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Dresdnerin engagiert sich in Serbien für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen

Dresdnerin engagiert sich in Serbien für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen

Die Einrichtung der Gästewohnung der Nichtregierungsorganisation (NGO) Centar E8 in Vranje, Südostserbien, sieht aus als würde sie schon seit den 80er Jahren hier stehen.

Nicole zieht an ihrer Zigarette und nimmt einen Schluck lauwarmen Nescafé. Marko kommt die Treppe hinauf und bringt Frühstück. Fladenbrot mit Frischkäse, Schinken und Chilischoten. "Hvala", bedankt sie sich. Sie ist Deutsche. Das hört man. Das nicht gehauchte "R" ist verräterisch. "Ein bisschen Serbisch habe ich in den vergangenen Monaten gelernt. Wird sicher noch besser. Meistens spreche ich Englisch", sagt die Dresdnerin, kaut ihr Fladenbrot und stoppt. "It's to hot. Can't eat this on breakfast. To hard for my stomach". Sie puhlt die Chilischoten aus ihrem Essen und überreicht sie Marko, der sich das scharfe Gemüse in den Mund schiebt.

Die frisch diplomierte Geografin hat sich entschieden, ein Jahr im Ausland an ihr Studium dranzuhängen. Über den Europäischen Freiwilligendienst ist sie in Südostserbien gelandet und unterstützt für ein Jahr die Arbeit der serbischen NGO Centar E8. "Eigentlich wollte ich nach Norwegen oder Island. Als ich dann das Ziel meiner Reise, die Stadt Vranje, fast direkt an der Grenze zum Kosovo, genannt bekam, habe ich zuerst einen großen Schreck bekommen. Viele Bekannte haben mir von dem Aufenthalt abgeraten. Doch heute bin ich froh, dass es so gekommen ist", erinnert sich die junge Frau und grinst rüber zu Marko, einem Bildhauer, mit dem sie seit ein paar Monaten zusammen ist. Der Endzwanziger mit lichtem Haar lächelt verlegen - er versteht kein Wort - und steckt sich auch eine Zigarette an. "Ja, hier rauchen alle. In Restaurants, Cafés, Autos, Wohnzimmern - überall. Das ist mir zuerst aufgefallen", erklärt Nicole.

Nur im Büro von Centar E8 darf nicht gequalmt werden. Hier kümmert sich Nicole um die verschiedensten Aufgaben, bei denen ihre Kenntnisse in Deutsch und Englisch hilfreich sind. Sie nimmt Kontakt zu anderen Organisationen im Ausland auf und übersetzt die Homepage. Ihr persönliches "Baby": Eine Online-Radioshow, die von Jugendlichen aus Vranje bespielt wird. "Da brauchte ich nicht mehr viel zu helfen, die bekommen das schon hin", freut sich die Freiwillige, die in Dresden eine Radiosendung bei "Coloradio" hatte.

Doch das Einrichten von Radiosendungen ist nicht das Hauptanliegen von Centar E8. Die Organisation kämpft gegen die Diskriminierung von Minderheiten wie Roma oder Albaner und gegen die Gewalt in der Gesellschaft, der in Serbien gerade vermehrt Frauen zum Opfer fallen. "Männer müssen hier harte Typen mit dicken Armen sein. Die Frauen sollen den Männern gefallen." Was sie damit meint, wird bei einem Abstecher in die lokale Diskothek "Tabu" mehr als deutlich. Turbofolk ballert über die Tanzfläche. Es ist eng. Das Bier ist billig. Alles ist in Neonblau getaucht. Fünf Männer mit Igelschnitt und ärmellosen Shirts stehen am Eingang und lassen ihre Muskeln spielen. Jeder Neuankömmling wird kritisch gemustert. An der Bar wartet das weibliche Pendant: Weiße Stiefel, Miniröcke, die kaum kürzer sein könnten, nackte Bäuche über weißen Gürteln, Sonnenbrillen - warum auch immer. "Russendisko" schießt es einem durch den Kopf noch bevor die erste Schlägerei im Gange ist. Gibt es hier noch andere Clubs? "Nein", lacht Nicole und nippt an ihrem Bier.

Im Jahr 2014 wurden in Serbien mehr als 40 Frauen von ihren eigenen Männern getötet. "Dass Männer Frauen schlagen, ist hier verbreiteter als in Deutschland", sagt Nicole und sucht nach Gründen: "Vielleicht liegt es daran, dass dieses Verhalten vom Umfeld nicht geächtet wird. Außerdem ist die gesamte Gesellschaft durch die Kriege und die Gewalt in den 90er Jahren geprägt. In jedem Fall gilt es, diese Missstände aufzubrechen." Centar E8, versucht genau das in verschiedenen Projekten umzusetzen. Die Mitarbeiter trafen sich beispielsweise am "Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen" am 25. November mit Schülern auf der Straße und malten Botschaften wie "Echte Männer schlagen keine Frauen!" oder "Zeige Gewalt an!" auf den Asphalt. Fraglich, ob solche Aktionen zielführend sind. In der Öffentlichkeit von Vranje schlug die Straßenmalerei dennoch unerwartet große Wellen.

Eines der Hauptprojekte: Das Theaterstück "MachoMan". Junge Männer aus Belgrad entwickelten es gemeinsam und stellten damit das serbische Männlichkeitsideal infrage. Die Männer stehen auf der Bühne, stacheln sich gegenseitig an und sprechen über die Kriegserfahrungen ihrer Kindheit. Seit 2012 tourt die Gruppe durch Serbien.

Nun kommt "MachoMan" auch nach Deutschland. Nicole hat die Untertitel übersetzt, die während des Stückes, das in Serbisch aufgeführt wird, eingeblendet werden. Auch dank der Unterstützung von Nicole konnten Auftritte in Berlin und Dresden organisiert werden. Aber haben es Deutsche wirklich nötig, über das serbisch Männlichkeitsbild belehrt zu werden? "Das weiß ich nicht", sagt die Dresdnerin und fügt hinzu, "in jedem Falle bietet das Stück die Chance, einen tiefen Einblick in die serbische Gesellschaft zu gewinnen."

Wenn die Theatertruppe Deutschland besucht, wird Nicole sie begleiten. "Ich freue mich schon, alle meine Freunde in Dresden wiederzutreffen - wenn auch nur für ein paar Tage", sagt die 28-Jährige, während sie durch die Innenstadt von Vranje läuft. Die Einheimischen schauen ihr hinterher. Der Dresdner-Neustadt-Chic ist hier nicht besonders angesagt. "Manchmal fühle ich mich wie ein Alien. Ich glaube ich bin die einzige Ausländerin in dieser Stadt. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an die schiefen Blicke." Wir biegen ab und gehen in eine Kafana. Eine Gruppe junger Leute springt von der Tafel auf und begrüßt uns überschwänglich - auch Marko ist wieder mit dabei. "Auf jeden Fall habe ich hier viele neue Freunde gefunden", sagt die quirlige junge Frau, hebt ein Glas Rakija, ruft laut "Ziveli!" und schluckt den Selbstgebrannten runter.

"MachoMan" wird am 10. Dezember, 19.30 Uhr in der Dresdner Schauburg aufgeführt. Der Eintritt ist frei.

@http://www.e8.org.rs/english/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.12.2014

Hauke Heuer

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