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Ein Dresden unter SED-Regie wäre heute eine Ruinenstadt: Ex-OB Wolfgang Berghofer veröffentlicht Buch

Ein Dresden unter SED-Regie wäre heute eine Ruinenstadt: Ex-OB Wolfgang Berghofer veröffentlicht Buch

Vielleicht war Erich Honecker - innerhalb der engen Grenzen seines weltanschaulichen Mikrokosmos' - doch hellsichtiger als gemeinhin angenommen: Dass sich der greise DDR-Diktator so sehr gegen "Glasnost" und "Perestroika" sträubte, wird ihm meist als Fehler angelastet.

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Dresdens früherer Bürgermeister Wolfgang Berghofer.

Quelle: Ralf U. Heinrich

Doch womöglich hatte Honecker deutlicher als andere erkannt, wie sehr Gorbatschows "Offenheits"-Politik das zentrale Fundament kommunistischer Herrschaft unterhöhlte - und das war gar nicht so sehr aus Stasi-Terror gemauert, sondern vor allem aus der Absenz von Wahrheit, aus deren Verdrehung, Umdeutung, Verschleierung. Und dieses SED-Herrschaftsinstrument wirkt bis heute nach, glaubt man Wolfgang Berghofer, einst SED-Oberbürgermeister von Dresden.

"In den letzten 25 Jahren ist ein Bild entstanden, dass das Ministerium für Staatssicherheit an die Stelle der SED rückt und die wahren Machtverhältnisse in der Diktatur des Proletariats falsch interpretiert", schreibt Berghofer in seinem neuen Buch "Keine Figur im Schachspiel". Geschickt habe es die SED/PDS zu Wendezeiten verstanden, die Hauptverantwortung für alle Unterdrückung auf die Stasi abzuwälzen. "Doch nicht das MfS, sondern die SED war für die Fehlentwicklungen, für Menschenrechtsverletzungen und Wahlfälschungen verantwortlich", betont Berghofer - und schließt sich da mit ein.

Zugleich dämpft er die Hoffnungen der Historiker, die Lügengespinste der SED bis zum Letzten zerreißen zu können: "Das oberste Geheimhaltungsprinzip innerhalb des Apparates der SED lautete: Es wird nichts schriftlich zu Papier gebracht und festgehalten, was internationale Konventionen und Verträge verletzt oder sich mit der Verfassung und Gesetzen der DDR in Kollision befindet", heißt es da. Solche Anweisungen seien nur mündlich durch ein Instrukteursystem zwischen Honecker und den SED-Bezirkschefs übermittelt worden. "Insofern werden Historiker, die nach schriftlichen Quellen suchen, wenig Erfolg haben."

Der das schreibt, dem wird indes selbst ein gespaltenes Verhältnis zur Wahrheit nachgesagt - vor wie nach der Wende. Berghofer gilt und galt den einen als Hoffnungsträger, den anderen als Wahlfälscher, wieder anderen als Pragmatiker oder Super-Wendehals, der rechtzeitig das sinkende Schiff SED verließ, um lukrative Jobs in der Wirtschaft zu ergattern. Nach 1989 bestritt er zunächst, für die Stasi gespitzelt zu haben - und wurde dann doch überführt. 2001 präsentierte er sich den Dresdnern erneut als OB-Kandidat - nach Meinung vieler Beobachter aber nur, um im Auftrag der CDU die Wahl des Liberalen Ingolf Roßberg (vergebens) zu verhindern zu versuchen.

Was also kann dieser Mann uns noch Glaubwürdiges sagen? Dass "die friedliche Revolution 1989 gerade noch rechtzeitig" kam, "bei einer Weiterexistenz der DDR Städte wie Dresden, Leipzig, Bautzen oder Görlitz heute Ruinen ohne Waffeneinwirkung" wären? Geschenkt! Eines mag man jedenfalls sofort unterschreiben: Dass der gelernte Maschinenbauer (Baujahr 1943), der eine steile Karriere in der FDJ und in der SED hinlegte, nie unter Mangel an Selbstvertrauen litt, wie er selbst in seinem Buch betont, das mit "Berghofer neben Promi"-Fotos gespickt ist. Wer sich für die DDR, Wende und Nachwendezeit interessiert, wird in dem 256 Seiten langen Band auch durchaus bemerkenswerte Hintergrund-Details finden, so auch über die Schachspiele ost- wie westdeutscher Politiker und Wirtschaftsbosse nach 1989.

Fundamental Neues berichtet Berghofer darin aber nicht. Unterm Strich bleibt nach der Lektüre der Eindruck, hier habe ein 71-jähriger Ex-Funktionär sich noch einmal richtig aussprechen, den Dreck vom Stecken reden und vor seinen Enkeln rechtfertigen wollen.

Immerhin schließt er mit einer sehr aktuellen Warnung: "Ich halte von Sanktionen gegenüber Russland, egal ob politischer oder wirtschaftlicher Natur, überhaupt nichts", schreibt er. Vielmehr seien Russland und Deutschland als Partner statt Feinde wie füreinander geschaffen. Die Bundesrepublik könne und müsse eine zentrale Rolle bei der wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Modernisierung, der europäischen Annäherung eines Landes spielen, das wegen seiner natürlichen Bodenschätze zu reich sei, um aus sich heraus diesen Weg zu gehen: "Das Prinzip ,Wandel durch Annäherung' bleibt aus meiner Sicht die aktuelle Formel für eine erfolgreiche neue Ostpolitik", meint er.

Wolfgang Berghofer: "Keine Figur im Schachspiel - Wie ich die Wende erlebte", Eulenspiegel-Verlag/Edition Ost, Berlin 2014, 15 Euro, ISBN 978-3-360-01854-0, Leseprobe hier: tinyurl.com/otqkam7

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.09.2014

Heiko W.

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