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Ein Großer ganz privat - Dresdens Technische Sammlungen zeigen Hugo Erfurths fotografisches Tagebuch

Ein Großer ganz privat - Dresdens Technische Sammlungen zeigen Hugo Erfurths fotografisches Tagebuch

Seine Porträtfotografien gehören zu den besten überhaupt. Was Hugo Erfurth in Dresden in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts schuf, suchte seinesgleichen. Er inszenierte diese Porträts detailgenau, wie er sich selbst als Fotograf ebenfalls schon früh inszenierte.

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Spielerisch: Hugo Erfurth in einem Selbstporträt als Musketier, 1898.

Quelle: TSD/© Hugo Erfurth

Den fotografierenden Privatmann allerdings gab es bisher öffentlich so gut wie gar nicht zu sehen. Das dürfte die Ausstellung "Hugo Erfurth - Das fotografische Tagebuch 1894-1930" in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) ab heute ändern.

Ein Wort schwingt dabei rasch im Raum. Fotografieren sei für Erfurth "geradezu obsessiv" gewesen", resümiert Andreas Krase, TSD-Kustos für Fotografie und Kinematografie, beim gestrigen Pressetermin. Erfurth habe "die Kamera eigentlich nie aus der Hand gelegt". Vor allem seine Frau Helene, aber auch die Tochter Annemarie mussten als Modelle wohl oft geduldig die Anweisungen des Ehemanns und Vaters über sich ergehen lassen. Und tatsächlich findet sich im Gesicht der Mutter nicht immer ein Lächeln. "Sie war sicher ab und an auch mal gequält von dieser Situation", wagt Krase eine Interpretation. "Familie sein hieß Modell sein im Haus Erfurth."

Um das Gezeigte entsprechend einordnen zu können, eine kurze Rückblende. Etwa 2009 konnten die Technischen Sammlungen den privaten Foto-Nachlass Erfurths erwerben, laut Krase 242 Tafeln mit etwa 1200 Einzelbildern. 85 dieser Tafeln sind nun zu sehen, wobei bewusst ganze Serien, die etwa Reisen nach Italien oder in die Alpen dokumentierten, ausgespart wurden. Der Nachlass stammt übrigens aus Familienbesitz und war in Gaienhofen daheim, einer Gemeinde am Bodensee, wohin sich Erfurth nach dem Krieg wandte. 1948 starb der Fotograf dort.

Das präsentierte Konvolut wird flankiert von ein paar Porträtfotos aus der Sammlung des Museums. Dazu zählen Abbildungen des Malers Hans Thoma (1913) oder von Gerhart Hauptmann (1927). Selbstverständlich sind auch Selbstporträts zu sehen. Aufschlussreich ist aber vor allem ein kurzer Stummfilm im Auftaktbereich der Schau. Der Streifen, dessen Macher und Quelle unbekannt sind, zeigt Hugo Erfurth, wie er einer Kundin Anweisungen zur richtigen Pose gibt. Die Klientin ist aber keineswegs unbekannt, sondern Erfurths Tochter. "Er inszeniert sich hier als Meister", lautet Krases Einschätzung.

Und sonst inszeniert er, wie gesagt, die Familie. Das können Ausflüge in die Umgebung sein wie nach Großsedlitz, wo Helene oftmals abgelichtet wird, oder nach Thüringen, auch an die Ost- und Nordsee. Dabei zeigen die ersten Aufnahmen, die noch im späten 19. Jahrhundert beginnen, Erfurths Anregungen durch den Jugendstil. Wie er Helene ins Bild setzt, ist sie fast ein Abbild der Frauenbilder von Gustav Klimt oder Alfons Mucha. Später, auch diese Wendung wird klar, ist Erfurth von Strömungen der Neuen Sachlichkeit beeinflusst, vom sogenannten Neuen Sehen, auch wegen der Weiterentwicklung der Kameratechnik - schließlich arbeitet er in den 20er Jahren mit einer Rollfilmkamera. All das macht Krase bei einem Rundgang durch die Ausstellung anschaulich. Die ausgewählten Fotos, selbst wenn sie stellenweise im Original recht klein sind, unterstreichen diese Stilbewegung. Allerdings gelte diese Entwicklung nur für Erfurths fotografisches Tagebuch, "bei seinen Porträts bleibt er weiterhin bei einer sehr malerischen Inszenierung". Auf Reisen gab es wie gesagt immer wieder Fotos, Dresden selbst ist dagegen bei Erfurth so gut wie nicht ins Bild gekommen.

Krase sieht dennoch die Grenzen der Ausstellung. Man habe von dem Material gewusst, es sei nicht unbekannt gewesen. Erfurths Werk sei außerdem auch ohne dieses fotografische Tagebuch denkbar. Das ist angenehme Erdung statt Sensationsheische.

Doch auch wenn der Privatmann hier und da deutlich durchkommt, bei dem Selbstporträt als Musketier auch das Spielerisch-Bukolische Einzug hält, bleibt eine klarere Kontur der Person Erfurths nur in Ansätzen erkennbar. Seine Hinwendung zur Avantgarde, zur Künstlerszene generell, zur sogenannten Reformbewegung, zum Deutschen Werkbund sind bekannt. Und eines der Rätsel in Erfurths Leben löst auch diese Ausstellung nicht, wie Krase einräumt. Über seinen Weggang nach Köln 1934 gebe es nach wie vor nur Vermutungen. So könnte das Potenzial des Kundenkreises in Dresden ausgeschöpft gewesen sein oder auch der frühe Höhenflug der Nazis an der Elbe eine Rolle gespielt haben. All das aber bleiben Spekulationen. Fakt ist, dass Erfurth beim Bombardement Kölns 1943 sein Archiv einbüßte. Nach dem Krieg machte er nur noch Passfotos im kleinen eigenen Atelier.

Das ist die tragische Komponente eines fotografierenden Künstlers. Als das Neue in Form neuer Kameratechnik über ihn kommt, probiert er es aus, ohne selbst zum Neuerer zu werden. Hugo Erfurth bleibt bis zum Schluss das, was man heute old school nennt. Wer ihn im eingangs erwähnten Film beim Auftragen der Druckfarbe sieht, um das Bild aus dem Papier hervorzuzaubern, wird merken, dass das nicht despektierlich gemeint ist.

bis 24. August, Technische Sammlungen, Junghannsstr. 1-3, Di-Fr 9-17, Sa & So 10-18 Uhr

www.tsd.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.05.2014

Torsten Klaus

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