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Edward Snowden gratuliert per Live-Schaltung in die Semperoper

Daniel Ellsberg ist Dresden-Preisträger 2016 Edward Snowden gratuliert per Live-Schaltung in die Semperoper

Daniel Ellsberg ist der Vater der Whistleblower. 1971 veröffentlichte er die Pentagon-Papiere zum Vietnam-Krieg, die die Perspektive auf diesen Krieg fundamental änderte. Nun bekam er den Dresden-Preis. Edward Snowden und Jakob Augstein fanden klare Worte, nicht nur für den Preisträger.

War live zugeschaltet: Edward Snowden.
 

Quelle: Arno Burgi, dpa

Dresden.  „Ich glaube nicht an Helden. Aber ich glaube an Daniel Ellsberg, und das werde ich immer tun.“ Sätze, die etwas pathetisch klingen mögen, am Sonntag in der prall gefüllten Semperoper aber einen Applaus hervorriefen, der mit tiefem Respekt demjenigen gegenüber angereichert war, der sie ausgesprochen hatte: Edward Snowden. Der ehemalige Mitarbeiter dreier amerikanischer Geheimdienste (CIA, NSA, DIA), der 2013 durch seine Enthüllungen die Ausmaße der weltweiten Überwachung dieser Dienste öffentlich gemacht hatte, war live aus seinem Exil in Russland zugeschaltet, um ein paar Worte an den diesjährigen Gewinner des Dresdner Friedenspreises zu richten.

Daniel Ellsberg            Foto: Anja Schneider

Daniel Ellsberg, der die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung entgegennahm, ist zweifellos der Wegbereiter der sogenannten Whistleblower à la Snowden. Ellsberg hatte 1971 rund 7000 Seiten der Pentagon-Papiere, in denen die Gründe für den Vietnam-Krieg schonungslos offengelegt waren, an die weitergegeben, die sie dann auch publizierte. Ein Risiko, das in seiner ganzen Tragweite kaum absehbar schien. Ellsberg wurde Staatsfeind, ihm drohten bis zu 115 Jahre Haft. Ein Schicksal, dem er lediglich entkam, weil das Verfahren gegen ihn niedergeschlagen wurde. Unter anderem waren mit dem Wissen des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon Mitarbeiter von FBI und CIA in die Praxis von Ellsbergs Psychiater eingebrochen, um Belastungsmaterial gegen den Whistleblower zu sammeln. Ein Verstoß gegen jegliche Regeln des Rechtsstaates, den das Gericht schlicht nicht ignorieren konnte.

„Dieser Preis geht an einen anständigen Menschen“, sagte Jakob Augstein, Journalist und Herausgeber, in seiner gestrigen Laudatio. Er machte auch darauf aufmerksam, dass keine US-Administration Whistleblower schärfer jagt als die amtierende unter Präsident Barack Obama. Augstein sprach von sieben Fällen, „die mir bekannt sind“. Vor allem berichtete er über die Soldatin Chelsea Manning. Sie hatte unter anderem Videos an die Plattform WikiLeaks weitergegeben, auf denen der Beschuss irakischer Zivilisten zu sehen war. Manning wurde zu 35 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sie muss seit 2010 ihre Haft unter verschärften Bedingungen absitzen, auch wenn sich die mittlerweile etwas gebessert haben. „Das Leben der jungen Soldatin ist verpfuscht, die Reputation dieses Präsidenten auch“, sagte Augstein.

Hielt eine beeindruckende Laudatio

Hielt eine beeindruckende Laudatio: Jakob Augstein.

Quelle: Anja Schneider

Im Mittelpunkt aber stand der mittlerweile 84 Jahre alte Ellsberg, der in San Francisco lebt. Er bedankte sich für den „warmen Empfang, für den es sich gelohnt hat, durch neun Zeitzonen zu reisen“. Die Dresdner Band Woods of Birnam um Frontmann Christian Friedel gab den Takt im doppelten Sinn vor, als sie „Die Gedanken sind frei“ in den Song „Thank You Daniel Ellsberg“ münden ließ, eine Cover-Version des 1972 von den texanischen Hardrockern Bloodrock in die Welt gesetzten Liedes. Ein Spätvormittag folgte, der trotz der ausdrücklichen Friedensausrichtung des Preises selten so klar im Zeichen der Bürgerrechte stand.

Augstein zog bei seiner Rede folgerichtig Parallelen ins Hier und Heute. „Wir leben in einem schlafenden Polizeistaat, der jederzeit zum Leben erweckt werden kann“, sagte er und warnte davor, dem Rechtsstaat vorbehaltlos zu vertrauen. In eine ähnliche Richtung ging auch ein Satz Ellsbergs. „Ich glaube nicht, dass mein Freund Edward Snowden je in die USA zurückkehren kann“, lautete seine pessimistische Prognose. Vor allem deshalb, weil „der Rachelust der Geheimdienste kein Einhalt“ geboten werden könne. Ellsberg wies gleichzeitig darauf hin, dass Whistleblower Patrioten seien, die nach hohen moralischen Maßstäben handelten. Er habe keinen getroffen, „der bereut hat, was er getan hat“. Im Gegenteil ginge es ihm ähnlich wie anderen, die lieber schon eher so gehandelt hätten, wie sie es schließlich taten. „Ich wünschte mir, die Dokumente schon 1964 veröffentlicht zu haben und so Leben zu retten“, räumte er ein. „Das betrachte ich als persönliches Versagen.“

Die Preisübergabe selbst wurde noch einmal emotional. Die Skulptur als Symbol der Auszeichnung wurde von dem seit 30 Jahren in Dresden lebenden Vietnamesen Bui Truong Binh überreicht. Er sei vor dem Krieg geflohen, als er 17 war – und freue sich nun, diesen Preis zu überreichen „an einen guten Amerikaner“.

Einziger Wermutstropfen: Sachsens Ministerriege glänzte nicht zum ersten Mal komplett durch Abwesenheit. Das Entertainment-Pflaster des Semperopernballs Ende Januar strahlt dagegen alle Jahre offenbar immer wieder umso stärkeren Reiz auf Kabinettsmitglieder aus. Aber dort ist Anwesenheit ja auch kein politisches Statement.

Von Torsten Klaus

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