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Druckkammer Weltinnenraum: Ralf Kerbachs Werke in Dresdens Städtischer Galerie

Druckkammer Weltinnenraum: Ralf Kerbachs Werke in Dresdens Städtischer Galerie

Die Ausstellung, mit der die 2005 eröffnete Städtische Galerie Dresden ihr Jubiläumsjahr 2015 beginnt, lässt sich nicht nur am ehesten, sondern auch sehr sinnfällig vergleichen mit jener, die vor sieben Jahren dem Frühwerk von A.

R. Penck gewidmet war: Beide sprengen deutlich den derzeit gesteckten Rahmen und eröffnen die absurde Perspektive, dass Werke von überregionaler Bedeutung anschließend auf Jahre im Depot verschwinden werden.

Wieder geht es diesmal um die Vorstellung eines gewichtigen Neuerwerbs, der auch thematisch im Zentrum steht. Allerdings gelang er zu einer Zeit völlig unverhofft, als Galeriedirektor Gisbert Porstmann längst als Überzeugungstäter unterwegs war, um eben jenen Künstler zu würdigen, der im gestrigen Pressegespräch gleich noch spontan ans vorläufige Ende einer K-Reihe Dresdner Mal-Größen gestellt wurde: Ralf Kerbach, der junge kräftige Maler ("egal, wie alt Sie wirklich sind", setzte Porstmann hinzu) als vorläufig Letzter nach Gotthardt Kuehl, Oskar Kokoschka, Bernhard Kretzschmar, Siegfried Klotz - und dabei handelt es sich hier über den lexikalischen Zufall hinaus durchaus um eine wenn auch unvollständige künstlerische Ahnenreihe, die sich beispielsweise weiter zurückverfolgen lässt bis zu Ferdinand von Rayski. Auf dessen "Grenadiere im Schnee", auf sächsische Soldaten im Gefolge Napoleons ließe sich das Selbstbildnis "Vereist" von 1986 aus dem Bestand der Galerie Neue Meister beziehen, das ikonenhaft, aber ohne Kontext kaum deutbar damals die Eröffnungsausstellung der Städtischen Galerie vervollständigte.

Wie dieses Bild von den Lasten deutscher Geschichte und ihrem unheilvollen Fortwirken zeugt, das Kerbach wie wenige auf und unter der eigenen Haut zu spüren bekam, zeigt sich nun eindrucksvoll im Kontext einer schlüssigen Bildauswahl, die nicht zuletzt dank der Dauerleihe eines umfangreichen Konvoluts aus der Sammlung Görlich aus Bonn/Rosenheim möglich wurde. Es handelt sich dabei um Arbeiten aus den späten 80er und frühen 90ern, unter denen eines, "Selbst in Gatow", auf den Ausstellungstitel verweist, indem es ein Gedicht von Rainer Maria Rilke von 1914 gleichsam zu illustrieren scheint: "- durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum" heißt es darin, womit gleich einem nahe liegenden Missverständnis vorgebeugt ist: Der Künstler fühlt sich nicht als Welterkunder und Welterklärer, sondern von der Wirklichkeit und ihren Ahnungen so unwiderstehlich durchdrungen, dass ein sinnfreier Umgang mit Farben und Formen ihm ebenso unmöglich scheint wie die Konstruktion rein gewollter Inhalte.

Die liefern mittlerweile genügend Interpretatoren im Kampf um Deutungshoheit, wobei wohl allerdings der umschreibenden Poesie der Vorzug zu geben ist gegenüber einer allzu präzise auffassenden Prosa. Aber ohne Zweifel zeigen sich in Kerbachs Bildern historische und menschliche Dimensionen in Metaphern, die er ohne Narzissmus oder Verklärung der eigenen Person erschafft, manchmal wohl auch un- oder unterbewusst, so dass ihn dann das Echo überrascht. Das Existenzielle konkretisiert sich hier zumal auf die Widersprüche "der Nation" respektive "der Republik(en)" in Schwarzrotgold. Das Schlüsselmotiv dazu sind die martialischen, mit dem Rücken zueinander stehenden siamesischen Zwillinge aus dem Jahre 1984 (Der Zwilling). Aber auch ein europäisch erweiterter Kulturkreis wird angerissen in der durchaus kritischen Auseinandersetzung mit christlicher Ikonographie, wie im Falle eines überforderten Heilands, überfordert von der ihm auferlegten Last wie von dem Heldenbild, in dem ihn die Menschen sehen möchten. Andererseits zitiert Kerbach das Kreuz in der Anordnung seiner kleinen Selbstporträts, in denen er sich gewissermaßen auch als Stellvertreter und völlig ausgesetzt, bar jeder Art materiellen oder moralischen Stütze befragt.

Damit ist er schon wieder ganz nah an (seinem) absurd-sinnbildhaften Schicksal des Emigranten, der entsprechend vielfach im Werk auftritt, mit wunder Haut, mit unsäglichem Ballast beladen, verstümmelt von dem Schnitt, der das Land teilte, und dessen Wunden bis heute nicht verheilt sind. Für den jungen Künstler, der 1979 nach der Beteiligung an der legendären Türen-Ausstellung im Leonhardimuseum zum Abbruch des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste gedrängt wurde und daraufhin die Ausreise aus der DDR beantragte, ergab sich daraus keineswegs nur die Hoffnung auf den Sprung in ersehnte Freiheiten, sondern zugleich der Verlust eines Teils der Existenz, der Freunde und jeglichen Rückhalts, eine lebensbedrohliche Verletzung.

Und als schließlich die Rückkehr möglich, 1992 Wirklichkeit wurde auch noch mit dem Antritt einer Professur an der Hochschule, die ihn einst geschasst hatte, waren das für ihn keine Zeiten des Triumphs. "Übern Berg" hatte er zweimal gemusst; das Bild mit dem entsprechenden Titel zeigt eine ausgemergelte Gestalt mit übergroßen Augen im totenkopfähnlichen Gesicht, die eine brandige, von Flammen durchzüngelte Gegend verlässt, als wäre sie den Erinnyen begegnet.

Kerbach, der 1989 statt des Mauerfalls sein Bild "Kain und Abel" gemalt hatte, erfuhr 1991 vom Verrat seines Freundes Sascha Anders, sein Dichter-Freund Michael Rom wurde beim Jobben als Nachtportier in eine Hotel erschossen. Auch das schlägt sich in expressiven, ahnungsvollen oder einfühlenden Bildern nieder, ohne dass eines davon im Persönlichen verhaftet bliebe oder zum Plakat geraten wäre. Politische Kunst im guten Sinne entsteht offenbar nicht aus ehrbarer Absicht, sondern aus dem Zusammentreffen von innerem Zwang und kritischer Offenheit.

Auch im Zusammenhang mit der Übernahme von Verantwortung, wie sie Kerbach gegenüber einer nachwachsenden Künstlergeneration auf sich hat, die aber nicht zuletzt als Anstoß da ist, das eigene Schaffen zu hinterfragen. Nicht auf der Suche nach vordergründigem Erfolg, sondern nach einer Ikonographie, die so nur ihm selber möglich ist, wie der Künstler im Interview mit Kuratorin Carolin Quermann erklärt, das man neben anderen sehr aufschlussreichen Texten im Ausstellungskatalog nachlesen kann. Dass in dieser Ausstellung die Lust (am Malen) gegenüber der Last der Themen scheinbar zurücktritt, bedarf in Anbetracht der Weltlage keiner Begründung, allenfalls der Ergänzung. Aber Kerbachs malerische Bekenntnisse zum Dresdnerischen sind auch bereits Geschichte.

Bis 10. Mai, Di-So 10-18, Fr-19 Uhr, Städtische Galerie Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.02.2015

Tomas Petzold

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