ihrer Landsmänner. "Ich durfte im vergangenen Jahr Zero en Conducta an der Technik unterstützen und habe mich danach selber beworben", sagt Puppenspieler Remo di Filippo, der mit seinen handgemachten Marionetten auftritt. Das Markenzeichen des Spaniers: Er führt keine Märchen oder ähnliches auf. Die Puppen tanzen Ballett, spielen E-Gitarre zu Clapton und den Doors oder Flamenco auf der Geige. "Es geht darum, die Bewegung, die sich an der Musik orientiert, erfahrbar und die Handbewegungen des Puppenspielers sichtbar zu machen. Das ist auch besser für ein internationales Publikum geeignet", erklärt Di Filippo, der sein Handwerk in dem ehemaligen besetzten Haus Casa Taller De Marionetas in Barcelona gelernt hat.

Vermeintliche Höhepunkte des Schaubudensommers waren bisher die Auftritte von Anna Mateur und dem Jazz-Pianist Andreas Gundlach. Mateur, die seit Jahren mit wechselnden Bühnenpartnern zum Inventar des Schau- budensommers gehört, lieferte eine gewohnt zum Schreien komische Show, die musikalisch irgendwo zwischen Musikantenstadl-Satire, Jazz, Pop und Flamenco angesiedelt war. Mit vollem Körpereinsatz schwang sich die herausragende Sängerin auf das Piano von Gundlach, behauptete felsenfest, das Klavierräkeln vor langer Zeit beim Kratzen der Innenseite ihrer Hüfte selbst erfunden zu haben, um sich daraufhin mit dem Gesäß voran auf die Tasten zu stürzen. Die Virtuosin Mateur ist die einzige Frau, die mit ihrem Hintern drei Oktaven schafft. Dieses Kunststück gelang ihr jedoch erst im zweiten Anlauf.

Trotz der Präsenz von Anna Mateur: Der Berliner Gundlach, ein ehemaliger Student der Hochschule für Musik Dresden, konnte im Dirndl gekleidet gut mithalten. Stahl der Diva mit seinem Spiel sogar zeitweise die Show. Die fand das - zumindest im Spaß - gar nicht gut und zog immer wieder ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, um sich kurz darauf wieder zu fangen und mit per- fekter Stimme und Blockflötenspiel ein Medley vorzutragen. "Studien haben ergeben, dass der Pöbel mit Medleys am Besten rumzukriegen ist", versetzte sie dem Publikum im Vorfeld einen Seitenhieb. Die Güte des Programms erklärt auch den großen Andrang, der bei den insgesamt neun Vorstellungen von Anna Mateur herrschte. Vor dem Eingang zur Bühne in der Scheune bilde- ten sich lange Schlangen, so wie sich generell Menschenmassen zwischen die Schaubuden quetschen, was jedoch der Stimmung noch keinen Abbruch tut. Das Schaubuden-Königreich verleibt sich in diesem Jahr nicht nur den Schulhof der Dreikönigsschule ein. Um die Lärmbelastung zur späten Stunde einzudämmen, hat man sich entschieden, eine Mitternachtsüberraschung an wechselnden Orten anzubieten. So leert sich zur Geisterstunde das Festivalgelände blitzartig und der Besucher findet sich in einem Tross wieder, der, immer der Kapelle hinterher, durch das Viertel pilgert. Am Mittwoch etwa trat der Gnadenchor auf einer Balustrade in den Kunsthofpassagen auf. Ein schöner Kontrast zum Jahrmarkttrubel an der Alaunstraße.

Ein Geheimtipp für jeden, der wirklich eintauchen möchte in die glitzernde Zauberwelt: Wer durch den verrückten Schaubudensommer wandelt, sollte am besten auch selber ein bisschen derangiert aussehen, um wirklich dazu zu gehören. Möglich macht dies die "Werkstattschaubude" gleich am Eingang zum Hauptgelände hinter der Scheune. Zehn Schneider, Kostüm- und Maskenbildner verkaufen nicht nur handgemachte Hüte, Handpuppen und Kleider, sondern verdingen sich darüber hinaus als Meister der Metamorphose. Gegen kleines Geld verwandeln sie die Schaubudenbesucher in Frösche, Hexen, Clowns, Prinzen und andere Fantasiewesen.

Der Schaubudensommer öffnet täglich ab 20 Uhr. Der Eintritt auf das Gelände kostet 2 Euro und die Veranstaltungen in den Schaubuden 5 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.08.2014

Hauke Heuer

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