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Ein Gespräch mit Dániel Hamar von Muzsikás, die bei den Musikfestspielen zu Gast sind

Ein Gespräch mit Dániel Hamar von Muzsikás, die bei den Musikfestspielen zu Gast sind

Die Dresdner Musikfestspiele vom 15. Mai bis 3. Juni 2012 widmen sich unter dem Motto "Herz Europas" insbesondere jener Region, die im Dreieck Wien-Budapest-Prag so viele Wunderwerke der Musik geboren hat.

In einer Interviewserie der DNN kommen Künstler, die in Dresden zu erleben sein werden, als Stimmen aus dem Herzen Europas über Europa zu Wort. Heute: Dániel Hamar, Kontrabass, Gardon, Perkussion.

Frage: Kunst und Kultur haben sich noch nie durch nationalstaatliche Denkmuster und Egoismen beschränken lassen, daher wird ihr eine führende Rolle im europäischen Einigungsprozess zugewiesen. Wie kann Kultur den europäischen Gedanken über die Dimension einer Wirtschafts- und Währungsunion hinaus stärken?

Dániel Hamar: Für mich sollte Europa hauptsächlich eine kulturelle Einheit sein. Global gesehen leben wir hier in einer wirklich einzigartigen Region: In einer Stadt wie meiner, Budapest, gibt es circa 25 Theater, fünf exzellente Symphonieorchester, drei große Konzerthäuser und ein Opernhaus. Von den kleineren Musik-Clubs ganz zu schweigen. Wenn ich mich ins Auto setze, bin ich in anderthalb Stunden in Wien, wo das kulturelle Leben mit Konzerthäusern, Opernhäusern, Theatern ähnlich pulsiert. Wo sonst in der Welt findet man solch eine "kulturelle Dichte"? Wir Europäer müssen stolz darauf sein und diese Dichte erhalten. Meiner Meinung nach muss Kultur immer Priorität haben - Wirtschaft und Geld sind zweitrangig.

Das Herz Europas war die Triebfeder, die Kunst und Kultur zu unnachahmlicher Blüte gebracht hat. Sie zeigen uns, dass Europa mehr ist als eine Wirtschaftsunion, sondern eine Wertegemeinschaft. Worin besteht das gemeinsame "kulturelle Erbe", das eine europäische Identität prägt? Wie wichtig ist es gleichzeitig, diese Vielfalt zu erhalten?

"Vereint in Vielfalt" ist eine kurze und exakte Beschreibung. Die Vielfalt der europäischen Kultur zu erhalten ist sehr wichtig. Jede Sprache, jede Tradition ist einzigartig. Generationen von Menschen haben sie geprägt und "nutzbar" gemacht. Jeder lernt zuerst seine Muttersprache, die Gedichte, Lieder, Kultur seiner Heimat. Dies ist der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis. Wenn die Sprachen und Volksweisen von Minderheiten untergehen, dann ist das ein unwiederbringlicher Verlust. Ein Verlust für uns alle.

Wann spüren Sie am deutlichsten, wie kraftvoll das Herz Europas schlägt?

Vor ein paar Wochen hatten wir eine Einladung zu einer Veranstaltung des Bundestags, zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Wir sollten drei kurze Musikstücke spielen, die zu diesem Thema passten. Wir wählten drei traditionelle Melodien aus Transsylvanien, ein ungarisches, ein rumänisches und ein jüdisches Stück. Diese drei Minderheiten sollten das Leiden der Völker während des NS-Regimes repräsentieren. Jeder hat diesen Bezug verstanden. In jeder kleinen Volksgruppe ist ein Stück Europa - und umgekehrt kann jede kleine Volksgruppe für ganz Europa stehen.

Was bedeutet der europäische Gedanke für Ihre Arbeit? Wo begegnet er Ihnen in seiner schönsten Form?

Ich habe das Privileg, zwei Jobs zu haben. Zum einen bin ich Musiker, Ensemblemitglied bei Muzsikás, zum anderen bin ich aber auch Geophysiker an der Eötvös Universität. Dort arbeite ich an einem dreijährigen Forschungsprogramm der EU. So habe auf zwei Ebenen mit Europa zu tun.

Letzten Sommer durften wir zwei Konzerte im Rahmen einer Bartók-Serie des London Philharmonic Orchestra spielen. Béla Bartók ist mein persönliches Idol. Der Komponist ist für mich ein ungarischer Patriot, der enorm viel Zeit damit verbrachte, ungarische Volkslieder zu sammeln, in dem er von einem Dorf zum nächsten reiste. Aber er sammelte auch tausende Melodien aus Rumänien, der Slowakei und sogar aus der Türkei. Beim Komponieren seiner fantastischen Musik ließ er sich davon inspirieren. Für mich war Bartók ein aufgeschlossener Europäer, ein europäisches Genie.

Welche Rolle spielt die traditionelle Musik einzelner Volksgruppen für unser europäisches Verständnis?

Musik ist ein grundlegendes Bedürfnis des Homo sapiens: Keine menschliche Kultur hat je ohne Musik existiert. Musik spielt für jede Gesellschaft eine wichtige Rolle, sie hält Geist und Seele gesund. Die meisten Volkslieder haben sogar "heilende Wirkung", schon allein deshalb, weil sie Generationen überlebt und weniger heilsames "Unkraut" hinter sich gelassen haben. Die heute in Europa erhaltenen Melodien sind erstaunlich ähnlich. Nicht die Form, nicht die Instrumentierung, auch nicht die Sprache - aber der Geist ist ähnlich. Diese Melodien kommen ganz tief aus der Seele. Die Stimmung eines Liedes, das einen Traurigen tröstet, ist von Norwegen bis Griechenland, von Irland bis Bulgarien vergleichbar. Durch Musik verstehen sich die Völker untereinander - denn Trauer ist nun mal Trauer, egal ob in Ungarn oder Skandinavien.

Muzsikás: Virtuose Volksmusik aus Ungarn nach überlieferter Tradition der Dorfmusikanten: 20. Mai, 16 Uhr Schloss Wackerbarth

mit Mihály Sipos (Violine), László Porteleki (Violine, Koboz), Péter Éri (Viola, Kontra, Mandoline, Flöten), Dániel Hamar (Kontrabass, Gardon, Perkussion), Mária Petrás (Traditioneller Gesang)

Nach 35 erfolgreichen Jahren ist Muzsikás das bekannteste und populärste ungarische Volksmusikensemble weltweit. Dank seiner musikalischen Fähigkeiten ist es in der Lage, mit den unterschiedlichsten Musikern zusammenzuarbeiten und verschiedene Musikstile zu mischen - von Volksmusik über Klassik und Jazz zur alternativen Rockmusik.

Muzsikás sind in Europa, in den USA, Kanada, Japan, Australien, Neuseeland, Hongkong, Singapur und Taiwan aufgetreten und gern gesehener Gast bei den wichtigsten Festivals und in Konzertsälen wie der Royal Albert Hall, dem Barbican Centre und der Queen Elisabeth Hall in London, dem Théâtre de la Ville und der Cité de la Musique in Paris, der Accademia Santa Cecila in Rom, dem Concertgebouw in Amsterdam und der Carnegie Hall in New York.

Konzertpartner waren u.a. Alexander Balanescu, Roel Dieltiens, Jenő Jandó, Mihály Dresch, das Takács Quartet, das BBC Scottish Symphony Orchestra, das London Sinfonietta und das Danubia Symphony Orchestra.

Stimmen aus dem

Herzen Europas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.04.2012

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