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Dresdner TonLagen in Hellerau: Porträt Jani Christou und ein Gastspiel des Ensemble Contempo Beijing

Dresdner TonLagen in Hellerau: Porträt Jani Christou und ein Gastspiel des Ensemble Contempo Beijing

Dem griechischen Komponisten Jani Christou war bei den TonLagen in Hellerau ein Porträtkonzert gewidmet - nach dem Konzert zweifelte man, ob das zu beobachtende Vergessen dieses Komponisten wirklich mit seiner Biografie (Christou starb 1970 im Alter von 44 Jahren bei einem Autounfall) oder vielmehr der Radikalität seiner Werke zu tun hat, dem sich selbst in der Neue-Musik-Szene nur wenige Ensembles widmen wollen oder können.

Denn dazu gehört eine Menge Mut, und dem Dresdner Ensemble Courage ist die Begegnung und die Umsetzung der Werke von Jani Christou in einer Weise gelungen, dass man nur den Hut ziehen kann vor solcher Aufrichtigkeit im musikalischen Tun.

Denn Christou ist radikal in einer Weise, die Interpret wie Zuhörer direkt und unmittelbar berührt, verletzt, reinigt, erschüttert. Und das kann alles zugleich passieren. Auf Basis breiter philosophischer Erfahrung, im Kontext der politischen Entwicklungen der 60er Jahre entstehen Werke, die über den Notentext hinaus in körperliche Erfahrungen von Improvisation und Entäußerung münden. In "Anaparastasis I" ist die Baritonpartie (mühelos Grenzen sprengend: Cornelius Uhle) diesen Wandlungen ebenso unterworfen wie Orchesterpart und Dirigententätigkeit, dies setzt sich in "Praxis for 12" für 11 Streicher und Dirigent in einer fast spielerisch-klaren Variante fort und erreicht in "Anaparastasis III" den Zustand des Exzesses (mit großer Spannung impulsgebend hier die Tänzerin Katja Erfurth als Pianist-Performerin).

Dass am Ende die Bühne ein Schlachtfeld ist, die Interpreten ebenso "durch" sind wie manche Zuhörer, gehört unbedingt zur Konfrontation mit Christou dazu. Doch keinesfalls ist Christous Musik bloßer Krach, dafür sind viele Passagen äußerst sensibel angelegt, bricht sich die Gewalt eben als natürlich Ur-Äußerung Bahn, die Meta-Ebenen freilegt und sich von heutiger negativer Konnotation befreit. So verrückt es klingt: Wenn man den klischeehaften Satz "Trommel dich frei" ernst nimmt und sich von Christou unter Einsatz des vollen Bewusstseins und der körperlich verfügbaren Kraft an die Hand nehmen lässt, entsteht etwas wirklich Neues, vielleicht Unbeschreibbares.

Eine Menge Seele

Gut, dass Christou zwei Werke zur Seite gestellt wurden, die ein Seitenfenster öffneten: Sergej Newskis "J'etais d'accord", die quasi die Christou'sche Musizierhaltung wie in einem übersetzten musikalischen Gestus unter ein Brennglas nimmt (und gleich der Ort der Kunstausübung selbst - ein LEGO-Modell des Festspielhauses mit dem Hammer zerstört wird) und Francesco Filideis "Funerali dell'Anarchico Serantini" für 6 Spieler, deren Anti-Haltung der Illustration einer Katastrophe ebenfalls Christou in einer konzentrierten Form kommentiert. Titus Engel und seinem Ensemble Courage ist zu danken für einen Abend, der im Sinne von Christou eine Menge Seele schuf, und wo, wenn nicht in diesem Zusammenhang, ist ein markerschütternder Schrei glaubhaft und ernst.

Einen Tag später wurden die TonLagen im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau mit einem außergewöhnlichen Gastspiel fortgesetzt. Der Blick über Genre- und Ländergrenzen gehört im Festival immer dazu. Das Schlaglicht auf chinesische zeitgenössische Musik mit dem Ensemble Contempo Beijing ist allerdings vom Dialog zwischen Deutschland und China bereits geprägt - das Ensemble entstand erst 2011 als Ergebnis einer Zusammenarbeit des Central Conservatory of Music in Peking mit der Siemens Stiftung; die Akademie des Ensemble Modern unterstützte das Projekt, das chinesische Musiker im Ensemblespiel förderte und mit dem Gründungskonzert des neuen Ensembles beendet wurde. Hier taucht natürlich die Frage auf, ob denn China vordem keine zeitgenössische Musik besessen hat. Dies muss insofern verneint werden, da die Definition dieses Begriffs in beiden Kulturkreisen völlig verschieden ist und sich heutige Komponisten sehr stark mit der sehr lebendigen Tradition der chinesischen Musik auseinandersetzen. Es ist aber ebenso erstrebenswert für viele Komponisten, in Europa zu studieren, um westliches Denken und Handwerk als bereichernde Inspiration in ihre Musik einfließen zu lassen. Im Konzert im Festspielhaus war äußerst spannend zu erleben, wie die Musik ausschließlich chinesischer Komponisten gespielt auf ausschließlich chinesischen Instrumenten wirkt. Nicht nur das Hören wird da auf eine Probe gestellt, man wagt auch kaum, die Werke nach unserem Empfinden zu bewerten, weil man der Kultur damit kaum gerecht wird. Schließlich hat man es bei Zheng und Pipa mit Jahrtausende alten Instrumenten zu tun - allerdings schreibt das Bestreben der Begegnung der musikalischen Kulturen im 20. Jahrhundert auch schon seine eigene Musikgeschichte - durch viele Solisten der sogenannten "Weltmusik" sind uns Pipa und Sheng nicht mehr gar so fern.

Potenzial zur Kreativität

Es war faszinierend festzustellen, welche Formen und Farben entwickelt wurden, sei es in Tan Duns eher ariosen "Dual Passages" oder den facettenreichen "Primitive Songs" von Tang Jianping, das sich ebenso wie Yang Liqings "Thinking" auf traditionelle Kultur bezieht. Überall war aber festzustellen, dass die Spielweisen der Instrumente stark erweitert wurden, vor allem die Zither Zheng und die Laute Pipa bieten den Komponisten reichlich Potenzial zur Kreativität. In der Verschmelzung der Instrumente im Ensemble lagen weitere sehr reizvolle Momente, besonders in Jia Guopings "Whispers of a gentle wind" mit leise flimmernden Klängen und Wang Feinans flächigen Strukturen in "The Enchanting Beauties".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.10.2012

Alexander Keuk

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