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Echo-Jazz in Dresden verliehen

Echo-Jazz in Dresden verliehen

Dieselbe Prozedur wie im vorigen Jahr: Eine schwülstige Stimme vom Band, ein zumeist eloquent moderierender Bildschirmstar, trefflich um Originalität bemühte Laudatorinnen und Laudatoren, ehrlich gerührte Preisträgerinnen und Preisträger, nette bis hinreißende Musik und fraglos sowieso dieselben Handarbeits-Automobile.

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Das Tingvall Trio erhielt den Echo Jazz 2012 als Ensemble des Jahres National.

Wie schon im vorigen Jahr wurde der Echo Jazz auch 2012 in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen verliehen. Also in Dresden und nicht in einer Hansestadt. Neu war ein Grußwort der Gastgeber-Kommune. Bürgermeister Winfried Lehmann hieß das Publikum in der "Werkstatt" willkommen, einem Ort "zwischen Konzertsaal und Club". Wie geschaffen für den Jazz? Dieter Gorny vom veranstaltenden Bundesverband Musikindustrie setzte dem noch eins drauf: "Als die Semperoper noch nicht das war, was sie jetzt ist, fanden hier Opernaufführungen statt." Gut gemeinte Improvisationskunst freilich ist noch kein Jazz, doch wenn sich eine Branche feiert, dann feiert sich eine Branche.

Was ursprünglich nur für den volksnahen Klassik-Bereich galt, uferte 2010 auch auf den Jazz aus. Damals gab es die erste Preisvergabe der CD-Industrie in Sachen improvisierter Musik in der Jahrhunderthalle Bochum. Für die dritte Folge versprach man einen "entspannten, leidenschaftlichen und jazzigen Abend". Leidenschaft und Entspannung? Das muss sich nicht ausschließen, geht aber nur selten tatsächlich Hand in Hand. Die Passion der Vermarkter richtet sich nach Publikumserfolgen, was unterm Strich den puren Umsatz meint. Und der muss bekanntlich weder gleichbedeutend mit wirklicher Leistung und herausragender Qualität sein noch im Umkehrschluss gelten. Im besten Fall findet er eine breitenverträgliche Entsprechung.

Moderator Dieter Moor wollte einen gesellschaftlichen Wertewandel ausgemacht haben, der wieder handwerkliches Können honoriere. Die vielen Verdienste des eben seit zwanzig Jahren bestehenden Labels ACT dürften ihm Recht geben. Eine Koryphäe wie Siegfried "Siggi" Loch, Gründer und Produzent dieses Unternehmens, nahm voller Stolz zum dritten Mal in Folge das Resultat einer Online-Abstimmung entgegen. Auch viele seinem Haus verpflichtete Jazz-Größen wurden geehrt - Ausdruck für die Seriosität des Jazz-Echo?

Dieser Preis wurde wieder in dreißig Kategorien vergeben, nicht alle waren Jazz pur, doch kaum ein gründlicher Ausrutscher war mit dabei. Allein der Sonderpreis für das seit 1988 bestehende Bundesjazzorchester BuJazzO geht absolut in Ordnung. Auch den für das Bigband-Album des Jahres ernteten mit dem Joachim Kühn Trio und der hr Bigband ganz gewiss die Richtigen. In Nachfolge der Brüder Joachim und Rolf Kühn ging der Preis für das Lebenswerk diesmal an den inzwischen 82-jährigen Komponisten und Arrangeur Claus Ogerman, dem unermüdlichen Mann hinter der Musik der deutsch-amerikanischen Jazzwelt. Einem nochmaligen Nachruf gleich geriet die Vergabe an die Instrumentalisten Iiro Rantala und Magnus Öström, die mit "Tears For Esbjörn" denn auch klingend an den 2008 verstorbenen Esbjörn Svensson gedachten. Mit einer gesungenen Laudatio wurde Götz Alsmann geehrt, auf die Vielfalt der singenden Schauspielerin Jasmin Tabatabai wurde eine Eloge ausgeschüttet, der Sänger Kurt Elling ist als Nachmieter Barack Obamas geoutet worden, und mit dem Preis für die DVD des Jahres an Francoise Gazio erhielt das in Leipzig gegründete Unternehmen EuroArts einen Tribut.

Mehrere Echo-Preisträger sind quasi Wiederholungstäter, was durchaus für Konsequenz spricht, mit einigen wie dem Tinvall Trio gibt es bald ein Wiedersehen in Dresden, als All-Star-Besetzung der frisch gekürten Echo-Inhaber formte sich eine juvenile Künstler-Kooperation, die sie nur hier zu erleben war. Eine Reihe der in internationalen Kategorien geehrten Künstlerinnen und Künstler ist freilich nicht nach Dresden gereist, auffällig viele aber kamen aus Bayern und da insbesondere aus München. Der Jazzclub Unterfahrt etwa als rühriger Förderer des Jazz ist weit über die weiß-blauen Landesgrenzen bekannt und dürfte auch der hiesigen Szene als Vorbild leuchten. Denn Dresden hat doch gewiss das Zeug, so einen Echo-Preis auch einmal einzuheimsen und nicht nur dessen Vergabe auszurichten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.06.2012

Michael Ernst

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