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Dresdner Philharmonie zwischen Himmel und Erde

Dresdner Philharmonie zwischen Himmel und Erde

Ob man nun die mündlich überlieferte Äußerung Anton Bruckners, er wolle seine 9. Sinfonie "dem lieben Gott" widmen, für verbürgt hält oder nicht - die starke Religiosität des Komponisten lässt sich nicht überhören, spätestens wenn er im dritten Satz des unvollendet gebliebenen Werks die eigene d-Moll-Messe zitiert.

Damit ist es erst einmal nicht abwegig, die Sinfonie unterm Kirchendach erklingen zu lassen, wie es die Dresdner Philharmonie am Sonntag in der Kreuzkirche tat. Verstärkt wurde dort die inhaltliche Komponente, indem man einer Brucknerschen Intention folgte, von der freilich so recht auch nicht klar ist, wie ernst er sie tatsächlich meinte - nämlich das einige Jahre früher entstandene "Te Deum" als vierten Satzes zu nehmen. Einen solchen für seine Neunte zu vollenden, dazu hatte Bruckner keine Zeit mehr, nachdem sich schon die Arbeit an den ersten drei Sätzen über Jahre hinzog, weil der Komponist zwischendurch diverse andere Sinfonien revidierte.

Es ging also ohne Pause durch zwei Bruckner-Werke, für die sich Sebastian Weigle am Dirigentenpult als souveräner Gestalter erwies. Zwischen irdischer Wucht und schwebenden Linien leuchtete er die Facetten aus, der gefürchteten Monumentalität ausweichend, indem die auftrumpfenden, in großen Schritten die Register durchmessenden Motive Farbe und in den fein ausgearbeiteten stillen Momenten ein tragendes Gegengewicht erhielten. Die Philharmoniker folgten dem exzellent; die nach tiefgründiger Intensität schürfende Ruhe, die Weigle ausstrahlte, schlug sich nieder in hoch emotionalem Spiel der Musiker.

Dass von dieser Linie bis zum letzten Ton nicht abgewichen wurde, tat auch dem "Te Deum" gut, dass machtvoll und beschwörend, aber nie gewaltvoll wirkte. Wunderbar trugen die Damen und Herren des MDR Rundfunkchores (Einstudierung Robert Blank) die sorgsam ausgehörten, himmlischen Pianissimo-Passagen wie die machtvollen, gleichwohl innerlich beweglichen Manifeste. Dem Ausdruck passte sich das prominent besetzte Solistenquartett - Christiane Libor (Sopran), Christa Mayer (Alt), Christian Elsner (Tenor) und Georg Zeppenfeld (Bass) - sensibel an. Perfekt wäre die Ausgewogenheit bei einem noch etwas zurückgenommenen Vibrato-Einsatz der Sopranistin gewesen, und Elsner musste bei seinen Soli etwas Tribut zollen.

Lang währte die Stille nach dem Schlussakkord, bevor das Publikum auch langen Applaus spendete.

Klappt doch gut mit der Dresdner Philharmonie in der Kirche, hört man nun die sagen, die jetzt auch noch die Garnisonkirche als Spielstätte ins Gespräch bringen, während der Baubeginn am Kulturpalast ebenso wenig absehbar ist wie überhaupt ein solides Finanzkonzept. Nein, nichts ist gut. Philharmonie in der Kirche kann nur eine Übergangslösung sein, und je länger sie sich hinzieht, umso weniger wird man sich arrangieren können mit Bruckner vom Altarplatz. Das Publikum nicht und sicher auch nicht junge Musiker, die freiwerdende Stellen im aufs Abstellgleis geschobenen Orchester einnehmen könnten. Eine Bruckner-Sinfonie ist etwas anderes als Bachs Weihnachtsoratorium und auch als ein Brahms-Requiem. Hier entsteht die unbefriedigende Situation, dass toll gespielte Musik ihre Wirkung verfehlt. Ab einem bestimmten dynamischen Niveau fliegt sie förmlich nach oben weg, machtvolles Tutti - das eigentlich beim Hörer schaudern machend Rücken und Arme runter rieseln müsste - findet wie hinter einer Glaswand statt. Die für Kontur verantwortliche Pauke verschwimmt akustisch; der Trompetenglanz schält sich mühsam aus dem Untergrund. Nur dem "Te Deum" ergeht es ein wenig besser, weil die Orgel (Kreuzorganist Holger Gehring) für mehr Raumgefühl sorgt.

So sitzt man denn mit dem nassen Mantel auf den Knien dicht an dicht in der Kirchenbank und spürt, wie sich die Musiker die Seele aus dem Leib spielen, jedoch musikalischer Genuss nicht entstehen will. Als in seiner Dauer unabschätzbarer Zustand für dieses Orchesters und sein jetzt noch treu folgendes Publikum - in dem übrigens nicht nur graue Häupter zu sehen waren - ist dies für die Kulturstadt Dresden einfach nur zum Verzweifeln.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.11.2012

Sybille Graf

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