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Dresdner Scheune feierte 60. mit "Volxparade" à la Holger John

Dresdner Scheune feierte 60. mit "Volxparade" à la Holger John

Die Ankündigung war prägnant: Stalinporträt und "Volxparade" warben für die offizielle Geburtstagsparty zum 60. des Kulturzentrums "Scheune", versprochen ward eine "progressive Inszenierung von Holger John.

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In der Mitte stand lange Zeit eine große Tafel mit Brot und Salz, aber ohne Wodka. Ringsherum überraschte ein hoher Anteil sowjetischer Ehrengäste jeden Alters.

Quelle: Dietrich Flechtner

Jener bot als Schlagworte "Elektrifizierung, Zwangskollektivierung, Schauprozess & Kongress (-) unter konterrevolutionärer Reflektion und Mitwirkung von selbsternannten Neustadt-Diktatoren, passiven Aktivisten und verirrten Mitläufern" auf. Nach symbolischer Grundsteinlegung und Bodenreform erwartete die Gäste ein mit internationalen Fahnen und einigen Pappfiguren ausgeschmückter Saal. In dessen Mitte stand lange Zeit eine große Tafel mit Brot und Salz, aber ohne Wodka. Ringsherum überraschte ein hoher Anteil sowjetischer Ehrengäste jeden Alters, die mit vielen Kulturbeiträgen klassischer Art wie Trachtentanz zu "Kalinka", Heldengesang weißrussischer Kosaken oder mit jazzigen Trompeteninterventionen in den Umbaupausen aufwarteten.

Musikalisch neustadtlike wurde es erst mit "Feeling D", die in der reichlichen Dreiviertelstunde rings um Mitternacht ihren großen Ostberliner Vorbildern - durchaus einst in der Scheune wie zu Hause - eine musikalisch sehr gelungenen Gedenkstein setzten. Der nächste musikalische Bruch folgte sofort darauf mit "Caracho" - das Hamburger Quartett, eine Art postmodern-schräger NDW-Verschnitt, der sich heute Electro-Punk nennt, war körperlich zu bewegungsfreundlich für die kleine Bühne im großen Saal, hat aber bis zu musikalischer Klasse und sinnhaften Botschaften noch ein Stück Entwicklung vor sich.

Das Ganze hatte, auch dank der reichlichen Kostümierten ohne Auftritt, ein wenig das Flair einer touristischen Reservatfeier. So wurden die ersten dreißig Scheunejahre gebührend gewürdigt, die wichtigen Jahre, als sich das Kulturzentrum schon reichlich früh und weit aus dem FDJ-Mief herauswagte und mit viel Verve in die neue Zeit zog, hingegen konterkariert.

Dabei hätte auch der Wandel vom FDJ-Jugendheim "Martin Andersen Nexö" zum jetzigen Bestand, der 40-jährige Beiname (samt Verzicht) oder die jeweiligen Funktionen im Viertel genügend Ansätze geliefert. Zur Performance von Holger "Stalin" John, natürlich mit passendem Kostüm und Bart, gehörte es auch, im nahezu menschenleeren Foyer wortlos einen Sack voller Weinkorken auszukippen, damit diese sich im Lauf des Abends auf dem Boden verteilten und das Tanzen für Spanner lustiger machen, um wieder nach oben an sein Diktatorenmisch- und Regiepult zu schreiten.

So blieb es dann bis weit nach Mitternacht den beiden stadtbekannten Plattenhelden Roller Coaster im schmalen Kellergemach und Herrn Lehmann im Foyer vorbehalten, das echte Neustadt- respektive Scheunefeeling Marke DD wiederherzustellen. Späte Gäste und aufmerksame Werbetextleser wurden nicht enttäuscht: Denn "Bebilderter Rückblick und vertonte Vorschau in der Unmöglichkeit von Kultur" konnte man durchaus erkennen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2011

Elmar Mann

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