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Dresdner Philharmoniker spielten Bach in der Frauenkirche

Dresdner Philharmoniker spielten Bach in der Frauenkirche

Die Orchestrierungen, die der amerikanische Dirigent Leopold Stokowski Werken Johann Sebastian Bachs angedeihen ließ, sind keineswegs unumstritten und werden vielfach rundweg abgelehnt.

Das mag in einer ganzen Reihe von Fällen berechtigt sein, weil Stokowski zu einer Monumentalität tendiert, die den Hörgewohnheiten in den USA gehorcht und einer Breitwandästhetik mit nur noch geringem Anteil am ursprünglichen Geist der Musik Bachs entspricht.

Dass es auch anders geht und wenigstens die gleiche Tiefe wie das Originalwerk erreicht wird, wurde zu Beginn des jüngsten Konzerts der Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche deutlich. Stokowskis Streichorchesterfassung des Lieds "Mein Jesu, was für Seelenweh" BWV 487 aus Schemellis Gesangbuch ist eine ungewöhnlich behutsame Bearbeitung, die trotz sattem Streicherklang schwebende Leichtigkeit besitzt.

Die Kopplung dieses Werks mit Anton Bruckners Sinfonie Nr. 5 B-Dur schien zuerst etwas willkürlich und eher unnötig. Als Chefdirigent Michael Sanderling aber fast ohne Pause von Bach zu Bruckner wechselte, wurde diese Kopplung plausibel. Man konnte meinen, damit eine Art Introitus zu der Sinfonie erlebt zu haben, die so verhalten beginnt, wie das Lied schließt. Es ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit, auch diese Sinfonie in der Originalfassung zu spielen, selbst wenn die ungebärdig und unausgeglichen wirkt. Sie ist zweifellos eins der sperrigsten Werke Bruckners und macht es den Hörern wahrlich nicht leicht, hinter der äußeren Form das inhaltliche Wesen zu erschließen. Thematische Entwicklungen sind kaum zu verfolgen, und die Kontraste, die vielfach unmittelbar aufeinander folgen, lassen oft kaum genug Zeit, sich in eine klare Atmosphäre hinein zu hören.

Sanderling wagte es, diese Kontraste ohne jeden Kompromiss und in gewisser Weise auch ohne Rücksicht auf die Zuhörer nebeneinander zu stellen. Das geschah auf engstem Raum, also in zeitlicher Abfolge ohne Zäsuren. Manchmal, besonders im dritten Satz, schien es, als hätte Bruckner eine Mischung aus Totentanz und Walpurgisnacht im Stil Berlioz' geschrieben. Ähnlich war es im Finalsatz, der lange unentschieden zwischen Wagner und einem Choral pendelt, aber endlich auch die Verarbeitung thematischen Materials klarer erkennen lässt. Dem Orchester und seinem Chefdirigenten gelang - sicher völlig unbeabsichtigt - eine Umkehrung: Die Musik des tiefgläubigen Katholiken Bruckner verkörperte die harte Unerbittlichkeit eines lutherischen Fundamentalisten, gegen die der verspielte und an einigen Stellen leicht kitschige Raumschmuck der evangelischen Frauenkirche wie beschwingter katholischer Barock wirkte.

Dass die Sinfonie mit einer Dauer von mehr als 75 Minuten auch einige Schwachstellen mit minderer Spannung hat, sogar haben muss, leuchtet ein. Aber das lag nun wirklich nicht an den Ausführenden, die auch am Schluss kein Nachlassen der Konzentration erkennen ließen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2012

Peter Zacher

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