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Ein Improvisator geht nicht in Rente: Dem Jazz-Pianisten Ulrich Gumpert zum 70.

Ein Improvisator geht nicht in Rente: Dem Jazz-Pianisten Ulrich Gumpert zum 70.

Wie viele Stunden Lebenszeit mögen Dresdens Liebhaber improvisierter Musik wohl schon dem Jazzclub Tonne zu verdanken haben? Und wie viele davon waren in besonderer Weise vom Jazzpianisten Ulrich Gumpert geprägt? Es wird niemand gezählt haben, aber alle dürften sich einig sein, dass wir mehr als genug Bereicherung erfahren haben, um endlich mal Dank zu sagen und sowohl dem rührigen Veranstalter nebst seinem Verein als vor allem auch dem Musiker selbst von Herzen zu gratulieren.

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Ulrich Gumpert in der Dresdner Tonne.

Quelle: Matthias Creutziger

Denn der wird heute 70.

Als er jetzt mal wieder in der Tonne zu Gast war, ist zwar kräftig darauf hingewiesen worden, doch angesehen, angehört gar hat man es ihm keinesfalls. Uli Gumpert, wie er in Jazzkreisen genannt wird, agiert seit Jahrzehnten in bescheidener Eigenheit, macht nicht vordergründig von sich reden, ist aber präsent, wenn es darauf ankommt. Ein Mann der Tat, wenn man so will. Ein herausragender Könner. Und nicht zuletzt auch selbst ein bekennender Jazz-Liebhaber.

Er wurde in jungen Jahren infiziert, der heute vor 70 Jahren in Jena geborene Wegbereiter des frei improvisierten Jazz. Was können wir froh sein, dass er sein Studium als Hornist an der Musikhochschule Weimar abbrechen musste! Denn im Fach Marxismus-Leninismus kam er als Improvisator nicht durch. Als er später in Berlin Klavier und Komposition belegte, hatte er seinen Weg gefunden - geradlinig mit zahllosen Umwegen. In frühen Jahren wirkte Gumpert bei Klaus Lenz mit und war Gründungsmitglied von SOK, einer legendären Jazzrock-Formation Anfang der 70er. Der damals aufblühenden Elektronik in der Musik ist er bis heute als Hammond-B3-Organist treu geblieben, es drängte ihn rasch zum Freejazz, dem er ab 1973 mit der in Warschau geschaffenen Formation Synopsis frönte.

Die sogenannte Viererbande um Gumpert, Conny Bauer, Ernst-Ludwig Petrowsky und Günter Baby Sommer legte eine Radikalität an den Tag, wie sie bis dato im deutschen Jazz nicht gelitten war. Doch weder hier noch in der Ulrich Gumpert Workshop Band, im eigenen Quartett oder im Zusammenspiel mit Uschi Brüning, Manfred Krug und vielen anderen ging es ums Zerstören von Strukturen. Die musikalische Szene wurde zwar kräftig aufgemischt und erfuhr belebenden Austausch, aber Gumpert betont heute noch, dass es ihm nichts ums Kaputtspielen gegangen sei, sondern um einen anhaltenden Befreiungsakt. Für diese Identitätssuche griff der "Alte Thüringer" weit ins Historische zurück und holte "Aus teutschen Landen" witzig-intelligent deutsche Volkslieder ans Licht, die er jazzig auffrischte und ihnen so zu neuer Blüte verhalf.

Gumpert, ruhelos bis heute, ist auch als Solist unterwegs, hat sich minimalistischer Moderne gewidmet, fürs "Tatort"-Fernsehen gearbeitet und brilliert vor allem noch immer mit seinem virtuosen, überraschungsvollem Spiel.

Das Dresdner Geburtstagskonzert "Gumpert & Friends" war ein weiterer Beweis für das so Wunder- wie Wandelbare in Gumperts Wirken. Gemeinsam mit der Saxofonistin Silke Eberhard und dem Bassisten Jan Roder ging er das Spektrum spielerischen Erfindungsreichtums durch, unterstrich Freiheitsanspruch im eigenen Werk, in der Umsetzung von Fremdgut und stets auch wieder im musizierenden Miteinander. Niemand hat da wem die Show gestohlen, jeder hat sein Virtuosentum entfaltet, um dennoch reichlich Eigensinn einzubringen und die Summe des Ganzen in ein glanzvolles Gesamtereignis fließen zu lassen. Neben der hinreißenden Bandbreite am Saxofon und dem gelenkigen Bass trug der für den erkrankten Baby Sommer eingesprungene Schlagzeuger Christian Marien sein mit stoischer Ruhe vorgetragenes Scherflein bei. Ob die vier Jazzer sich frei am Material bewegten, ob sie aus Kleinstintervallen Ausflüge zu großen Bögen unternahmen und Anklänge zu Rock'n'Roll, Blues und Swing zelebrierten - das wirkte alles bestens aufeinander eingespielt und wurde von den zahlreichen Gratulanten nur allzu gerne goutiert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.01.2015

Aldo Lindhorst

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