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Dresdner Stimmforum widmet sich dramatischen Stimmen im Musiktheater - Interview mit Phoniater Dirk Mürbe

Dresdner Stimmforum widmet sich dramatischen Stimmen im Musiktheater - Interview mit Phoniater Dirk Mürbe

Frage: Sie veranstalten ein prominent besetztes Forum zum Thema "Dramatische Stimmen im Musiktheater".Prof. Dr. Dirk Mürbe: Eine allgemein gültige Definition der dramatischen Stimme gibt es nicht, denn die Bewertung hängt sehr stark vom eigenen fachlichen Blickwinkel ab.

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Prof. Dr. Dirk Mürbe

Quelle: PR

Frage: Sie veranstalten ein prominent besetztes Forum zum Thema "Dramatische Stimmen im Musiktheater". Was ist eine dramatische Stimme?

Prof. Dr. Dirk Mürbe: Eine allgemein gültige Definition der dramatischen Stimme gibt es nicht, denn die Bewertung hängt sehr stark vom eigenen fachlichen Blickwinkel ab. So sind aus musikgeschichtlicher Sicht die Werke Richard Wagners ein markanter Bezugspunkt für die Entwicklung des Musikdramas. Aus interpretatorischer Perspektive hat aber auch die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte durchaus Dramatik in ihrer Darstellung. Diese vielschichtigen Sichtweisen auf den Begriff Drama und deren Entwicklung sind ein Thema dieses Symposiums, dem sich die Chefdramaturgin der Semperoper, Nora Schmid, widmen wird.

Braucht ein Sänger bestimmte physiologische Voraussetzungen, um das dramatische Fach singen zu können, und wenn ja, welche? Oder kann jeder, der über Stimme verfügt, sich zum dramatischen Sänger entwickeln?

Für die großen dramatischen Partien in den Werken von Richard Wagner und Giuseppe Verdi sind es einerseits perfektionierte Gesangstechnik und die entsprechenden "Baumaße" des Stimmapparates, die darüber entscheiden, ob die Partien erfolgreich gestaltet werden können. Diese Fähigkeiten beschränken sich dabei nicht auf die zu erreichende hohe Lautstärke, sondern beinhalten insbesondere Klangbesonderheiten der eigenen Stimme, die z.B. ganz wesentlich die Tragfähigkeit der Stimme bestimmen. Diese Klangbesonderheiten ermöglichen es Sängerinnen und Sängern, einen kompakten Orchesterklang zu durchdringen und akustisch als "Einzelkämpfer" gegen die Überzahl von Instrumentalisten zu bestehen. Auf der anderen Seite bedarf es auch einer leistungsstarken Psyche und umfangreicher künstlerischer Erfahrung, um den Ansprüchen einer dramatischen Partie gerecht werden.

Sind Partien im lyrischen Fach für den Sänger leichter zu singen als im dramatischen? Verschleißt das dramatische Fach Stimmen schneller als andere?

Die Anforderungen im dramatischen Fach sind einerseits oftmals durch die Länge der Partie und des Werkes umfänglicher und bedürfen deshalb großer sängerischer Kondition und Erfahrung. Zum anderen sind Grenzbereiche der Stimmfunktion, zum Beispiel die maximale Stimmstärke, besonders gefordert, woraus eine hohe Gesamtbelastung für den Sänger entsteht. Zum Verschleiß kommt es allerdings nur, wenn die nach jeder körperlichen und seelischen Belastung erforderliche Regenerationszeit nicht eingehalten wird. Wird dies zum Beispiel durch eine zu hohe Dichte von Proben und Aufführungen nicht beachtet, sind dramatische Stimmen tatsächlich eher gefährdet als lyrische.

Seit wann gibt es die Unterscheidung zwischen den Stimmfächern?

Die Begriff der Stimmfächer ist relativ unscharf definiert, historisch gesehen noch relativ jung und Mitte des vergangenen Jahrhunderts exemplarisch von dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Rudolf Kloiber dargestellt worden. Die Kategorisierung ist im Opernalltag dennoch oft kritisch, führt sie doch dazu, Sänger auf ein bestimmtes Fach festzulegen und dadurch die für die Gesunderhaltung der Stimme wichtige Vielfalt der Rollen einzuschränken. Es gibt zahlreiche Beispiele von langjährig erfolgreichen Sängern, die verschiedene Stimmfächer gleichzeitig künstlerisch bedient haben. Des Weiteren geht jede Stimme einen individuellen Entwicklungsweg mit Verschiebung der "Stimmheimat". So ist von der großen Sängerin Lotte Lehmann überliefert, dass sie im Laufe ihrer Karriere aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss zunächst die Sophie, später den Octavian und schließlich die Marschallin gesungen hat. Das berühmte Terzett hätte sie also mit sich selbst singen können!

Wo ordnet sich z.B. Belcanto ein, und wie ist das mit den Partien, die früher von Kastraten gesungen wurden?

Die Entwicklung des Musikdramas im 19. Jahrhundert ging einher mit Veränderungen des bevorzugten Klangideals und der Gesangstechnik. Die Anforderungen in den Werken Wagners nahmen beispielsweise Gesangspädagogen auf, um Resonanzstrategien mit höheren Stimmstärken zu entwickeln. Ein Beispiel ist die historisch belegte Beschreibung der voix sombréé durch den Gesangspädagogen Garcia im Jahr 1847, einer Stimmtechnik, die es ermöglicht, dem Stimmklang metallischen Glanz und Tragfähigkeit beizumischen. Zur gleichen Zeit veränderte sich die gesellschaftlich bevorzugte Klangästhetik. Während die Oper im Barock, mit oftmals herausgehobener Rolle des Kastratengesangs, besonders durch die stimmlichen Eigenschaften Leichtigkeit und Geläufigkeit gekennzeichnet war, wurden für neue Partien im dramatischen Fach andere Stimmaspekte wie dunklere Stimmfarben und Strahlkraft wichtig. Das hohe "C" des Tenors wurde plötzlich in Bruststimme gesungen, was zunächst die Entrüstung des Publikums erntete, das eine leichtere und dem Falsett angelehnte Stimmgebung in der Höhe gewohnt war. Zudem veränderten sich die Aufführungsbedingungen für Sänger, beispielsweise durch höhere Stimmung, stärkere Orchester und größere Räume erheblich.

Gilt Wagner-Gesang als der dramatische par excellence, als der anstrengendste überhaupt?

Vor Superlativen sollte man sich hüten, es ist aber kein Geheimnis, dass beispielsweise die Protagonisten der Hauptpartien in Wagners "Tristan und Isolde" aus physischer und psychischer Sicht stimmliche Herkulesarbeit zu leisten haben.

Und wie schafft es ein Sänger, die großen Wagner-Partien durchzustehen? Gibt es besondere Kniffe, Tricks, "Pflegemöglichkeiten"?

Die künstlerische Gestaltung solcher Partien verlangt neben den stimmlichen Voraussetzungen insbesondere umfangreiche sängerische Erfahrung. Diese Partien stehen deshalb in der Regel auch nicht am Beginn einer sängerischen Karriere, obwohl vielleicht zu diesem Zeitpunkt schon einzelne Szenen einstudiert wurden. Sängerische Kondition und mentale Stärke, einen solchen Abend als Gesamtkunstwerk zu gestalten, bedürfen der Reifung, und in diesem Prozess reflektieren Sänger sehr wohl, wie weit die Stimme belastet und Belastungsgrenzen auch verschoben werden können. Pflege der eigenen Stimme heißt dann oftmals bewusstes Umgehen mit Spannungsauf- und -abbau sowie Ruhephasen. Hier sind insbesondere junge Künstler gefährdet, die dem hohen Druck des Musikmarktes standhalten und sich diese Ruhe- und Entwicklungszeiten einfordern müssen. Der Phoniater als Fachmediziner kann Überlastungen im Ausnahmefall ausbügeln helfen, dauernde Grenzüberschreitungen sind medizinisch allerdings nicht zu kompensieren.

Kann ein Sänger den Schritt vom Lyrischen ins Dramatische auch wieder umkehren, und schafft man es, in beiden Fächern gleichzeitig erfolgreich zu sein?

Die Entwicklung von einer lyrischen zur dramatischen Stimme ist ein organischer Entwicklungsweg. Dass nach erfolgreicher Absolvierung dieser Wegstrecke oftmals das dramatische Fach allein bedient wird, hat oft auch andere Gründe. So sind die wenigen in der Spitzenklasse verfügbaren "Tristane" so begehrt, dass es ihnen nahe liegt, diese attraktiven Angebote auch wahrzunehmen. Dennoch ist es eine Art Lebensversicherung der Stimme, wenn man die für das dramatische Fach produzierten Klänge auch wieder zum lyrischen Gesang zurückführen kann. Allerdings ist dabei der natürliche Alterungsprozess in gleicher Weise zu beachten. Eine ältere Stimme ist beispielsweise häufig mit größerem Stimmvibrato verbunden, was sich in der Klangästhetik schwieriger dem lyrischen Fach zuordnen lässt.

Was will, was kann das in Dresden stattfindende Stimmforum mit Fachleuten aus stimmwissenschaftlichen, medizinischen und künstlerischen Bereichen erreichen?

Die parallel verlaufenen Veränderungen von Komposition, Klangästhetik und Gesangstechnik zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind exemplarisch für die Weiterentwicklung der Sängerstimme. Ziel des Dresdner Stimmforums ist es, aktuelle Erkenntnisse der Gebiete Gesang/Gesangspädagogik, Stimmakustik und Medizin zu verknüpfen, um Hintergründe der Hochleistungsstimme zu verstehen, gesangspädagogische Strategien zu erweitern und medizinische Ansätze im Fachgebiet der Phoniatrie zu verbessern. Dafür konnten international renommierte Referenten gewonnen werden, die ihre Expertise in Referaten, Rundtischgesprächen und Diskussionsrunden teilen.

Soll das ein Gedankenaustausch im Zeichen Wagners werden oder ein Treffen, das bereits gereiften wie angehenden Sängern neue Erkenntnisse für ihr Bühnendasein vermittelt?

Der Schwerpunkt des Dresdner Stimmforums liegt auf der Nutzbarmachung neuer stimmwissenschaftlicher Erkenntnisse für die künstlerische Praxis. Das Wagner-Jubiläum ist dabei willkommener Anlass, die Entwicklungen der damaligen Zeit zu analysieren und in die stimmwissenschaftliche Basis der heutigen Ausbildung dramatischer Stimmen zu integrieren. Persönlich bin ich kein Freund des Begriffes Wagner-Stimme. Eine Stimme, die Wagner-Partien erfolgreich gestalten kann, ist oftmals ebenso in der Lage, im italienischen Fach zu brillieren.

Was und wer ist Ihr Ideal einer dramatischen Stimme?

Die Vielfalt von Stimmfarben in verschiedenen Fächern gestattet es eigentlich nicht, eine solche Verallgemeinerung vorzunehmen. Wenn ich aber doch zwei Favoriten aus dem Platten- oder CD-Schrank benennen soll, dann sind es wohl Maria Callas und Jussi Björling.

Und bei welcher Partie kommen Sie am meisten ins Schwärmen?

Schwärmen ist vermutlich nicht der richtige Ausdruck, aber beispielsweise in Strauss' "Elektra" fasziniert Stimmdramatik pur.

Das Interview führte Kerstin Leiße.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.04.2013

Kerstin Leiße

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