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Dresdner Philharmonie geht auf Tournee - Vorher gab es im Albertinum Beethoven mit Kurt Masur

Dresdner Philharmonie geht auf Tournee - Vorher gab es im Albertinum Beethoven mit Kurt Masur

Wie die freundliche Anstrengungslosigkeit eines Dirigenten dramatische Klangeffekte im Orchester hervorzurufen vermag, davon konnte sich das Publikum in den jüngsten Beethoven-Zykluskonzerten der Dresdner Philharmonie überzeugen.

Sicher, Kurt Masur ist in diesem Repertoire zu Hause wie wenige seiner Kollegen. Im positiven Sinne sind daher viele der gewählten Tempi eingeschliffen: Masurs Zeitmaß ist nun generell gemäßigt. Nirgendwo werden bewusst Tempi ausgetestet oder die musikalische Spannung an Übergängen ausgereizt, wie es etwa in den jüngsten Einspielungen der neun Sinfonien durch Christian Thielemann der Fall ist. Übergänge erscheinen stets organisch, als wäre die augenblickliche Interpretation das Kondensat vieler Jahrzehnte der Beschäftigung mit dem Komponisten und seinem Werk. Diese Verdichtung auf das Wesentliche lässt sich vor allem an der Gestik des Dirigenten festmachen: Sie ist wiedererkennbar über Jahrzehnte, aber nun aufs Äußerste reduziert - was das Orchester natürlich zu höchster Aufmerksamkeit auch untereinander zwingt. Eine Armbewegung des Dirigenten, und die Hörner lassen eine Passage stolz hervortreten. An anderen Stellen reicht aller vier Takte ein leichtes Zucken der Schultern, und die Musik strebt nach vorn...

Auf Heike Janicke lastete durch diese manchmal nur angedeutete Impulsgebung größte Verantwortung: Die Konzertmeisterin koordinierte die Einsätze, sie trat auch dynamisch an einigen Stellen quasi als Primarius hörbar vor den Rest der Stimmgruppe. Ganz weich und leicht erschienen die sechste und siebte Sinfonie in Masurs "später" Lesart nun; Masur-Kritiker nannten das "gediegen" und meinten: zu glatt. Hin und wieder blitzen im Orchester aber kristallscharf Soli hervor; die Philharmonie hat in ihrer Klangbehandlung von den subjektivierten Beethoven-Vorstellungen ihres Ersten Gastdirigenten Markus Poschner profitiert.

Masur gab den Werken eine fast meditative Aura mit. Dabei lächelten ihn die Musiker oft an, was vermuten lässt, dass er sich ebenfalls sichtlich über gelungene Passagen freute. Die Sechste atmete jedenfalls großen Frieden; selbst die Gewitterstürme des vierten Satzes fügten sich in ein pittoreskes Panorama. Vom Blitz erschlagen zu werden, musste hier niemand fürchten. Und die Siebte, nach der Pause? Plastisch wurde zu Beginn der Gegensatz der autoritären Orchesterschläge, zwischen denen die Bläsersolisten ihre "privaten" Melodien plazierten. Mit langem Atem und wohlkalkulierten dynamischen Abstufungen zelebrierte Masur dann das Allegretto, an dessen Ende die Musik zerfaserte, vom Wind verwehte. Ein munterer, wiederum nicht überdrehter Prestosatz, dessen Tempoabstimmung zwischen den Stimmgruppen doch an einigen Stellen hörbar hakte; dann der stürmische Kehraus, bei dem das Orchester noch einmal fein abgestuft zu Werke ging, nichts überspielte, jede Passage genüsslich auslebte.

Lange, stehende Ovationen spendeten die Hörer im Albertinum am Donnerstagabend. Bewegt feierten sie einen Künstler, dessen Rolle - neben seinen Altersgenossen Herbert Blomstedt und Sir Colin Davis - für Dresdens Wahrnehmung als Kulturstadt wohl nicht überschätzt werden kann. In der Rückschau mag der Titel des diesjährigen Artist in Residence für viele treue Hörer, die gar Masurs Amtszeit bei der Dresdner Philharmonie von 1967 bis 1972 noch im Ohr zu haben meinen, allzu hohe Erwartungen geweckt haben. Hat sich doch der heutige Ehrendirigent des Orchesters mit dem letzten von drei Konzerten für diese Spielzeit schon wieder aus Dresden verabschiedet. Als Ehrbezichtigung war dieser Titel trotzdem angemessen: Ähnlich lang erinnernswerte Konzerte wird die Philharmonie in dieser Spielzeit wohl nur noch auf der geplanten Beethoven-Tournee unter Masurs Leitung geben.

Und der Dirigent selbst? Ungebremst scheint er derzeit trotz seiner körperlichen Einschränkungen. Paris, London und New York stehen auf seinem Konzertplan der nächsten Monate; er wird sein Kernrepertoire dirigieren, Sinfonien von Brahms und Bruckner - und natürlich Beethoven. Am 13. Februar ist er mit dem letzten Capell-Virtuosen des Dresdner Schwesterorchesters, dem Geiger Nikolaj Znaider, in Israel zu Gast. "Zum letzten Mal...?" werden wohl dort wie hier einige Hörer ob seiner Gebrechlichkeit fürchten - und sich doch herzlich wünschen, dass er recht bald wiederkäme. Martin Morgenstern

Die Dresdner Philharmonie spielt von heute bis Dienstag in Münchner Gasteig, wo der komplette Beethoven-Zyklus mit allen neun Sinfonien unter Leitung von Kurt Masur zu erleben ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2012

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