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Dunkles Schattenreich: Premiere für Verdis "Simon Boccanegra" in Dresdens Semperoper

Dunkles Schattenreich: Premiere für Verdis "Simon Boccanegra" in Dresdens Semperoper

Giuseppe Verdis Oper "Simon Boccanegra" war bei der Uraufführung 1857 am Teatro La Fenice in Venedig nicht gerade erfolgreich, in zweiter Fassung, 1881 an der Scala di Milano, ein Triumph.

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Zeljko Lucic (Simon Boccanegra), Kwangchul Youn (Jacopo Fiesco) und Komparserie.

Quelle: Matthias Creutziger

In dieser Fassung erlebt das in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Genua spielende Werk gerade eine regelrechte Renaissance, auf die Dresdner Neuinszenierung folgt schon am nächsten Wochenende eine Neuproduktion an der Opéra de Lyon.

Es geht um politische Gegensätze, um eine Liebe, die diese überwinden will, und wie auch in anderen Verdi-Opern um eine tragische Vater-Tochter-Beziehung: In diesem Falle zwischen dem Doge von Genua Simon Boccanegra und dessen Tochter Amelia, die zugleich die Enkelin seines Gegners, des als Padre Andrea verkleideten Patriziers Jacopo Fiesco ist. Amelia liebt den Edelmann Gabriele Adorno, politischer und leicht manipulierbarer Gegner ihres Vaters, was natürlich beide nicht wissen, und wenn sie es wissen werden, ist es zu spät, Boccanegra hat das Gift des Mörders Paolo schon getrunken.

Dabei gibt es in der Handlung, in der zwischen Prolog und den folgenden drei Akten ein Zeitraum von 25 Jahren übersprungen wird, ganz opernüblich Intrigen und Verwechselungen, Maskierungen und Verkleidungen. Wenn es darum geht, Kriege zu führen oder zu verhindern, müssen Menschen aus dem Weg geräumt werden, Massen gewonnen und manipuliert werden. Wie oft bei Verdi lassen sich politische und persönliche Irrungen und Wirrungen nicht voneinander trennen, treiben die Geister der Vergangenheit und der Verstorbenen ihr gespenstisches Spiel mit den Menschen, gute Absichten verkehren sich in grausame Taten, der Tod bringt alles andere als Erlösung.

Eine solche verschachtelte Situation hatte wohl Christof Hetzer im Sinn, als er die Bühne für Jan Philipp Glogers Dresdner Neuinszenierung in der Semperoper ersonnen hat. Grob gezimmerte Kästen und Räume auf der Drehbühne, übereinander und ineinander verzahnt, dazwischen schmale Gassen und Wege, die ins Dunkel führen, lediglich ein kümmerliches Bäumchen, das dann doch noch, wie vorherzusehen, die Blätter verliert, um Rauch auszustoßen wie der erloschene Dornbusch, sind Schauplätze dieser genuesischen Tragödie. Kein Blick auf den malerischen Golf, wiewohl die Musik diese Vision von Weite und Freiheit mehrfach klangbildhaft beschreibt. Dass dieses Stück zu allen Zeiten spielen könnte, sollen die Kostüme von Karin Jud vermitteln, szenisch bleibt das lediglich eine Absichtserklärung von mehr verwirrender als erhellender Wirkung. Regelrecht peinlich wirken die unbeholfene Personenführung und die Organisation der Chorauftritte durch den Regisseur, besonders dann, wenn die Szenen an übertriebenes Gestikulieren erinnern, wie man sie aus Stummfilmen kennt.

Das dunkle Schattenreich wird immer wieder beschworen, da gibt es viel zu tun für die so fleißig wie artig chargierenden Mitglieder der Komparserie. Wird vom "Schatten des Vaters" gesungen, ist er personifiziert zur Stelle, klingt eine Erinnerung an ferne Zeiten der Protagonisten als Kinder an, schon sind sie als Minidouble da, die alte Pflegerin der Tochter Boccanegras schleicht bedeutungsvoll am Bühnenrand herum. Abgesehen davon, dass diese Art der doppelten Bebilderung doch langsam mal wieder aus der Mode kommen könnte, keimt in dieser Dresdner Premiere der Verdacht auf, dass wegen der Konzentration auf Nebenschauplätze die szenische Arbeit mit den Hauptpersonen des Abends, mit den Sängern nämlich, zu kurz gekommen ist. Denn da beschränkt man sich aufs Nötigste, als wollte man eine Opernästhetik der 60er und 70er Jahre beschwören.

Immerhin, die Blicke der Sänger und des Chores zum Dirigenten sind unverstellt, und so geht an diesem Abend alle Kraft vom Gesang und von der Musik aus. Man wartet in Dresden, bei den Männerstimmen der Protagonisten auf jeden Fall, mit der derzeit ersten Garde auf. Zeljko Lucic, weltweit gefragter Bariton im Verdifach, hier noch in bester Erinnerung als Rigoletto, wird für seine so außergewöhnliche wie berührende Leistung bejubelt. Er kann der zerrissenen Persönlichkeit Simon Boccanegras starke und verhaltene Töne geben, er beschwört den Klang der Erinnerung und den der zerbrechlichen Hoffnung und kommt mit seinem sensiblen Gesang am Ende schon in die Klangwelt Verdischer Abschiedsstimmungen, wie sie dann später im "Otello" meisterhaft aufklingen werden. In der Partie des Jacopo Fiesco gestaltet mit dem diplomatischen Wohlklang seiner runden und balsamischen Bassstimme Kwangschul Youn den Rivalen.

Angemessen rau, in verblendeter Erregung, erlebt man Markus Marquardt als Paolo Albani, Ramón Vargas stemmt bei seinem Debüt in Dresden die Tenorpartie des Gabriele Adorno. Maria Agresta singt die Amelia Grimaldi, nicht zu vergessen die Interpreten der kleineren und wahrhaft kleinen Partien, Andreas Bauer als Pietro oder Christel Loetzsch als Magd der Amelia, man horcht auf, wenn man kurz Christopher Kaplan als Hauptmann mit schlankem, jugendlichem Tenorklang vernimmt. Jörn Hinnerk Andresen hat die Chöre einstudiert, da werden die Erwartungen an Staatsopernchor, verstärkt durch die Herren des Sinfoniechores Dresden und den Extrachor der Semperoper, nicht enttäuscht. Wer es so richtig kräftig mag, kommt voll auf seine Kosten.

Natürlich war man gespannt auf das Spiel der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann in dieser Oper Verdis, deren Partitur endgültig bricht mit der schmetternden Arienseligkeit seiner sogenannten Nummernopern. Das Orchester ist nicht mehr Begleitinstrument, sondern gehört gänzlich in das musikdramatische, durchkomponierte Gesamtkonzept. Daher ist ein hohes Maß an Sensibilität vonnöten. Und da bleiben keine Wünsche offen. Ob im erzählerischen Duktus der rezitativischen Passagen, ob in den aufpeitschend gesetzten Ensembles oder im Zusammenklang von Stimmen und Orchester in den ariosen Monologen, die Musik kann wesentlich mehr erzählen und emotional vermitteln als die optische Seite dieser Aufführung.

Aufführungen: 13., 15.6., und in der nächsten Saison in der Semperoper www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.06.2014

Boris Gruhl

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