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Dresdner Sinfoniker in Palästina

Dresdner Sinfoniker in Palästina

Ein emotional spürbar aufgeladenes, mit viel Beifall und standing ovations reagierendes Publikum in Ramallah, Ost-Jerusalem und Jenin, dazu eine Fülle von Gesprächen über die Konzerte, das Projekt und speziell auch zur Situation in Westjordanland - die Hoffnungen der Dresdner Sinfoniker, mit ihrer über viele Jahre vorbereiteten Konzertreise etwas in der an Konflikten reichen Region zu bewegen, haben sich in schönster Weise erfüllt.

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Die Musiker vor dem El Hakawati National Palestine Theatre.

Quelle: Susanne Grüner

Und dazu brauchten sie keinerlei politische Statements - sie haben es allein mit der friedlichen Botschaft ihrer Musik geschafft. Und sind derart inspiriert und inspirierend, mit einem hohen musikalischen Anspruch aufgetreten, dass sie sowohl erfahrene Konzertgänger wie auch Besucher erreichen konnten, die sonst kaum Aufführungen dieser Art erleben.

Als sich nach dem Konzert im international bekannten, von vielen unterstützten und wieder aufgebauten "Cinema Jenin" ein Palästinenser, der mit seiner kompletten Familie das Ereignis besucht hat, sehr bewegt bei dem Dirigenten Andrea Molino für die Akzeptanz und Ermutigung seines Volkes bedankt, ist das keinesfalls eine leere Floskel. Und auch jeder der Musiker, überhaupt jeder aus dem Team des außergewöhnlichen Projektes wird mit dem Erleben dieser intensiv wahrgenommenen Tournee durch Westjordanland nachempfinden können, wie wichtig es ist, neue und auch schon biblisch alte Gräben nicht stets wieder zu vertiefen, sondern herauszufinden, dass unterschiedliche Kulturen und Religionen friedlich miteinander auskommen können. Und dabei müssen nicht zwingend Menschenrechte verletzt werden.

Mit der "Symphony for Palestine", die zunächst als Filmmusik für die Dresdner Sinfoniker entstanden ist und im Festspielhaus Hellerau 2011 gemeinsam mit dem iranischen Komponisten und Musiker Kayhan Kalhor uraufgeführt wurde, setzen die Musiker bewusst ein Zeichen. Und auch der in den USA lebende Komponist wäre gern bei diesen Konzerten dabei gewesen, fürchtete aber in der iranischen Heimat Schwierigkeiten für seine Familie. Das seit 1997 bestehende Orchester, das sich zu den jeweiligen Projekten und in vielen Variationen immer wieder zusammenfindet, hat für die Konzerte in Westjordanland und Ost-Jerusalem eine besondere Besetzung realisiert. Zusammen mit den Dresdner Sinfonikern sind jeweils wunderbare palästinensische Musiker aus Nazareth sowie Solistinnen aus Baku aufgetreten, und selbst wenn es einige Zeit brauchte, sich im Detail zusammenzuraufen - letztlich haben sie gemeinsam für ein intensives, aufrührendes Klangerleben gesorgt. Auf eine Art und Weise, dass eine Musikpädagogin aus Jenin bemerkte, sie habe noch nie ein so aufmerksames Publikum in ihrer Stadt erlebt.

Nicht nur der dem Orchester längst eng verbundene italienische Dirigent Andrea Molino, auch Markus Rindt als einer der Gründer der Dresdner Sinfoniker sowie überhaupt jeder im Ensemble können der inspirierenden Wirkung dieses Musizierens voll vertrauen, und Molino hat sie alle in schönster Professionalität und Bewegtheit zusammengeführt. Gewiss, internationale Besetzungen sind bei Orchestern etwas Alltägliches. Aber vergleichen mit der Eigenart dieser so besonderen und engagierten Musikerschar lässt sich das dennoch nicht. Da sitzen mit Kamil Shajrawi (arabische Violine) und dem 21-jährigen Emil Bishara (Oud) aus Nazareth beispielsweise der geschätzte Lehrer wie auch der begabte Schüler gemeinsam auf der Bühne. Und Emil hat auf Anfrage einiger Musikerinen aus Deutschland seinerseits auch gleich noch eine Lehrstunde für die arabische Violine gegeben. Zudem sind weitere palästinensische Musiker dabei, darunter auch Naif Serhan (Percussion). Und mit dem Orchester waren ebenso Mehri Asadullayeva (Kamancheh) und Nermin Hasanova (Quanun) aus Aserbaidschan unterwegs. Beim letzten Konzert in Jenin hatten sie sich alle so gut aufeinander eingespielt, dass die Tour gleich nochmal hätte starten können.

Trotz des bekennenden Titels ist es erklärtermaßen nicht Anliegen des auch von der Kulturstiftung des Bundes maßgeblich und vertrauend geförderten Projektes, für die eine oder andere Seite betont Partei zu ergreifen. Dennoch wird es wohl keiner der Mitwirkenden bereut haben, eine Komposition dieses Titels zu musizieren, und offenbar haben sich davon nicht nur palästinensische Besucher, sondern - speziell auch im Palestinian National Theatre in Ost-Jerusalem - jüdische Gäste verlocken lassen, die zudem mit viel Interesse für das Werk und die Dresdner Sinfoniker in die bestens besuchte Aufführungen gekommen sind. Bemerkenswert allein schon, wie angeregt danach in vielen kleinen Gruppierungen gefragt, erzählt, diskutiert wurde. Und ein sympathisches jüdisches Ehepaar aus West-Jerusalem, das einst aus Kanada nach Israel kam, äußerte sich im Gespräch mit der Dresdner Cellistin Sabine Grüner über ihre Ängste, in diesen Teil der Stadt zu kommen - im Palestinian National Theatre seien sie bislang überhaupt noch nie gewesen. Nun aber waren sie sehr angetan vom Konzert und dem aufgeschlossenen Publikum, werden vielleicht auch wiederkommen.

Übrigens blieben die Dresdner Sinfoniker (mit Ausnahme der allerletzten Passage zurück nach Tel Aviv) bei ihren Reisen und Unternehmungen in diesen Tagen nahezu unbehelligt von israelischen Kontrollen. Was für Palästinenser, wenn sie sich denn überhaupt im Lande bewegen dürfen, schwieriger Alltag und selbst für internationale Gäste nicht gerade selbstverständlich ist. Da sind deutlich Schutzengel dabei gewesen, und mindestens einer lässt sich auch namentlich benennen: der allwissende Busfahrer, Unternehmer und Touristenführer Ali, der aus einer Beduinenfamilie stammt und auf der Rückfahrt nach Tel Aviv alle seine Schützlinge zum arabischen Kaffee in sein Beduinendorf eingeladen hat. Dass er Schweizerdeutsch spricht, muss keinen verwundern. Wie so viele andere auch, hat er lange im Ausland gelebt und gearbeitet, um die Familie zu unterstützen, war Taxifahrer in Zürich. Und nun ist er auch noch der neue Schutzengel der Dresdner Sinfoniker.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2013

Gabriele Gorgas

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