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Dresdner Stadtmuseum feiert sein 125-jähriges Bestehen

Jubiläumsausstellung Dresdner Stadtmuseum feiert sein 125-jähriges Bestehen

Eine bewegte Geschichte liegt hinter ihm: Das Dresdner Stadtmuseum feiert aktuell sein 125-jähriges Bestehen. Dazu wurden fast alle der rund 130 Exponate aus den Depots geholt. Die sichere und angemessene Aufbewahrung von Objekten ist übrigens auch eins der dringendsten aktuellen Probleme des Museums.

 

Blick in die Schau.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  „Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein“, lautet ein beliebter Spruch in Historikerkreisen, mit dem auch das Zeitgeschichtliche Forums in Leipzig für sich wirbt. Ob dieser oder jener, der sich in der kommenden Zeit ins Dresdner Stadtmuseum aufmacht, urplötzlich vom Bewusstsein übermannt wird, wird sich erweisen. Es heißt ja „kann zu Einsichten führen“, nicht „muss“. Was auch immer die Männer antrieb, die anno 1891 das Dresdner Stadtmuseum gründeten – sie schufen damit einen Gedächtnis- bzw. Erinnerungsort für die Dresdner, der bis heute ein Leuchtturm im kulturellen Gedächtnis der Stadt ist. Erste Dependance war das Palais Loß, erster Direktor der Stadtarchivar Otto Richter. Was das Gründungsjahr angeht, liegt Dresden im gesicherten Mittelfeld. Damals entstanden viele Stadtmuseen. In jener Zeit, als Kaiser und Könige noch maßgeblich Wohl und Wehe der Bürger bestimmten, wollten eben diese Bürger sich der eigenen Geschichte vergewissern und sammelten deshalb Zeugnisse, die sich ganz bewusst von den fürstlichen Sammlungen, die schon Jahrhunderte bestanden, absetzten.

 Das Loßsche Palais wurde 1904 abgerissen (wie viele andere Gebäude auch), weil sich das prosperierende Dresden das Neue Rathaus gönnte. 1906 bezog man dann die ehemaligen Räumlichkeiten der 1. Bürgerschule an der Johannesstraße 18. Ab dem 1. Oktober 1910 fand man im Rathaus Unterschlupf, womit die bürgerlichen Sammlungen an Repräsentationsort der Dresdner Stadtgesellschaft angekommen waren. 13 große und zwei kleine Räume nebst den angrenzenden Gängen informierten über Dresdens Historie.

Zur Zäsur wurde das Jahr 1945. Das Museum war ebenso zerstört wie der Rest des (Rat-)Hauses, etwa 75 Prozent der Sammlungen waren vernichtet. Und man weiß nicht mal genau über die Verluste Bescheid, weil auch die Inventarbücher, die Auskunft darüber geben könnten, was man einst besaß, verschwunden sind. Am 8. Mai 1945 wurde das Rathaus als sowjetische Kommandozentrale für deutsche Zivilisten gesperrt. Der 1927 erstmalig am Stadtmuseum beschäftigte Germanist und Kunsthistoriker Fritz Löffler (1899-1988) war einer der wenigen, die 1945 noch Kenntnisse über die Sammlung besaßen. Er war 1937 von den Nationalsozialisten aus dem Museum geschasst worden und übernahm zunächst für den erkrankten Direktor Großmann die kommissarische Leitung des Stadtmuseums.

Bis heute weiß keiner, was wirklich mit den Kisten geschah, die im Keller des Rathauses eingelagert gewesen waren. Einzelne Objekte, die man verloren glaubte, die aber in den letzten Jahrzehnten wieder auftauchten, geben Anlass zur Hoffnung. Erika Eschebach, heute Direktorin des Stadtmuseums, erinnert an den Fall eines Dresdners, dessen Großmutter nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Russen putzte – und ein Stück Papier geschenkt bekam, das sich als Stadtrechtsurkunde von Altendresden entpuppte. Oder da wären jene zwei Becher aus dem Ratsschatz, die einst von der Stadt Frankfurt erworben und dann 1956 zum Stadtjubiläum von der Metropole am Main der Stadt an der Elbe anlässlich des 750. Stadtjubiläums geschenkt wurden.

 Nun wird das 125-jährige Bestehen des Dresdner Stadtmuseums gefeiert, und einige „Unterjubiläen“ begeht man gleich mit: etwa die Wiedereröffnung des Museums im eigens sanierten Landhaus vor fünfzig Jahren oder die Wiedereröffnung des konzeptionell überarbeiteten Stadtmuseums 2006. Deutlich wird, dass die Stadtgeschichte Höhen und Tiefen aufweist, dass es außer zu großen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Fortschritten auch zu Zerstörungen kam, dass nicht zuletzt Diktaturen mitunter dafür sorgen, dass für viele Dresdner das Leben hier zeitweise zur Hölle wurde. Es braucht keines großen Kommentars, um sich vorzustellen, was der Dresdner Kommunist, dessen KZ-Hose hier zu sehen ist, in Buchenwald erdulden musste. Am Ende der Ausstellung werden auch Facetten der jüngeren Stadtgeschichte wie der „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau der Frauenkirche oder aktuelle Debatten aufgegriffen. So liegen in einer Vitrine verschiedene Aufkleber rund um Pegida. Der eine ätzt „Gutmenschen? Nein Danke!“, ein anderer verkündet „Hier wurde Nazi-Propaganda überklebt“. Auch einige Leihgaben sind zu sehen, vor allem aus der Städtischen Galerie, mit der man nicht zuletzt räumlich eng verbandelt ist. In diesem letzten Ausstellungsbereich „Plattform für die Gegenwart“ kann man auch ein spezielles Meistertrikot von Dynamo Dresden eingehend betrachten. Es hat die Rückennummer „53“ und ist von allen Spielern unterschrieben, Ausdruck dafür, dass der diesjährige Aufstieg „ein Kraftakt gemeinsamer Anstrengungen war“, wie Gisbert Porstmann wissen ließ, der Direktor der Museen der Stadt Dresden.

Kurator der Schau, die den schlichten, eindeutigen, aber auch irgendwie wenig kreativen Titel „125 Jahre Stadtmuseum“ trägt, war Jonas Koch, derzeit Volontär am Haus. Präsentiert werden 130 Objekte aller Art, fast alle wurden dem Depotschlummer entrissen. Die mal mehr, mal weniger ästhetisch ansprechenden, stets aber wichtigen Erinnerungsstücke wurden laut Eschebach im Team ausgewählt: Alle Mitarbeiter des Hauses durften etwas benennen, was sie ausgestellt sehen wollten. Die nichtgläsernen Teile der Vitrinen sind – man hätte es sich denken können – in den städtischen Farben Gelb und Schwarz gestaltet.

 Die Schau ist thematisch in sechs Abschnitte gegliedert. Es geht u.a. um die Gründungsgeschichte, es wird gefragt, wie einst dieses oder jenes Objekt ins Museum kam, oder auch aufgezeigt, welche Alleinstellungsmerkmale Dresden aufzuweisen hat, etwa die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911. Auch an einige heute nicht mehr bestehenden Museen aus alter Zeit wird erinnert. Das Körner-Museum wurde 1945 vernichtet, das von 1888 bis 1945 in der Pillnitzer Straße 61 den Bildhauer Johannes Schilling (1828–1910) würdigende und 1919 den Städtischen Sammlungen angegliederte Schilling-Museum wurde 1948 endgültig abgetragen. Das Museum zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung bestand nur von 1957 bis 1966. Ausgestellt ist ein „Aktionseinheit schlägt Kapp“ betiteltes Heft, das daran erinnert, dass beim Kapp-Putsch 1920 auf dem Dresdner Postplatz fast 60 Tote zu beklagen waren, als die Reichswehr in die Menge schoss, weil die im Zuge des Generalstreiks gegen die rechten Kräfte im Reich zum Sturm auf das Telegrafenamt ansetzte.

Das Depot des Dresdner Stadtmuseums platzt heute aus allen Nähten. Eschebach wie Porstmann erklärten gestern unisono, dass man dringend eine größeres bräuchte, eines, das vor allem konservatorisch und sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand ist. Auch wenn die Kriegsverluste enorm waren, so konnte man doch durch Schenkungen und Ankäufe wieder eine opulente Sammlung aufbauen, die es nur zu entdecken gilt. Vor allem während der 1950er und 1960er Jahre lag – auf Wunsch einschlägiger Stellen von Partei und Staat – der Schwerpunkt auf der Alltagskultur und der Kultur der Arbeiterbewegung, während die bürgerliche Kultur „erst mal nicht so im Vordergrund stand“, wie Direktorin Erika Eschebach vorsichtig wissen ließ. ­

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung lädt ein, das Stadtmuseum nebst seinen Dichter- und Künstlerhäusern näher kennen zu lernen sowie Hintergründe aus Stadt- und Museumsgeschichte zu erfahren. „Ein Glücksfall! Die Rückkehr einer Schenkkanne der Dresdner Elbfischer“ lautet etwa der Titel eines Vortrags, den Erika Eschebach am 30.6., 18 Uhr, in der Vortragsreihe „Wenn Direktoren erzählen“ hält.

Führungen 4.6. / 2.7. / 16.7. / 6.8. & 3.9. jeweils 11 Uhr

Bis 18.9., Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 19 Uhr

www.museen-dresden.de

Von Christian Ruf

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