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Dresdner Provenienzforschung: die Sammlung Weigang als Erfolgsgeschichte

Ausstellung Dresdner Provenienzforschung: die Sammlung Weigang als Erfolgsgeschichte

Provenienzforschung heißt meist, dass Museen etwas zurückgeben müssen. In Dresden gibt es im Fall der Sammlung Weigang aber den gegenteiligen Fall. Eine kleine Ausstellung im Albertinum widmet sich dieser Erfolgsgeschichte, die nur durch Entgegenkommen aller Beteiligten gelang.

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Außenansicht der Villa Weigang, Bautzner Landstr. 44, um 1930.

Quelle: Repro Postkarte/Sammlung Christoph Schölzel

Dresden. Der Zufall spiel auch in dieser Geschichte eine nicht unerhebliche Rolle. Es ist Frühjahr 1945, die Rote Armee rückt vor, der Krieg steht vor seinem Ende. Rudolf Weigang, Unternehmer und Kunstsammler, der schon vor Jahren von Bautzen nach Dresden gekommen war, will sich, seine Familie und auch seine Kunst vor dem Einmarsch in Sicherheit bringen. Er treibt dafür sogar einen Laster auf. Doch der erweist sich schlicht als zu breit für die Toreinfahrt zur Villa an der Bautzner Landstraße 44. So wird nur ein normales Auto mit ein paar Habseligkeiten beladen, die Fahrt geht gen Westen, zu Weigangs Tochter Helga nach Menden ins Sauerland. Vieles, das auf dem Laster hätte Platz finden sollen, bleibt in Dresden. Es ist der Ausgangspunkt einer Geschichte um Kunst, um das akribische Nachforschen, wem sie gehört hat – und einem Happy End: Die Werke zählen heute zum Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), weil sich der Museumsverbund mit den Nachfahren Weigangs schließlich gütlich einigen konnte. Welche Summe unterm Strich dafür geflossen ist, darüber herrscht aber Stillschweigen bei allen Beteiligten.

Oskar Zwintscher

Oskar Zwintscher: Bildnis einer Dame mit Zigarette, 1904.

Quelle: © SKD

Die Sammlung Weigang ist sicher ein Unikat, nicht nur wegen der historischen Umstände und der Jahrzehnte später erfolgreichen Provenienzforschung der SKD. Bemerkenswert bleibt rückblickend auch der Fortgang der Geschichte. Die Villa wird nämlich zeitweise zum Sitz der sowjetischen Kommandantur. Und bevor diese Nutzung endet, bekommt Wolfgang Balzer, damaliger Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, eine Art ungewöhnlicher Audienz, die in einer nicht minder ungewöhnlichen Chance mündet: Er sucht sich 48 in der Villa zurückgelassene Kunstobjekte aus, die die Besatzungsmacht daraufhin auch an die Dresdner Stadtverwaltung übergibt. All das passiert im Jahr 1948. Ein Vorgang, der aus heutiger Sicht Kopfschütteln auslösen dürfte. Damals ging es jedoch wohl zuallererst darum, die Kunstwerke vor ihrem Verschwinden zu bewahren. Über einen Begriff wie Provenienz stolperte vor fast 70 Jahren sicherlich niemand.

Umschnitt, Albertinum, 2016. „Als ich nach Dresden kam, war ich sofort mit dem Vorgang Weigang konfrontiert und in großer Sorge, denn wir hätten zwei wichtige Werke verlieren können“, sagt Albertinums-Direktorin Hilke Wagner. Der Vorgang, von dem sie spricht, war die weit gediehene Provenienzrecherche zu den damals über Balzer ins Haus gekommenen Exponaten und eine daraus resultierende Restitution der Kunstwerke an die Nachfahren Weigangs. Und die beiden von Wagner ins Spiel gebrachten Bilder sind für Dresden von eminenter Bedeutung: Emil Noldes „Segler im Gelben Meer“ (1914) und Oskar Zwintschers „Bildnis einer Dame mit Zigarette“ (1904). Vor allem Noldes Werk ist zentral, bildet den Pol im Saal der Brücke-Künstler.

Für Gilbert Lupfer, den Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation in den SKD, ist die Klärung der Herkunft jener Bilder und die Möglichkeit, sie der Öffentlichkeit präsentieren zu können, eine „glückliche Fügung“. Er sieht Dresden generell mit dem Daphne-Projekt zur Provenienzforschung „in Deutschland, aber auch international als Vorreiter“. Er räumt aber auch ein, dass der Streit mit dem Adelshaus Wettin um zahlreiche Kunstobjekte die SKD mehr oder minder dazu gezwungen hatte, sich mit der Herkunftsgeschichte der Exponate zu beschäftigen.

Eduard Rudolf Weigang, nach 1910

Eduard Rudolf Weigang, nach 1910.

Quelle: Fotografie (Repro) Museum Bautzen

Die Museen hätten sich lange sehr bedeckt gehalten bei diesem Thema, sagt Lupfer. „Diese Haltung hat sich in den letzten fünf Jahren verändert.“ Ein Hauptaspekt für dieses Umdenken sei die finanzielle Förderung durch den Bund. Das Geld ist dabei auch für Lupfer und seine Kollegen der Aspekt, mit dem alles steht und fällt. Die Daphne-Förderung solle bis 2021 gehen, die der Provenienzforschung bei den Staatlichen Ethnografischen Sammlungen bis 2024, meint Lupfer. Bis dahin sind aber im freistaatlichen Kabinett noch mehrere Doppelhaushalte auszuhandeln und zu beschließen. Sprich: Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich die Politik des Problems als einem dauerhaften annimmt.

Im Albertinum ist nun jedenfalls ein kleiner Einblick möglich in die Arbeit der Provenienzforscher. Eine Fotodokumentation zeigt Aufnahmen aus Weigangs Dresdner Villa von 1943, damals gemacht von dem Fotografen Georg Klemm. Diese Bilder haben maßgeblich zur endgültigen Klärung der Provenienz der Kunstwerke beitragen können. Dazu kommt eine Reihe der von Balzer einst ausgewählten Objekte. Weigangs Enkel Volker Schmöle bedankte sich gestern im Namen der Familie für die Zusammenarbeit. Ein glückliches Ergebnis, das wohl nicht alltäglich ist in diesem Geschäft.

bis 7. August, Albertinum, 1. OG

www.skd.museum

Von Torsten Klaus

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