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Ebert-Stiftung diskutierte im Dresdner Verkehrsmuseum über "Kulturinfarkt"-Thesen

Ebert-Stiftung diskutierte im Dresdner Verkehrsmuseum über "Kulturinfarkt"-Thesen

Das Erscheinungsdatum der Polemik "Der Kulturinfarkt" liegt zwar schon mehr als ein Jahr zurück, aber seine Thematik verjährt nicht. Die Friedrich-Ebert-Stiftung beschwor am Donnerstagabend im Dresdner Verkehrsmuseum die in den Medien abgeebbte Kontroverse noch einmal herauf.

Bedarf es eines Transformations-, ja Schrumpfungsprozesses kultureller Strukturen, um Wesentliches zu erhalten? So las es sich in der Sekundärliteratur, denn die wenigsten haben das Buch auch studiert.

Umso wichtiger, dass mit dem Soziologen und Kultur-Unternehmensberater Prof. Dieter Haselbach einer der vier Autoren die Dresdner Diskussion eröffnen konnte. Haselbach räumte gleich eingangs ein, dass das Buch mit dem Titel "Von Allem zuviel und überall das Gleiche" aus westlicher Perspektive geschrieben sei und den Kulturabbau nach der Wende in den ostdeutschen Ländern wenig berücksichtige. Im Kern blieb er aber bei den beiden zentralen Krisenerscheinungen, die nach Auffassung der Autoren auf eine Lösung drängen. Da ist zum einen insgesamt zu wenig Geld da, um Bestehendes und Wünschenswertes zu finanzieren. Dieser Zustand allgemeiner Unterfinanzierung gehe zu Lasten von Innovation und Neuerung. "Tradiertes schluckt zu viel, Neues wird ausgegrenzt", behauptete Haselbach. Hinzu kommt ein verändertes Rezeptionsverhalten. Bedingt durch die demografische Entwicklung insbesondere jenseits der großen Städte, durch Digitalisierung und neue Formen des Kulturkonsums.

Die Rettungsschirme der Finanzkrise oder Subventionen für die Nuklearindustrie zeigten, dass genügend Geld vorhanden sei.

"Intensivnutzer" sind nur fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung. Haselbach dementierte die verkürzte Behauptung, die Buchautoren wollten deshalb die Zahl der Kultureinrichtungen halbieren. Es ginge um eine andere Organisation. Auch das vorbildliche Sachsen, das mit rund 170 Euro Kulturausgaben pro Kopf mit an der Spitze im Bund liege, werde darum nicht herumkommen.

Gelegenheit für Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, nachzubohren, was denn nun konkret "am System" geändert werden solle? Fischer bekundete seine Allergie gegen solche Phrasen und eine "Alleswisser-Rhetorik". Und schilderte für seinen "Leuchtturm", welche Erneuerungsbemühungen bereits unternommen wurden. Dafür stehe die Verdopplung der Besucherzahlen, eine drastische Erhöhung des Eigen-finanzierungsanteils und eine erweiterte Ausstrahlung auf ganz Sachsen. Woraufhin Haselbach entgegnete, einzelne gut funktionierende Institutionen änderten nichts an der Gesamtstatistik. Fakt sei auch, das solche "Blockbuster" immer mehr Besucher von kleineren Einrichtungen abziehen, deren Zahl wie die der kleinen Museen aber überall steige.

Hausherr Joachim Breuninger als Direktor des Verkehrsmuseums attackierte grundsätzlicher. Die Rettungsschirme der Finanzkrise oder Subventionen für die Nuklearindustrie zeigten, dass genügend Geld vorhanden sei. "Die eigentliche Frage ist, was sich Stadt oder Land leisten wollen", bekräftigte er. Diese Frage stellen die "Kulturinfarkt"-Autoren sinngemäß auch, setzen die Kulturausgaben aber neben andere Desiderate.

Bürger wollten eben auch intakte Straßen oder Kindergärten - und vor allem weniger Steuern zahlen! Diese Abwägung müssten die Parlamente treffen. Es bleibe aber in jedem Fall anzufragen, ob im Sinne des Buchtitels tatsächlich überall Gleiches oder Ähnliches angeboten werden müsse. Haselbach nannte als Beispiel den "Wettlauf um den schönsten Ring" im Wagner-Jahr etwa zwischen den nur durch den Rhein getrennten Städten Ludwigshafen und Mannheim.

Moderatorin Eva-Maria Stange, bis 2009 Kunstministerin, baute schließlich mit der Erwähnung des Sächsischen Kulturraumgesetzes eine Brücke, über die alle Kontrahenten mitgehen konnten. Die "Systemfrage" werde aufgehoben, wenn die kommunale Ebene selber über die Förderung ihrer Kultureinrichtungen entscheiden könne, wie es das Kulturraumgesetz vorsieht. Die Reaktionen der etwa 80 Zuhörer blieben übrigens ebenso gespalten wie die Auffassungen im Podium.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.04.2013

Michael Bartsch

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