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Ein Festival mit Fragen: Morgen endet nach 20 Tagen Dresdens erstes Internationales Tanzfestival

Ein Festival mit Fragen: Morgen endet nach 20 Tagen Dresdens erstes Internationales Tanzfestival

Wenn morgen Abend in der Semperoper die jährlich stattfindende Soirée der Palucca Hochschule für Tanz über die Bühne geht, dann geht auch das erste Internationale Tanzfestival zu Ende.

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Sprunggewaltige Bühnen-Tanz-Metaphorik: die Potsdamer Company Kombinat mit ihrem "Grand Jête".

Quelle: Stefan Gloede

Hier tanzen Schülerinnen und Schüler, Studierende des Nachwuchsförderstudiums und des Bachelorstudienganges sowie Mitglieder des Elevenprogramms der Hochschule. Das Programm umfasst klassische und zeitgenössische Meisterwerke, darunter "Allegro Brillante" von George Balanchine, "Decadance" von Ohad Naharin, einen Ausschnitt aus Scott Joplins Oper "Treemonisha", einer Koproduktion mit der Hochschule für Musik und der Hochschule für Bildende Künste, Choreografie und Regie Massimo Gerardi. Zu sehen ist die Choreografie "Un Ballo" von Jirí Kylián, dazu kommen Arbeiten von Professoren und Dozenten der Hochschule. Das Anliegen des Festivals, klassische oder hier besser neoklassische Traditionen und Tendenzen der Moderne korrespondieren zu lassen, könnte so noch einmal in besonderer Weise zu Ausdruck kommen.

Die Soirée der Palucca Hochschule findet ohnehin jährlich statt, das Gastspiel der Münchner Kammerspiele zur Eröffnung des Festivals, am 19. Juni im Schauspielhaus mit Alain Platels Arbeit "Tauberbach", wurde zunächst auch vom Staatsschauspiel als "letztes Highlight" in der Reihe "Theater zu Gast" angekündigt. Dies und auch die Aufführungen des Semperoper Balletts mit Stücken des aktuellen Repertoires ließen schon mal die Frage nach der Konzeption eines neuen Festivals aufkommen. In Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste, gab es dann doch mit der Europäischen Erstaufführung von "Last Work", der neuesten Arbeit von Ohad Nahrin mit der von ihm geleiteten weltberühmten Batsheva Dance Company aus Israel, einen außergewöhnlichen Festivalbeitrag. Und auch die flämische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker gilt nach wie vor als eine der ganz Großen in der weltweiten Szene des modernen Tanzes. Mehrfach war sie in Dresden zu Gast. Jetzt präsentierte sie mit ihrer Kompanie Rosas und den Musikern des Ensembles Ictus zur Musik von Gerard Grisey ihre Produktion "Vortex Temporum" (DNN berichteten).

Im Gegenzug zur Präsentation solcher Highlights der Moderne hätte man sich natürlich auch ein entsprechendes Ballettgastspiel gewünscht, etwa eine Arbeit von Martin Schläpfer mit dem Ballett am Rhein, der Kompanie des Jahres 2014. In einer außergewöhnlichen Kombination hat das Bayerische Staatsballett zwei vom Tanzfonds Erbe geförderte Rekonstruktionen im Repertoire, "Das Triadische Ballett" von Oscar Schlemmer und "Le Sacre du Printemps" von Mary Wigman, da hätte es sogar noch einen Bezug zu den Wurzeln der Moderne in Dresden gegeben. Außerdem fällt auf, dass im Hinblick auf die Moderne der Blick immer nur nach Westen geht, ist da im Osten wirklich nichts los, abgesehen vom Nahen Osten?

An zwei Abenden, im Rahmen der Aufführungsreihe "Linie 08", einem Format für die freie Tanzszene Dresdens in Hellerau, zeigten Romy Schwarzer ihr Arbeit "In The Loop", die carrot dancers "Ein Stück Lied" und die Gruppe SuperYoutor mit Liron Dinovitz "Mashed Potato".

Mit einiger Erwartung sah man dem Gastspiel der Potsdamer Künstlergruppe Kombinat mit ihrer Produktion "Grand Jeté - Der große Sprung" entgegen. Paula E. Paul und Sirko Knüpfer vom Kombinat hatten angekündigt, in ihrer aktuellen Tanz- und Filmtheaterproduktion sich mit dokumentarischem Material u.a. über die biografischen Absprünge von Tänzerinnen und Tänzern beim Wechsel in andere Berufe und Lebensbereiche zu beschäftigen. Sie haben vier Tänzerinnen und einen Tänzer befragt, alle haben ihre Erfahrungen mit eben jenen großen Sprüngen auf der Bühne, und die möchte niemand missen, alle haben einen Sprung in ein anderes Leben gewagt und sind da auch gut angekommen. Alle waren in ihrem Leben mehrfach in der Luft, bis sie den Ort gefunden hatten, wo sie landen wollten, so eine der Tänzerinnen.

Alle Filmsequenzen vor sorgfältig ausgewähltem Hintergrund haben die optische Qualität von Hochglanzmagazinen. Abgesehen von ein paar unschönen Erinnerungen an die Zeit der Ausbildung und dem rigiden Umgang mit jungen Mädchen, deren körperliche Entwicklung nicht den Erwartungen ihrer Lehrer entsprach, gehen die mehr oder weniger großen Sprünge hier alle glatt, die Landungen sind sanft, die Auftritte auf den neuen Bühnen des Lebens erfolgreich.

Überzeugend hingegen erweist es sich, die dokumentarischen Filmsprünge mit echten Sprüngen von drei Artisten auf zwei großen Trampolinen unter den Leinwänden korrespondieren zu lassen. Hier sind jene atemberaubenden Situationen zu erleben, jenes "in der Luft hängen", jene Sprünge, die bei optischer Raffinesse die tanzenden Sprungartisten hinter den Leinwänden verschwinden lassen, um dann überraschend wieder aufzutauchen, um den nächsten Sprung zu wagen. Hier wird das Wagnis konkret, hier gibt es sie eben auch, jene kunstvoll überhöhten Situationen unsanfter Landungen bis hin zu choreografisch exakt und erschreckend dargestellten Abstürzen.

Am Sonnabendabend gehörte das restlos ausverkaufte Festspielhaus der Breakdancern und ihren Fans. Angesagt war eine Geburtstagsfeier, The Saxonz, die Vereinigung mehrerer Gruppen von Breakdancern aus Sachsen, gibt es seit zwei Jahren. Im letzten Jahr errangen sie den Titel "Deutscher Meister". Ein toller Grund zum Feiern, ein toller Akzent im Festival, wäre da nicht ein so eitler wie geschwätziger, mehr oder weniger gut witzelnder Moderator, der seine Chance nutzt und sich pausenlos selbst feiern lässt. Da wird es im lang dahin verquasselten ersten Teil fast zur Nebensache, dass junge Nachwuchsbreaker mit einer erstaunlich beeindruckenden Show aufwarten und dass der Ausschnitt aus der gerade entstehenden neuen Produktion der Kompanie The Saxonz schon mehr als nur erahnen lässt, warum man hier von einer besonderen Variante dieser Tanzkunst sprechen muss. Keine lose Abfolge von verschiedenen Moves, Footworks mit den komplizierten Six Steps oder Legrider, den Drehungen auf der eigenen Achse, oder den atemberaubenden Handstandvarianten der unterschiedlichen Freezes, Twists oder Windmills. Das Spektrum beherrschen sie, aber sie wollen mehr, und so kann man gespannt sein auf die neue Arbeit, die in einer Gesamtchoreografie individuelles Können und die Kraft der Gruppe in unterschiedlichen Stimmungen ins Licht stellen wird.

Keine Breakdanceparty, zum Geburtstag erst recht nicht, ohne Battle, also ohne gegeneinander anzutanzen. Dazu hatte man sich Gäste eingeladen, aus Mexiko, Frankreich, Spanien und der Tschechischen Republik. Auch hier zeigten sich im künstlerischen Gegeneinander interessante Unterschiede. So spannend es sein kann, einander übertreffen zu wollen, so überraschend und verblüffend ist es, wenn der Kampf die Höhe einer künstlerischen Ebene erreicht, die von tänzerischer Sensibilität bestimmt ist, wenn die Tänzer die jeweiligen Angebote und Vorgaben des Partners aufnehmen und bei Wahrung der Individualität weiterführen. Beispiele solcher Art gehörten zu den Höhepunkten im zweiten Teil des Abends, der leider auch einen Tiefpunkt erreichte.

Zwei Mitglieder der Sächsischen Gruppe erschienen in seltsamer Verkleidung, wobei der Größere mit freiem Oberkörper und hauteng sitzenden Leggins in Schwarz-Weiß den Kleineren an einer um den Hals gelegten Kette hereinführte. Was als dummer Witz in Anspielung auf Sado-Maso-Praktiken gedeutet werden kann, kam bei zwei dunkelhäutigen Gästen aus Frankreich gar nicht witzig an. Sie fühlten sich beleidigt, weil sie eine Anspielung auf den Umgang mit Sklaven assoziierten, und sagten ihre Teilnahme ab. Missverständnisse auf beiden Seiten, eine Entschuldigung nahmen die Gäste an. Ein Wermutstropfen.

Sollte dem ersten Festival dieser Art aber ein zweites folgen, könnte etwas mehr konzeptionelle Stringenz mit ziemlicher Sicherheit der Qualität nicht schaden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.07.2015

Boris Gruhl

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