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Ein Gesamtkunstwerk: Derevos "Fünfte Sonne" im Festspielhaus Hellerau in Dresden uraufgeführt

Ein Gesamtkunstwerk: Derevos "Fünfte Sonne" im Festspielhaus Hellerau in Dresden uraufgeführt

Apokalypse sieht anders aus. Und kalt wird es in Deutschland auch ohne Gefasel vom Weltuntergang. Insbesondere in dieser Jahreszeit. Von den Temperaturen unterm leuchtenden Halbmond aber ziemlich ungerührt, empfangen in beinah schon gewohnt-ungewohnter Weise kostümierte Mimen inmitten arrangierter Kunstwerke das Publikum zur Uraufführung "Fünfte Sonne".

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Derevos "Die fünfte Sonne" von Ensemblechef Anton Adassinsky (r.) und dem St. Petersburger Schauspieler Pavel Semtchenko.

Quelle: Matthias Hiekel, dpa

Damit setzt das Tanztheater Derevo zum wiederholten Mal ein Glanzlicht zum Jahresausklang im Festspielhaus Hellerau.

Nur das Entree findet unterm freien Himmel statt. Als hätte man sich nicht auf den echten Erdtrabanten verlassen wollen, strahlt noch ein kugelrunder Ballon sein Rot in die Nacht. Wie sich später herausstellen soll, ist damit das Abbild der Sonne gemeint. Die nämlich ging den Menschen verloren. In einer erkaltenden Welt des Dunkels scheint auch alle Vergangenheit versunken zu sein. Was jetzt aber nach tiefer Trauer klingen könnte, wird geradezu lebensfroh humorig und komödiantisch aufgefangen.

Das ist kein Tanz auf dem Vulkan. Wenn der italienische Clown Adriano Milani die bibbernden Gäste vor dem Betreten des Festspielhauses schon einmal aufwärmt, nicht nur mit Glühwein und deftiger Kost, auch mit sprudelnden Worten und funkelnden Augen, dann ist die Grundstimmung doch schon bejahend.

In einer kleinen Ausstellung mit "Inseln der Erinnerung" setzt sich das fort. Dadaistische Kunstwerke sind da arrangiert, die mit Zeichen und Andeutungen spielen, suggestiv den Betrachter in offene Denkräume treiben, seine Russisch- und Deutschkenntnisse unter Beweis stellen (oder sollte die große Kreidetafel "Toilletten" etwa kein Test gewesen sein?) und an seine Ehrlichkeit appellieren (gegen 1,50 Euro in eine "Kasse des Vertrauens" gab es rote Clownsnasen für alle).

Im vollbesetzten Saal erwies sich etwa die Hälfte des Publikums als bekennend clownesk, hat sich die roten Dinger auf Riech- und Hörorgane gesetzt, auch mal einen schwangeren Bauch damit drapiert; wer zu Derevo geht, ist bereit, sich einzulassen, will überrascht sein. Sorgen, dass sich ausgerechnet Anton Adassinsky und seine Truppe als weitere Trittbrettfahrer in Sachen Weltuntergang entpuppen sollten, gab es ohnehin keine. Sie haben im Gegensatz den Maya-Kalender gründlich studiert und als Ende eines Sonnenzyklus' interpretiert. Danach kommt etwas Neues.

Neu war der teils unverhohlene Witz im Stück "Fünfte Sonne", das Adassinsky gemeinsam mit Pavel Semchenko (von dem auch die Ausstattung sowie die erwähnte Ausstellung stammt) und Elena Yarovaya entwickelt und umgesetzt hat. Neben sehr getragenen Momenten mit faustischem Anspruch, in denen diabolische Anspielungen stets gleich um die Ecke lugen, gibt es erfrischend komische Szenen in diesen Licht-Blicken. Das ganze Spektrum aus Opfer und Macher, Getriebener und Triebhafter bis hin zu einem aberwitzigen Flamingo gestaltet Anton Adassinsky mit schonungsloser Hingabe und tolldreister Spielfreude. Die "Fünfte Sonne" ist mal Schattentheater, spielt mit Schwarz und Weiß sowie mit geometrischen Formen wie Kreis, Ball, Dreieck, Würfel und Quadrat, streift mal das Kabarett und lässt eine hölzerne Katze mit der Aufschrift "Schwarze Katze" von links nach rechts über die Bühne rollen. Dann spielt dieses Tanzstück auch menschliche Fiesheiten aus, macht sich seinen Ulk mit einem nonnenhaften Trio (Makhina Dzhuraeva, Nikolai Khamov, Elena Yarovaya), das regelrecht vorgeführt wird, und lebt von Variationen aus Wahnsinn und Macht.

Gewaltige Pyramidenelemente können als Anklänge an vergangene Maya-Kultur gedeutet werden, rote Bänder und Seile gehen als Verstrickungen einer anderen Zeit, eines anderen Daseins, einer lebendigen Welt durch; die "himmlischen" Konstrukte schlagen wie Meteore auf die Bühne, nehmen gefangen und werden lustig jongliert.

Wichtiger Teil dieses Gesamtkunstwerks ist die Musik, live eingespielt von Nikolai Gussev, der das Geschehen spacig elektronisch untermalt, mit groteskem Kneipenklavier geradezu abhebt und mit seinen Kompositionen bis zum übersprudelnden Schlussapplaus bestens unterhält. Das Sounddesign dazu stammt vom Elektronikkünstler Jacob Korn.

Nah am Abgrund bewegt sich dieser nur dreimal gezeigte Abend. Eine Apokalypse aber ist er nicht.

Michael Ernst

"Fünfte Sonne" nur noch heute, 22.12.

"Sake, Mond und Pferd", einmaliger Soloabend von Anton Adassinsky, nur am 28.12., "Harlekin" (Wiederaufnahme) am 29. und 30.12., jeweils im Festspielhaus Hellerau um 20 Uhr

www.derevo.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.12.2012

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