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Dudenhöffer alias Becker in der Herkuleskeule

Dudenhöffer alias Becker in der Herkuleskeule

Es gehört für einen guten Kabarettisten im Prinzip nicht so viel dazu, das Publikum zu kriegen. Gerd Dudenhöffer schafft es allein durch das Kramen in seiner Vita, sein Publikum runde zwei Stunden großartig zu unterhalten.

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Saarlands Exportschlager: Heinz Becker.

Quelle: W. Zimmermann

Dresden. Es gehört für einen guten Kabarettisten im Prinzip nicht so viel dazu, das Publikum zu kriegen. Der eine macht es mit seiner Mimik, der zweite erzählt pausenlos Witze und der dritte schließlich schafft es allein durch das Kramen in seiner Vita, sein Publikum runde zwei Stunden so großartig zu unterhalten, dass man gar nicht mehr nach Hause gehen möchte, sondern statt des neuen "Tatorts" viel lieber den Erkenntnissen des wohl prominentesten Saarländers Gerd Dudenhöffer in der Rolle des Heinz Becker (der ist zu Hause im saarländischen Bexbach) zuschauen und zuhören will.

Mittlerweile ist Gerd Dudenhöffer im 66. Jahr seines Lebens angekommen, seine Kunstfigur Heinz Becker dagegen ist gerade mal 35 Jahre jung, legt man als Maß deren erstes Auftauchen auf der Kabarettbühne zu Grunde. Ergo bleiben den treuesten Fans des saarländischen "Dummschwätzers" noch gut einige Jahre, in denen sie sich über die schrägen, skurrilen und immer auch vieldeutigen Auslassungen eines Heinz Becker amüsieren können. So wie es die Besucher in der restlos ausverkauften "Herkuleskeule" auch ausgiebig taten. Und Heinz Becker überzeugte an diesem Abend auch die Dresdner wirklich allesamt. In der Kunst des Andeutens und Auslassens wie auch in seinen abstrusen Rückblicken auf das eigene Leben und zugleich auch auf die bundesdeutsche Zeitgeschichte. Denn Beckers Vita ist eine Art Parallelgeschichte dieser deutschen Republik. Die sich ja bekanntlich im Herbst 1989 gravierend veränderte, indem der Osten in den Westen integriert wurde. Doch Dudenhöffers West-nach-Ost-Sicht vor dem Mauerfall war auf den Westen gerichtet. Ergo beginnt Heinz Beckers "Vita" als Spiel mit den Widersprüchen noch ein gutes Stück vor dem Herbst 1989 und endet (vorläufig) in der Gegenwart.

Dudenhöffer ist unbedingt prädestiniert für solch ein Mammutprogramm. Er holt die Weltgeschichte in sein saarländisches Städtchen und zerpflückt genüsslich alle nur möglichen Probleme mittels seines skurrilen Dialektes und seinen grandios absichtlichen Versprechern. Und so vereinen sich dann immer Mimik und saarländische Mundart zu einem schenkelklopfenden Humor. Da scheint es dann auch ganz normal, dass Beckers Hilde, also seine Ehefrau, immer nur "s'Hilde" und beider Sohn Stefan immer nur der "Schdeffan" genannt werden. In Beckers Geschwätzigkeit - ins saarländische übersetzt "beim Schwätze" - paart sich bewusst die Bauernschläue mit der Begriffsstutzigkeit. Nur so erreicht der Witz auch seine ganze Wirkung. Und nur auf diese Art wurde der saarländische Dialekt sozusagen salonfähig für die gesamte BRD.

Natürlich tauchen auch Allgemeinplätze auf. Beckers "Frieher war alles besser!" gehört deshalb dazu, weil es lange schon ein geflügeltes Wort der Deutschen ist. Rätselhaft dagegen ist der Spruch: "Die Realität ist in der Wirklichkeit oft eine Ilussion." Möglich, dass er an die Anfänge der Gastarbeiter in der Bundesrepublik erinnern möchte, seinerzeit die Italiener. Und da gab es auch schon Willkommensfeste. Becker übersetzt den Begriff aber anders, indem er glaubt, "der Flüchtling will kommen". Auch seinen Landsleuten stellt er ein Zeugnis aus, indem er meint: "Die mit allen Wassern gewaschen sind, sind nicht gleich fremdenfeindlich." Nicht zuletzt erklärt er jene, die nicht mit ihm konform sind, zu "Dummschwädsern". Was nicht von ungefähr zu seinem Lieblingsschimpfwort avancierte.

Nach dem regulären Programm betrat Becker - vom Applaus gefordert - nochmals die Bühne. Und die Besucher sahen nun das erste Mal überhaupt den Becker-Dudenhöffer des Alltags. Ernüchterung machte sich breit. Ganz hinten im Saal sagte ein Besucher zu seiner Frau: "Mensch, der sieht doch ganz normal aus."

von Wolfgang Zimmermann

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