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Dresdner Schulkonzerte - Fortbestand "persönliches Anliegen" der Oberbürgermeisterin

Dresdner Schulkonzerte - Fortbestand "persönliches Anliegen" der Oberbürgermeisterin

Vor einigen Tagen fühlte man sich an Johann Sebastian Bachs gescheiterte Reise nach Hamburg erinnert. Er konnte das dort ersehnte Amt als Organist nicht erlangen, weil er die geforderte Provision nicht zu zahlen vermochte.

Bachs Fürsprecher spottete, dass auch ein göttlich spielender Engel vom Himmel gleich wieder davonfliegen könne, hätte er kein Geld. Derlei spätfeudalistische Ideen, Musiker mögen ihre Bezahlung doch selbst mitbringen, scheint für einige Zeitgenossen wieder attraktiv zu sein, und sie meinen, ein Instrument brauche man nur mit dem Mauspfeil anzuklicken, und schon spielt es. Doch dazu gehört eben etwas mehr. Vor allem gehört dazu von Kindheit an eine fundierte Bildung, die zunächst Arbeit bedeutet, Lehrer benötigt und also Geld kostet. Die Begüterten, die dies aus eigener Tasche aufbringen können, und die Begabten sind selten identisch, und so haben Dresdner Pädagogen und Stadträte schon vor 100 Jahren begriffen, dass musikalische Bildung auf breiter Basis für alle Kinder nötig ist, um das kulturelle Niveau einer Musikstadt von Weltgeltung für die Zukunft zu sichern.

Dass kurz vor dem 100. Geburtstag der Dresdner Schulkonzerte, die der Komponist und Musikerzieher Paul Büttner mit der ersten Veranstaltung am 17. Dezember 1912 begründete, bei Stadt und Land darüber nachgedacht wurde, dieser heute dem Heinrich-Schütz-Konservatorium angegliederten, verdienstvollen Institution die wirtschaftliche und organisatorische Grundlage zu entziehen, zeigte leider erneut, wie wenig manchen der heute Verantwortlichen bewusst ist, dass Bildung zu den vornehmsten öffentlichen Aufgaben gehört.

Wer also am Freitag über matschige Straßen und rutschige Wege zur Dreikönigkirche gekommen war, konnte ein vergnügliches und vielsprachiges Weihnachtskonzert der jüngsten Dresdner Musikschüler erleben, mit dem die Dresdner Schulkonzerte ihr bemerkenswertes Jubiläum feierten. Die gute Laune bei den Mitarbeitern der Schulkonzerte um Anne Leitner und Michael Liebscher hatte ihren Grund in der Ankündigung von Kulturbürgermeister Ralf Lunau, der in seinem Grußwort bekannte, dass die Stadt zur Förderung der Schulkonzerte stehe und es auch Oberbürgermeisterin Helma Orosz (sie ist Schirmherrin) ein persönliches Anliegen sei, den Fortbestand der Schulkonzerte zu sichern. "Ich freue mich auf die nächsten 100 Jahre", sagte Lunau, und bei diesem Wort will man ihn gern nehmen. So war auch die Ansprache von Anja Stephan (Sächsische Bildungsagentur) vom Blick in die Zukunft getragen, und Kati Kasper (Leiterin des Konservatoriums) ließ es sich nach humorvollen Worten nicht nehmen, reichlich Blumensträuße zu verteilen. Unter den Empfängern dieses Dankes war auch Heinz Linke, der die Schulkonzerte ab den späten 1960er Jahren mit der neuen, heute gewohnten Genrevielfalt ausstattete. Von Herzen will man wünschen, dass Kati Kaspers Vision, noch als Urgroßmutter im Schaukelstuhl von den Urenkeln über Schulkonzerte berichtet zu bekommen, in Erfüllung geht.

Die Voraussetzungen dazu wären hörbar ideal. Gemeinsam zeigten die "Bogenschützen", das Streichorchester des Konservatoriums (Schüler bis 14 Jahre) samt Bassgitarrist und Perkussionisten, der Mädchenchor der JugendKunstschule Dresden, der Kinderchor der Singakademie Dresden und die Jüngsten von den "Dresdner Spatzen", wie viele Lieder aus aller Welt ihnen zu Weihnachten und Winter einfallen. Das unverwüstliche "Sind die Lichter abgezündet" von Hans Sandig bekam Gesellschaft aus Polen, Ungarn, der Schweiz, Spanien oder England. Claudia Sebastian-Bertsch leitete den Mädchenchor a cappella oder mit Klavierbegleitung (Katrin Klemm), und von lyrischen bis zu rhythmisch wirkungsvollen Stücken, bei denen Bewegung und Gesten hinzukamen ("The Virgin Mary Had A Baby Boy"; Trinidad) gelang den Sängerinnen vieles mit lockerem Schwung. Die Bogenschützen, geleitet von Sylke Hebenstreit, hatten bei Mozarts "Schlittenfahrt" (Deutscher Tanz Nr. 3) und Tschaikowskis Walzer (Streicherserenade) einige spieltechnische Klippen zu meistern und durften mit Karel Svoboda bei "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" romantisch schwelgen. "Jingle Bells" oder "Winter Wonderland" waren dankbare Ohrwürmer für die Chöre, und das am Schluss von allen gespielte und gesungene "Rudolph, The Red-Nosed Reindeer" wird noch mancher auf dem Heimweg gesummt haben. Zu erleben waren hellwach musizierende Musikschüler, die mit Konzentration und leuchtenden Augen bei der Sache waren.

Das Vergnügen der Ausführenden übertrug sich mühelos auf das Publikum aus Kindern und Eltern. Was für einen Schatz, welch künstlerisches Potential, welche außerordentliche musikalische Bildungsmöglichkeit haben wir da. Ein Irrwitz, auch nur daran zu denken, dies nach 100 Jahren aufs Spiel zu setzen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.12.2012

Hartmut Schütz

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