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Dresdner Philharmonie spielte unter Markus Poschner Zemlinskys Orchesterfantasie "Die Seejungfrau"

Dresdner Philharmonie spielte unter Markus Poschner Zemlinskys Orchesterfantasie "Die Seejungfrau"

Es ist heute eine Selbstverständlichkeit, nach der Urfassung einer Komposition zu forschen, wenn sich nach Abschriften Fehler eingeschlichen oder fremde Hände unautorisierte Änderungen vorgenommen haben.

Kompliziert wird es, wenn der Komponist sein Werk nach der Uraufführung willentlich und eigenhändig revidierte. Die Frage, ob die Urfassung dann lediglich ein interessantes Detail der Entstehungsgeschichte ist oder den Weg in den Konzertsaal nehmen sollte, bietet jede Menge Stoff für Diskussionen. Zum Beispiel bei Alexander Zemlinskys Orchesterfantasie "Die Seejungfrau", die die Dresdner Philharmonie im Internationalen Congress Center musizierte.

Nach der durchaus positiv aufgenommenen Uraufführung 1905 vom Komponisten zurückgezogen, später überarbeitet und im Zuge von Zemlinskys Flucht vor den Nationalsozialisten nach Amerika auch noch in ihren Sätzen auseinandergerissen, stellt sie einen komplizierten Fall dar. Die jüngst erschienene kritische Neuausgabe des Verlages Universal Edition - aus der hier erstmals musiziert wurde - tilgt zum einen Fehler, die sich bei und nach der Wiedererstaufführung 1984 aufgrund von Zemlinskys schlecht zu entziffernder Notenschrift eingeschlichen hatten. Zum anderen bietet sie beide Fassungen des zweiten Satzes an, aus dem der Komponist bei der Umarbeitung eine ganze Episode - die Begegnung der Seejungfrau mit der Meerhexe - gestrichen hatte. Urfassung oder letzter Wille des Komponisten? Der Frage muss man sich hier nun stellen, während sich die Revisionen in den anderen Sätzen wegen fehlenden Materials nicht mehr rückgängig machen lassen.

Die Dresdner Philharmonie unter Markus Poschner spielte erstmals wieder die Urfassung. In dieser längeren Version ist der Satz kontrast- und stimmungsreicher, mit dem Strich gingen ihm durchaus faszinierende Momente verloren, was Zemlinskys Schritt schwer nachvollziehbar macht. Die zweite Fassung freilich wirkt in Gestus und Form geschlossener - und um eine lückenlose Nacherzählung des Andersen-Märchens war es dem Komponisten ja eh nie gegangen.

Nun, den Meister können wir nicht mehr fragen. Aber seine so feinsinnige wie dramatische Töne anschlagende, die Tragik der Geschichte ausleuchtende Musik mit offenen Ohren hören. Die wurde von Poschner und den Philharmonikern mit Fluss und Leidenschaft musiziert, ob im Wüten des sturmgepeitschten Meeres oder in der feinen Ausformung des stillen Leidens im dritten Satz. Nicht überzeugen konnte die dynamische Umsetzung - was definitiv nicht an den Philharmonikern oder am Dirigenten lag (Letzterer ist ja im Gegenteil für sein Ausreizen dynamischer Schattierungen bekannt), sondern an der Akustik und den natürlichen unteren Grenzen einer Tonerzeugung.

Im großen Saal des ICC hat man es mit einem extrem direkten Klang zu tun, der jeden noch so leisen Klang umgehend auf Mezzopiano-Niveau hebt. Darüber sind feine Schattierungen ebenso schwer möglich, was gleichermaßen auf Klangfarben zutrifft. Da Zemlinskys Musik sehr davon lebt, musste sie Federn lassen.

Bei Beethovens stärker strukturierter und motorisch ausgeprägterer 4. Sinfonie am Beginn des Konzerts war dies etwas weniger ins Gewicht gefallen. Poschner lenkte das Augenmerk geschickt auf die Satzcharakteristika - die markanten Details des Kopfsatzes, eine elegante, fast vornehme Note im Adagio, die thematische Gegensätzlichkeit des dritten und das Rauschhafte des vierten Satzes.

Interessant übrigens, dass in diesem Saal Beifall tatsächlich klingt, als hätte eben jemand einen Vortrag gehalten. Mit den Bravi am Konzertende war's ein bisschen besser.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2013

Sybille Graf

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