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Eckart Haupt promoviert mit 65 und lüftet dabei das Geheimnis des unverwechselbaren Klangs der Staatskapelle

Eckart Haupt promoviert mit 65 und lüftet dabei das Geheimnis des unverwechselbaren Klangs der Staatskapelle

Es wäre eine Möglichkeit gewesen: dem bevorstehenden Ruhestand mit dem Wissen um viel Erreichtes zufrieden entgegenzublicken. Eckart Haupt, der international hoch angesehene Musiker, der immer auch Forscher war, entschied sich anders.

Er schrieb in den letzten Jahren seines Wirkens als Soloflötist der Staatskapelle Dresden mal eben noch eine Doktorarbeit. Natürlich über das Orchester, in dessen Reihen er 30 Jahre musizierte, und in dessen Historie kenntnisreich zu sein, ihm stets Selbstverständlichkeit war.

Sein im Rahmen der "Studien zum Dresdner Musikleben im 19. Jahrhundert" jedem Musikliebhaber zugänglich gewordenes Buch heißt "Flöten - Flötisten - Orchesterklang" und ist in der Zeit zwischen Weber und Strauss angesiedelt. Indem er sich auf die Flötengruppe konzentrierte, beleuchtet Haupt ein winzig scheinendes, aber wichtiges Detail im Erscheinungsbild eines Orchesters, dessen Klang als unverwechselbar galt und gilt. "Wunderharfe" (Wagner), "wie Glanz von altem Gold" (Karajan) - der Synonyme gibt es einige. Doch was kennzeichnet den Klang nun genau? Und vor allem: Wie konnte er sich halten über die Jahrhunderte, deren Fortschrittsdrang auch vor Instrumenten nicht halt machte?

Weil die Musiker mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und Traditionsbewusstsein um ihn kämpfen, wie Eckart Haupt anhand der Flötengruppe in der Zeit um 1900 mittels penibler, sich durch Besetzungs- und Aufführungslisten wühlender Archivarbeit nachwies. Seinerzeit wechselten die Flötisten in den meisten europäischen Orchestern von der konventionellen Flöte auf ein von Theobald Boehm 1832 entwickeltes, mit neuem Klappensystem versehenes Instrument. Nicht so die Dresdner. Sie hielten an den alten Flöten fest, auch dann noch, als Boehm 1847 ein zylindrisch statt konisch gebautes, in der Intonation weiter verbessertes Instrument präsentierte.

"Die Dresdner Flötisten haben sich gegen den neuen, etwas lauteren Klang gesträubt, sie glaubten die Balance mit den anderen Instrumenten in Gefahr. Stattdessen entwickelten sie für die alten Flöten ein kompliziertes Griffsystem, mit dem sie besser intonieren und in kleinem Rahmen auch dynamische Gegensätze spielen konnten, dabei aber diesen süßen, transzendenten Klang der konventionellen Flöte behalten konnten. Erst recht hatten sie dann mit der Zylinderflöte nichts am Hut, die mit dem alten weichen Klang endgültig nichts mehr gemein hatte", erläutert Eckart Haupt die Hintergründe.

Dass sie dann, beginnend 1901, doch wechselten, habe nichts mit dem Unterwerfen unter eine Mode zu tun gehabt, sondern einzig mit der Tatsache, dass die Opern von Richard Strauss, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Dresden uraufgeführt wurden, auf den alten Flöten nicht mehr spielbar waren: "Spätestens mit der ersten in Dresden uraufgeführten Strauss-Oper "Feuersnot" war allen klar, dass gewechselt werden muss. Auf der Boehm-Flöte ließen sich viel mehr Tonarten intonatorisch rein spielen", berichtet Haupt.

Doch so schnell gab sich nicht jeder geschlagen. Wie in dem knapp 300 Seiten starken, die Doktorarbeit etwas straffenden Buch zu lesen ist, spielte der Flötist Paul Bauer noch den "Rosenkavalier" 1911 auf einer stark verbesserten konventionellen Flöte. "Erst für 1922 ist nachweisbar, dass er gewechselt hatte, möglicherweise weil er seine Schüler auf dem Konservatorium nicht mehr auf dieser alten Flöte unterrichten konnte oder wollte", erläutert Haupt und sieht einen Einfluss bis in die Gegenwart. "Bauer ist eine Schlüsselfigur dafür, dass die Dresdner Flötisten auch heute noch sanfter und zu Herzen gehender spielen als anderswo. Er war der Älteste und achtete als konventioneller Flötist darauf, dass die 'jungen Wilden' auf ihren neuen Flöten eine der Klangvorstellung des Orchesters, diesem wunderbaren Verschmelzen der Register angepasste Spielweise pflegten." Und dieses Weitergeben von klanglichen Eigenheiten habe sich bis heute erhalten.

Mit der genauen Untersuchung dieses Stücks Kapellgeschichte hofft der 66-jährige Musiker auch, ein Vorurteil ausgeräumt zu haben: "International wurden jene Dresdner Kollegen, die so lange am konventionellen Flöten-Typ festgehalten haben, immer als ewig Gestrige dargestellt. Aber sie hatten, wie ich zeigen konnte, ihre gewichtigen Gründe. Entscheidend für den Orchesterklang ist eben nicht allein der Gebrauch spezieller Instrumente, sondern die Spielweise."

Haupts Arbeit zum Thema ist die erste für den deutschsprachigen Bereich. Das Interesse daran ist groß, der Flötist wird Vorträge etwa in Prag und im Sommer 2013 auf einem US-amerikanischen Flötenkongress halten. Eine von ihm zudem verfasste, 18 Seiten umfassende "Geschichte des Dresdner Flötenspiels" ist bereits ins Japanische übersetzt worden, Übertragungen ins Französische und ins Englische sind im Entstehen.

Eckart Haupt, der mit seinem ehemaligen Orchester so sehr verbunden ist, dass er auch nach der Pensionierung von "wir" spricht, ist nach wie vor musizierend unterwegs, zudem hat er weiterhin zahlreiche Schüler. "Mein Terminkalender sieht aus wie früher", konstatiert der gebürtige Zittauer mit Weltkarriere. Und hat auch die nächsten Forschungsfelder schon im Blick. An das Schreiben freilich hatte er sich erst herantasten müssen. "Ich musste erst lernen, eine Geschichte zu erzählen, in Ruhe und der Reihe nach zu beschreiben, während ich ja eigentlich schon wieder alle möglichen anderen Bausteine im Kopf hatte", so Eckart Haupts Erinnerungen an die letzten Jahre vor dem Nicht-Ruhestand. Zwei Mal sei er gar abends zu spät zum Dienst weggegangen, weil er so vertieft war. "Man sollte eine Doktorarbeit vielleicht doch nur zwischen dem 30. und 35. Lebensjahr machen. Ich habe begonnen, als ich 55 war...", resümiert er augenzwinkernd und ist doch mit dem Ergebnis des selbst auferlegten Zusatz-Aufwandes ziemlich zufrieden: "Ein Orchester kann in der immer globaler werdenden Musikwelt seine Erkennungszeichen nur schärfen, wenn die Musiker wissen, wo sie herkommen."

Sybille Graf

Eckart Haupt: Flöten - Flötisten - Orchesterklang. Die Staatskapelle Dresden zwischen Weber und Strauss. Verlag Dohr, 291 S., 49,50 Euro. ISBN 978-3-936655-91-9

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.08.2012

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