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Dresdner Professor ist mit seiner Musik im Nahen Osten unterwegs

Ein Besuch in Amman in Jordanien Dresdner Professor ist mit seiner Musik im Nahen Osten unterwegs

Sebastian Studnitzky, der seit zwei Jahren als Professor für Jazztrompete an der Dresdner Musikhochschule unterrichtet, war in den vergangenen Monaten mit seiner Musik in zahlreichen Ländern des Nahen Ostens unterwegs. Jetzt besuchte der 43-jährige Musiker mit seiner Band Jordanien.

Die Atmosphäre in Amman ist von Freundlichkeit und Gastfreundschaft geprägt, so empfindet es der in Dresden lehrende Musikprofessor Sebastian Studnitzky bei seiner Gastspielreise nach Jordanien.

Quelle: Dana Ritzmann

Dresden/Amman. Es riecht nach Minze und nach frischer Melone, als die Jungs von KY durch die Gassen von Downtown Amman spazieren. Draußen auf dem Platz vor der Moschee brennt die Sonne bei 30 Grad, hier in den schattigen Marktzeilen ist es angenehm kühl. Von der Decke baumelt ein vergilbter Fotodruck von König Abdullah neben Blütengirlanden und Energiesparbirnen. Sebastian Studnitzky atmet die Atmosphäre – und macht ein Handyfoto von Bananendolden und orientalischen Obstverkäufern. Der 43-jährige Musiker ist mit seiner Band für drei Tage auf Konzertreise in Jordanien. Der Spaziergang durch die quirlige Altstadt gehört genau wie die drei Konzerte zum Programm des Goethe-Instituts, das die deutschen Jazzmusiker eingeladen hat. „Jordanien war das Puzzleteil, das mir noch fehlte für das ganze Bild, um die politische Lage besser zu verstehen“, erzählt Sebastian Studnitzky, der in den vergangenen Monaten mit seiner Musik in zahlreichen Ländern des Nahen Ostens unterwegs war: Libanon, Israel, Türkei, jetzt also Jordanien. „Am meisten erstaunt mich die Offenheit hier, vom Klischee her hätte ich erwartet, dass es sehr viel konservativer ist, irgendwie beklemmend, mitten in einer Krisenregion“, so Studnitzky. Stattdessen ehrliche Freundlichkeit und Gastfreundschaft, egal wo die Deutschen auftauchen.

„Where are you from? Allmanija?“, fragt auch der Kellner in dem Straßencafé mit dem bunten Balkon, auf dem sich die Musiker nach ihrem Budenbummel bei türkischem Kaffee und Zitronenlimo mit frischer Minze ausruhen. Kopfschüttelnd denken sie an Deutschland, die Abneigung gegen die Araber, die Aggressivität gegen Menschen aus diesem Teil der Welt, der ihnen vor allem in Dresden immer wieder begegnet. Drei der vier Musiker kennen Sachsen. Studnitzky selbst unterrichtet seit zwei Jahren als Professor für Jazztrompete an der Dresdner Musikhochschule, Tim Sarhan und Laurenz Karsten waren seine Studenten, bevor sie zu seinen Bandkollegen wurden. Der 26-jährige Gitarrist Karsten, der vor knapp sechs Jahren aus dem Saarland zum Studium an die Elbe kam, will jetzt einfach nur weg. „In Dresden geht nichts voran, und ich möchte einfach nicht mehr in einer Stadt wohnen, wo seit anderthalb Jahren so was wie Pegida aufmarschieren darf und nicht mal der Bürgermeister dagegen aufsteht“, empört sich der junge Musiker. Die Gegendemos, auf denen er immer mal war, fand er eher frustrierend, Hochachtung hat er vor den Kollegen der Banda Communale, die seit Monaten mit lautem Brass und engagierten Tönen gegen die Stimmung in der Stadt anspielen. Karsten selbst unterrichtet einen syrischen Flüchtling im Gitarrespielen, sein Beitrag zur Völkerverständigung.

Die Worte von der Musik, die Brücken baut und zur Verständigung beiträgt, klingen so abgedroschen, sagt Sebastian Studnitzky, aber tatsächlich findet er mit Menschen, die wie er ein Instrument spielen, schnell eine gemeinsame Sprache. So habe er nach seinem Auftritt am zweiten Abend in Amman stundenlang mit dem libanesischen Trompeter Walid über die Unterschiede in der arabischen und europäischen Tonleiter gefachsimpelt. „Und dieser schräge Ton, der eben den orientalischen Klang ausmacht, der ist echt ein Kunststück“, so Studnitzky, der im September die Leitung der Jazzabteilung an der Dresdner Musikhochschule übernimmt. „Die arabische Musik wird einen bedeutenden Einfluss auf die Musikszene in Deutschland, ganz besonders auf den Jazz haben“, ist sich der international bekannte Pianist und Jazztrompeter sicher. Gerade in Berlin, aber auch in Dresden gebe es so viele hervorragend ausgebildete Musiker unter den Flüchtlingen, deren Potenzial man einfach nutzen müsse.

Im Rahmen des von Studnitzky vor drei Jahren gegründeten Festivals XJAZZ in der Hauptstadt wird es in diesem Jahr zum ersten Mal ein Sonderkonzert mit dem syrischen Sänger Ibrahim Keivo und verschiedenen anderen Künstlern aus dem Nahen Osten geben. Das sei sein Beitrag zur Integration, den geflüchteten Musikern eine Bühne zu geben, Menschen über Musik zusammenzubringen und den Austausch zu fördern. Ob bei der sächsischen Premiere von XJAZZ am 28. Mai in Radebeul auch Flüchtlinge aufspielen, sei noch nicht klar, aber eine klare Message wäre es schon, so Studnitzky. Manchmal, sagt er, ist er selbst überrascht, wie das politische Geschehen plötzlich in die Kunst eingreift. Als er im vergangenen Jahr die Gäste für sein diesjähriges Musikfestival auswählte, seien ausschließlich musikalische Gründe entscheidend gewesen. Dass die Türkei dieses Jahr Partnerland ist, habe lediglich mit seiner Begeisterung für die türkischen Töne und die orientalische Tiefe in der Musik zu tun, sagt Studnitzky. Trotzdem ist das Festival jetzt politisch, Außenminister Frank-Walter Steinmeier selbst schrieb das Vorwort fürs Programmheft.

In Amman geht es derweil deftig weiter. Mansaf gibt es zum Mittag, das traditionellste aller jordanischen Gerichte, Lammfleisch in Joghurtsoße auf Reis, angerichtet in einer der urigen Altstadtkneipen, die mehr Imbiss sind als Restaurant, halb draußen, mit Blätterranken überdacht. In Jordanien macht vieles den Eindruck, irgendwie halbfertig zu sein, nicht so super solide wie in Deutschland. Auch damit heißt es umzugehen, wenn man hierher eingeladen wird, wissen die Musiker von KY. Der Soundcheck am ersten Abend, nach einem langen Reisetag, Klimawechsel, wenig Schlaf, habe sie fast in den Wahnsinn getrieben, erinnert sich Sebastian Studnitzky. „Wir haben irgendwann aufgegeben“, gibt der Profimusiker zu. Das Konzert auf der winzigen Bühne in einer der wenigen Bars in Amman war trotzdem großartig, wenn man es an der Masse der Zuschauer, dem stürmischen Beifall und den leuchtenden Augen von Saad Darwazeh misst. Der Gründer von Ammans erstem Boutique-Hotel, das im Herbst vergangenen Jahres im Ausgeh- und Künstlerviertel Al-Weibdeh eröffnet wurde, versucht ganz bewusst, Kunst und Kommerz miteinander zu verbinden. Immer freitags gibt es ein Konzert, der Eintritt ist mit knapp 15 Euro nicht billig, aber die Leute, die hier leben, wollen Bier, Weltoffenheit und Extravaganz. Deshalb wird auch gerade erweitert, auf dem Dach entsteht ein Arthouse-Kino und ein Literaturcafé, erzählt der Hotelbesitzer voller Begeisterung.

Klar ist er auch bei der Amman Jazz Week dabei, und das jeden Abend – mit einem Gitarristen aus Beirut, ägyptischen Oud-Klängen, einem holländisch-arabischen Folk-Blues-Mix. Da ist es nur konsequent, dass eines der besten deutschen Jazzensembles hier auftritt. Und die Profis wissen, wie man aus einem schrammeligen Kontrabass und einem klapprigen Keyboard trotzdem das Beste rausholt und zu vorgerückter Stunde auch noch einen lokalen Bassenthusiasten und eine mittelmäßige Sängerin in die Jam-Session integriert. „Die passen einfach hierher“, hatte der Leiter des Goethe-Instituts Amman gesagt, auch wenn er damit eher die schicke Bühne mit dem weißen Flügel in einem der großen Konzertsäle von Amman meinte, auf denen Studnitzky & KY an zwei weiteren Abenden auftraten. „Das war nicht einfach nur gut, das war großartig“, lobt einer der bekanntesten jordanischen Musikkritiker beim Rausgehen in die laue Frühlingsnacht. Für mehr fehlen ihm erstmal die Worte, während die charmante Moderatorin Galina aus der Ukraine beherzt ein Selfie mit den deutschen Jungs macht und sich von jedem einzelnen ein Autogramm geben lässt.

Darauf eine letzte Minzlimonade. Lemununana können die Deutschen jetzt schon fehlerfrei auf Jordanisch sagen. Ein Souvenir ebenso wie die Alepposeife für die Mutter des Bassisten und die rubinrote Gewürzmischung, die Studnitzky seinem syrischen Mitbewohner mitbringt, weil er die immer aufs Omelett streuselt und sie bisher in Deutschland nicht finden konnte.

Von Dana Ritzmann

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