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Ein Held, keine Rettung - Wolfgang Engel inszeniert "Der Drache" am Staatsschauspiel Dresden

Ein Held, keine Rettung - Wolfgang Engel inszeniert "Der Drache" am Staatsschauspiel Dresden

"Der Drache" von Jewgeni Schwarz, 1943 von Josef Stalin für unwert befunden, ist im deutschen Sprachraum eine Theaterlegende und das aufgrund einer einzigen übermächtigen Inszenierung, die von Benno Besson 1964 am Deutschen Theater in Ostberlin herausgebracht worden war, mit Rolf Ludwig und Eberhard Esche in den Hauptrollen.

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Matthias Luckey (Lanzelot), Tom Quaas (Drache) und Ines Marie Westernströer (Elsa, Tochter des Archivars).

Quelle: David Baltzer

Ein Riesenerfolg, der auch von Missverständnissen lebte, die sich bis heute fortsetzen, aber an denen sich schon damals keine Geringeren als Heiner Müller und Wolf Biermann abgearbeitet haben. Hätte man etwa den Drachen in Gestalt von Walter Ulbricht zeigen oder das Ganze lieber unterlassen sollen? Wer oder was sollte dann Wolfgang Engel als Zielscheibe dienen, der das Stück jetzt zur ersten Aufführung am Staatsschauspiel Dresden brachte?

Oberflächlich betrachtet ein Märchen, aus verschiedene Motiven und Kulturkreisen zusammengestückelt, in dem neben dem grässlichen Lindwurm ein sprechender Kater, eine Tarnkappe und ein fliegender Teppich vorkommen. Allerdings steckt hinter der flott und wie aus dem Stegreif erzählten Geschichte bzw. ihrer vielschichtigen Parabel noch weit mehr, denn sie fußt letztlich auf Nibelungenlied und Arthussage, alten Mythen von der Herausbildung der europäischen Zivilisation, die sich heute in verhängnisvoller Weise zu einem Teil nur noch als westlich begreift. Das Stück aktualisiert sich infolgedessen selbst, und der Drache ist insofern immer die äußere Bedrohung, die zur Rechtfertigung innerer Repressionen dient.

Damit sind wir statt im Märchen auf der ganz großen Bühne, und tatsächlich hat Ausstatter Hendrik Scheel die des Dresdner Schauspielhauses dekoriert wie zu einer politischen Schauveranstaltung, freilich darauf bedacht, dass die Farben keiner bekannten Partei zugeordnet werden können. Und so wallt es in güldenen und silbernen Strähnen an der Decke und von den Wänden, und zunächst einmal marschiert da der Chor der Bürger auf zum Prolog, verspricht respektive imitiert ein Spektakel "mit großem Orchester, ersten Solisten, Ballett und Chor" inklusive einer knappen Erklärung zu Herkunft und Wesen des Untiers: "Der Drache spukt in wechselnden Gestalten- Er kämpft mit Napalm und mit Care-Paketen-" Da sind wir allerdings in einem etwas anderen Film, nämlich bei Heiner Müller und seinem Drachenoper-Libretto für Paul Dessaus "Lanzelot".

Nach dieser vorbeugenden Rückversicherung - das Staatsschauspiel kündigte die Inszenierung als Teil einer Trilogie an, die sich mit dem Leben in Diktaturen auseinandersetze - kann man sich auch einen wundervollen, das ganze Bühnenportal beherrschenden Drachenkopf leisten. Doch erst einmal erscheint nur Matthias Luckey als Lanzelot, in Hut und grüner Lederjacke wie Udo L. in jüngeren Jahren, diesem durchaus ähnlich auch in ehrenwerten Ansichten und Lebenswandel: ein professioneller Weltverbesserer, nicht zu cool und auch nach Jahrhunderten noch immer leicht entflammbar, der es aber gelernt hat, Kräfte und Mittel gut einzuteilen (wie übrigens auch der Regisseur). Dieser Lanzelot trifft auf einen scheinbar defensiven, aber durchaus anschmiegsamen und herrlich mauzenden Kater in Gestalt von Christoph Clauß, was schon vorwegnimmt, dass es insgesamt nicht so trocken zugehen wird wie bei der ersten Begegnung mit der jüngst erkorenen und in ihr Schicksal ergebenen Drachenbraut Elsa (Ines Maria Westernströer) sowie ihrem Vater, dem Archivar Charlemagne (Lars Jung), der par exemple das rechtschaffen Konservative, das bürgerlich Aufrechte verkörpert. Der Bürgermeister der vom Drachen heimgesuchten Stadt (Holger Hübner) und sein aalglatter Sohn (Benjamin Pauquet), eigentlich Elsa versprochen, aber aus Karrieregründen durchaus zum Rücktritt bereit, spielen dagegen von ganzem Herzen eine intrigante Seifenoper, um den unwillkommenen Retter abzuwimmeln, das Volk ruhig und den Unterdrücker zufrieden zu stellen, der sich gern einmal - entsprechend der Zahl seiner Köpfe - in unterschiedlichen Charakteren in menschlicher Gestalt präsentiert und dann jedenfalls Klartext redet.

Dabei erscheint Tom Quaas zunächst als durchaus honoriger Bräutigam in noblem Schwarz und beinahe leutselig, solange jedenfalls, bis ihn die unerwartete Herausforderung mit hochrotem Kopf erstarren und schließlich gänzlich die Kontrolle verlieren lässt. Da darf sich der Erzkomödiant und schillernde Charakterspieler austoben, und dieses Zündeln bringt die komödiantische Maschinerie erst recht in Schwung, lässt auch die vom Autor eingebrachte Mentalität aufleuchten, ohne dass da (einen später auftretenden Gefängnisdirektor mal ausgenommen) etwas in Richtung Folklore gerät.

Engel spitzt das Satirische zu, aber das wetterwendische Verhalten der "Volksmassen", chorisch unisono inszeniert und von Harald Wandtke choreographiert, das operettenhafte Auftreten finsterer Wachen und des Militärs in lächerlichen Fantasieuniformen haben auch etwas Beängstigendes, und auch derart nimmt er die so simpel nachvollziehbaren Macht- und Ränkespiele der städtischen Verwalter bzw. die zugrunde liegenden nur zu menschlichen Regungen durchaus ernst. Vielleicht sogar zu ernst in dem Sinne, wie sie der Drache als uralter Anti-Guru interpretiert: Die Menschen haben mit ihm genau den Herrscher, den sie verdienen, und wird er doch besiegt, haben sie nichts Eiligeres zu tun, als die alten Verhältnisse wiederzustellen, ja an Ungerechtigkeit und Grausamkeit noch zu überbieten. Damit stellt sich freilich die andere, vom Drachen ausgesprochene und wie ein Menetekel ins Programmheft geschriebene Deutung in Frage: "Der Krieg, das bin ich". Der Kater fegt die drei Köpfe bzw. menschlichen Gestalten des Drachen wie Müll in den Rinnstein und schleicht sich mit dem wieder einmal zu Tode verwundeten Lanzelot aus der Stadt. Er macht Platz, aber nicht für etwas grundsätzlich Neues, sondern nur für den Bürgermeister, der sich nun zum Präsidenten ausruft und als Drachentöter feiern lässt.

Die Jubelfeier zum ersten Jahrestag lässt Engel mit so viel Pomp und gleichgeschalteter Begeisterung inszenieren, er steuert so gnadenlos auf Elsas anstehende Zwangsverheiratung zu, dass niemand mehr an eine neuerliche Wende glauben mag. Denn die neuerliche Unterdrückung rechtfertigt sich nicht durch eine tumbe, leicht zu entlarvende Ideologie, sondern durch die gesetzmäßige Ungleichheit unter den Bedingungen des Marktes (der Eitelkeiten). Als Lanzelot dennoch erscheint, landen zwar der Präsident und sein Sohn prompt im Gefängnis, aber die ersten zarten Demokratierufe enden sogleich in einer Kakophonie widerstreitender Ansichten. Es gibt keine grundsätzlich guten oder bösen Herrschaftssysteme, irgendwo gleichen sie sich alle auf fatale Weise, deutet Engel an und gibt damit dem Mythos den Rest. Der neue Mensch, die Revolution, von denen Müller in den Endsechzigern noch träumte, sie bleiben aus. Der geläuterte Held Lanzelot steht am Ende allein; Elsa, die liebevolle, die beherzte Wenderin der Geschicke, eben noch so leidenschaftlich unbeugsam, sie reicht ihm ihre Hand nicht; vergebens wartet er, während sich der Eiserne Vorhang senkt-

Zum Schlussbeifall steigerte sich das Publikum in eine Begeisterung, die während der Aufführung in dem Maße kaum spürbar war - selten hat man einen so glücklichen und gerührten Regisseur gesehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.04.2013

Tomas Petzold

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