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Dresdner Universitätsorchester in der Lukaskirche

Dresdner Universitätsorchester in der Lukaskirche

Man könnte meinen, die tschechische Pianistin Veronika Böhmová, geboren 1985 in Ceské Budejovice, wäre Artist in residence der laufenden Konzertsaison. Im Oktober gewann sie beim Klavierwettbewerb Anton G.

Rubinstein in Dresden mit Liszts Klavierkonzert Nr. 1 den zweiten Platz, und im November spielte sie in einer Präsentation mit Stipendiaten der Brücke/Most-Stiftung Rachmaninows 2. Konzert c-Moll op. 18. Mit letzterem war sie nun erneut zu hören, und zwar im Semesterabschlusskonzert des Universitätsorchesters (große Besetzung) in der Lukaskirche. Dass eine Wiederholung in so kurzer zeitlicher Abfolge nicht uninteressant oder sogar langweilig wurde, ist in erster Linie auf die Solistin zurückzuführen. Ihr Umgang mit Rachmaninows Konzert kann selbst von den Hörern als Gewinn erlebt werden, die Rachmaninow nicht ohne grundsätzlichen Vorbehalt rezipieren können. Böhmová bewies vor allem, dass das c-Moll-Konzert keineswegs ein reines "Männerkonzert" ist, bei dem es um größtmögliche Kraftentfaltung geht. Die Pianistin, die im Stipendiatenkonzert vom Orchester oft gnadenlos übertönt worden war, konnte sich diesmal akustisch ohne große Mühe behaupten, weil Monica Buckland sensibel auf die dynamische Balance zwischen Orchester und Soloinstrument orientierte.

Trotzdem tat die Solistin einen tiefen Griff in den Vorrat an großer Dramatik, spielte den Kopfsatz kraftvoll, aber nicht übermäßig laut und achtete auf die notwendige Nuancierung, ohne die der Satz langweilig wirken würde. Dem gleichen Grundgestus gehorchte auch der zweite Satz, den Böhmová etwas nüchterner als üblich spielte, so dass die Nähe zur gefälligen Salonmusik gar nicht erst aufkam. Der Satz blieb sanft, rutschte aber nicht in Süßlichkeit ab. Diese Gefahr liegt nahe und erklärt vielleicht, warum dieser Satz das wohl beliebteste Stück Rachmaninows ist. Im Finale ist vom Zauber des Adagios nichts mehr zu spüren, vielmehr bedient der Komponist hier die Eitelkeit der Pianisten, die möglichst viel Pracht entfalten wollen. Rachmaninow war ja auch einer der besten Pianisten seiner Zeit. Das Pathos, mit dem er den Schlusssatz versehen hat, verliert auch bei größter interpretatorischer Vorsicht nicht eine gewisse Plumpheit, der es zudem an musikalischer Intelligenz mangelt. Die Solistin entledigte sich dieser Aufgabe mit Geschick und Eleganz, konnte aber daraus keine besonders gute Musik machen. Sei's drum, die Besucher waren zufrieden und erklatschten sich eine Zugabe.

Dass Dmitri Schostakowitsch oft genug an der Grenze seiner künstlerischen und physischen Existenz stand, gilt inzwischen als allgemein bekannte Tatsache. Manche dieser Gefährdungen sind aber auch der Ungeschicklichkeit des Komponisten zuzuschreiben. So kündigte er an, dass seine neunte Sinfonie, die erste nach Ende des zweiten Weltkriegs mit großer Besetzung den Sieg über den Feind feiern sollte. Offenbar ohne weitere Vorankündigung stellte er dann aber im November 1945 ein Werk vor, das von pathetischer Größe und dem Lobpreis Stalins weit entfernt war. Die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 überraschte viele und enttäuschte manche, denn der fast kammermusikalische Grundton und die sensible Ironie des Werks klingen keinesfalls nach großem Sieg und genialem Feldherrn. Monica Bucklands Grundhaltung wurde dem Werk vollauf gerecht, denn sie bewies viel sicheres Gespür für die Ironie der Komposition. Deutlich wurde in ihrer Interpretation, warum die Zeitgenossen Schostakowitschs mit einiger Verwirrung auf das Werk reagierten. Zwischen Zartheit und grimmigem Humor gab es viele Zwischenstufen, und wer in der Lage war, den Geist des Werks jenseits des reinen Notenbestands wahrzunehmen, spürte deutlich, dass die Dirigentin einen wichtigen Aspekt begriffen haben dürfte: Diese Sinfonie ist hinterhältig.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2013

Peter Zacher

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