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Dresdner Themenwoche zum Deutschen Herbst 89

Dresdner Themenwoche zum Deutschen Herbst 89

Es müssen zum bevorstehenden Revolutionsjahrestagsjubel nicht die immergleichen Lobpreisungen sein, die man austauschbaren Rednern auf diversen Festlichkeiten schon soufflieren kann.

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Theater wird zum Raum der Geschichte: Am 6. Oktober 1989 verlasen Dresdner Schauspieler von der Bühne aus die Resolution "Wir treten aus unseren Rollen heraus".

Quelle: HL Böhme

Staatsschauspiel und die Stadt Dresden haben sich zusammengetan und bieten vor allem im Kleinen Haus vom 3. Oktober an eine Themenwoche der anderen Art zum Herbst '89. Keine große ARD-Show wie vor fünf Jahren. "Das Theater ist kein Feierort, sondern ein Themenort", sagt Intendant Wilfried Schulz. Kulturbürgermeister Ralf Lunau stimmt zu. Eine solche Veranstaltungsreihe der verschiedensten Facetten und Perspektiven sei allemal besser als ein großer Festakt mit fragwürdiger Resonanz.

Kurator Arved Schultze, ein junger Dramaturg mit Erfahrungen aus Berlin und Zürich, hat ein Programm zusammengestellt, das Gastspiele, passende Produktionen aus dem Staatsschauspiel-Repertoire, Konzerte und Diskussionen vereint. Eine Uraufführung ist auch dabei, "Zwischenspiel", ein Spiel mit der Vergangenheit nach dem Ende 2013 erschienenen Roman von Monika Maron. Regisseur Malte Schiller ist erst 20 Jahre jung, und auch das hat Methode. Wilfried Schulz möchte den Jüngeren einen Zugang zur neuesten deutschen Geschichte ermöglichen, die keine authentischen Erinnerungen an den Aufbruch in der DDR haben können.

Eine unvermeidliche Revolutionsrede gibt es auch. Am 8. Oktober 19 Uhr wird der ehemalige Erste Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) im Lichthof des Rathauses sprechen, ein Vertreter der Partnerstadt, die für den Neubeginn 1990 zumindest ein bisschen Unterstützung gab. Gleich im Anschluss daran kann man mit dem Shuttle ins Kleine Haus fahren. Eine Lecture Performance mit dem Libanesen Rabih Mroué zur arabischen Revolution befasst sich mit den Zyklen von Umbruch und Restauration, Gewalt und Gegengewalt. Solche allgemeinen revolutionstheoretischen Überlegungen ziehen sich durch mehrere Veranstaltungen. Am konkretesten in einem Gespräch der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen am 4. Oktober. Ein MDR-figaro-Café schon am bevorstehenden Sonntag geht in eine ähnliche Richtung.

Dokumentarisches darf nicht fehlen, so Erinnerungen an den legendären Aufruf des Schauspiels "Wir treten aus unseren Rollen heraus", dazu filmische Reminiszenzen an die Dresdner Oktobertage und ein Kurzfilmprogramm. She She Pop bringt in einem Hörspiel sechs Frauenbiografien. Zu dieser Rubrik kann man die Stasi-Recherche der Bürgerbühne "Meine Akte und ich", ja sogar Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" im Schauspielhaus hinzurechnen. Eine kräftige Portion Ostalgie wird vor allem musikalisch geboten. Keimzeit und Die Zöllner treten selber auf, über die zur Wendezeit entstandene Band Rammstein gibt es einen Film. Und zur Nacht am Einheitsfeiertag kann man im Stil von DT64 und der "Musikalischen Luftfracht" abhotten.

Für den heiteren Running Gag der Woche sorgen die Live-Hörspielfolgen von Jurek Becker aus dem Jahr 1994 "Wir sind auch nur ein Volk". Eine Satire auf deutsch-deutsche Annäherungsversuche, die an Erwartungen und Klischees scheitern, aber auch eine Beschwörung des inzwischen untergegangenen ostdeutschen Volkswitzes. Übertragen werden sie auch über eine eigens für diese Woche frei geschaltete Rundfunkfrequenz "Radio Echo" auf 96,8 MHz - eine 89-er-Frequenz im UKW-Band war leider nicht zu haben.

Wo aber bleiben ketzerische Fragen, ob die Mastererzählung von 17 Millionen Vereinigungsgewinnern im Osten, ja in Deutschland insgesamt wirklich zutrifft? Solche Fragen nach Begeisterung und Ernüchterung würden sich durch das gesamte Programm ziehen, antwortet Intendant Schulz. Das sei keine Selbstfeier, und "nach 25 Jahren kann man eine Gewinn- und Verlustrechung aufmachen". In der Tat entdeckt man solche Klettergriffe für den Aufstieg in die Gegenwart. Die viel gefragte deutsch-britische Theatergruppe Gob Squad spielt unter dem Titel "Revolution Now!" den Gedanken an kollektive Verweigerung, an Revolution unter heutigen Bedingungen durch. Juli Zehs "Corpus delicti" über eine gar nicht so fiktionale Gesundheitsdiktatur läuft seit einiger Zeit am Kleinen Haus.

Am 7. Oktober, dem früheren "Republikgeburtstag", wird wie schon beim Theaterfestival über Geheimdienste im Frühjahr die "Überwachung gestern, heute, morgen" diskutiert. Einen Tag zuvor wollen sich gleich fünf bekannte Intendanten und Bürgerrechtler über Hoffnungen, Enttäuschungen und die Rolle der Kunst bei gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen verständigen. Die Vielfalt der Wochenthemen soll nach Intentionen von Intendant Wilfried Schulz jedenfalls Antworten auf die eine Frage liefern: "Wie wollen wir in Zukunft leben?"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.09.2014

Michael Bartsch

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