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Dresdner Philharmonie: Stumm sind die Bilder

Dresdner Philharmonie: Stumm sind die Bilder

Verdis "Aida" in einer Viertelstunde und Wagners Leben in 70 Minuten? Das ist natürlich der Inbegriff aller Ungerechtigkeit. Aber wie könnte man diesen beiden vor 200 Jahren geborenen Heroen des Musiktheaters oder gar ihrem Werk überhaupt gerecht werden? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man kann sich ihnen nur annähern. Am besten mit vielfältigsten Aufführungen.

Die Dresdner Philharmonie hat nun dort, wo ohnehin stumme Bilder für sich sprechen, im Albertinum, ihre Reihe "Film & Musik" fortgesetzt. Deren Stamm-Dirigent Helmut Imig, er begeistere in den vergangenen Jahren immer mal wieder mit außergewöhnlichem Repertoire von und zu Charlie Chaplin, hat diesmal der wichtigsten Opern-Jubilare des Jahres gedacht. Und des Frühstadiums der Filmindustrie, als die Bilder gerade mal laufen lernten. Zwar stumm waren, aber doch umso mehr zu sagen hatten.

"Aida" als Auftakt, eine ganz große Oper als ganz kurzer Film - darin scheint fast alles gesagt. Stumme Szenen um Liebe, Macht und Verrat, das tragische Finale im vereinten Tod. Der Regisseur des 1913 entstandenen Streifens ist nicht bekannt, die nun dazu gehörte Musik ist es sehr wohl. Imig hat Verdis Oper auf nicht mal ein Zehntel der üblichen Dauer komprimiert, das Orchester satt Highlights aufspielen lassen, die Bläser für den Triumphmarsch auf der Treppe arrangiert und sich selbst als ewig jungen Experten punktgenauer Einsätze präsentiert.

Ohne Konzertpause trieb er Orchester und Publikum weiter vom Verdi- ins Wagner-Jahr, ließ den ebenfalls 1913 entstandenen Stummfilm "Richard Wagner" im Lichthof aufflimmern und überzeugte mit zahllosen Wiedererkennungsthemen - obwohl dieser Film von Carl Froehlich und William Wauer keine Wagner-Musik beinhalten durfte. Witwe Cosima hat es verboten, ihr war das Klamauk-Genre Kino abhold. Für Giuseppe Becce war das die Chance, sich gleichermaßen als Mime wie als Komponist zu erweisen. Er spielt den Komponisten Richard Wagner und schrieb für diesen Film auch die Musik. Natürlich mit zahlreichen Anklängen und Anleihen beim Meister, aber ebenso mit Einflüssen von Mozart bis Beethoven. Wagners Leitmotivik ist deutlich erkennbar, aber stets so verfremdet, dass sie juristisch unanfechtbar gewesen blieb. Helmut Imig, der Becces Kompositionsstil als "Wagnervermeidungsmusik" betrachtet, hat die Filmpartitur neu orchestriert, entstanden ist ein deftiger Wagner-Klang, der insbesondere bei den absichtlich "falsch" gesetzten Noten - Tannhäuser schräg, Meistersinger heftig punktiert - zum Schmunzeln reizt.

Das tut auch der vom Kinopionier Oskar Messter zu Wagners 100. Geburtstag produzierte und für damalige Verhältnisse erstaunlich aufwändige Film. Becce gibt darin einen überzeugend selbstbewussten Richard, die Frauen um ihn herum fallen in eindrucksvolle Ohnmachten, die bärtigen Bühnenhelden der Opernausschnitte sind Helden der Theaterhistorie. Bemerkenswert modern wurden Montagen und Kolorierung eingesetzt, um Visionen im Wagnerschen Schaffen zu verdeutlichen. Schon beim Komponieren erscheinen ihm Bühnenfiguren geradezu greifbar.

Man darf für dieses Engagement nur dankbar sein, Musik und Film einander nahezubringen, zumal die Philharmonie unter Imig brillant sowohl in den breit besetzten als auch in den kammermusikalischen Passagen musiziert hat. Die Musik ist teils so dramatisch, dass man sie sich als Grundlage einer separaten Oper wünschen möchte - als nachträgliches Geburtstagsgeschenk an den, wie dem Programmheft mit Erstaunen zu entnehmen war, "aus Dresden stammenden" Richard Wagner.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2013

Michael Ernst

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