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Dresdner Kunststudentin Wiebke Herrmann im Porträt

Junge Kunst Dresdner Kunststudentin Wiebke Herrmann im Porträt

Wiebke Herrmann gehört zu den vielversprechenden Nachwuchstalenten in der sächsischen Kunstszene. Im vergangenen Jahr bekam sie den „SACHSEN_ART“ Preis für junge Kunst . Ihr Bild „Off the Wall“ wurde von den Lesern von Spiegel Online zum besten Werk einer Nachwuchskünstlerin gekürt. Ein Porträt:

Bildausschnitt aus Wiebke Herrmanns „Howl“.

Quelle: Wiebke Herrmann

Dresden. Die massive, schwere Holztür der Hochschule für Bildende Künste öffnet sich langsam. Wiebke Herrmann streckt mit einem breiten Lächeln nur den Kopf heraus aus ihrem Bau und blickt auf die Brühlsche Terrasse. Nach einer herzlichen Begrüßung geht sie voran durch die alterwürdigen Hallen und langen Gänge, in einen Fahrstuhl, dann in ein Treppenhaus. Nicht ein Mensch ist zu sehen. Und Herrmann wirkt in ihrem rot-schwarzen Rock und mit ihrer Kurzhaarfrisur, die im Takt ihrer Schritte wippt, wie eine Märchenfigur, die immer wieder kurz über die Schulter zurückschauend durch ihren einsamen Palast führt. Sieben Jahre ist sie schon hier – hoffentlich nicht immer so allein.

Dann stehen wir in ihrem Atelier. Geweißte Leinwände liegen akkurat auf dem Boden verteilt. Einige ihrer Arbeiten hängen an der Wand. Sofort ins Auge sticht ein riesiges Querformat mit nur wenigen bereits fertiggestellten Bildelementen. „Das ist meine Diplomarbeit. Da möchte ich jetzt eigentlich noch nicht drüber reden“, sagt die junge Künstlerin, lacht und steckt sich eine Light-Zigarette an.

Herrmann gehört zu den vielversprechenden Nachwuchstalenten in der sächsischen Kunstszene. Das sieht man auch beim Neuen Sächsische Kunstverein so, der die 28-Jährige im vergangenen Jahr aus 86 Bewerbern mit dem „SACHSEN_ART“ Preis für junge Kunst in Sachsen auszeichnete. Doch auch über die Landesgrenzen des Freistaates hinaus sorgte die gebürtige Dresdnerin bereits für Furore. Ihr Bild „Off the Wall“ wurde von den Lesern von „Spiegel Online“ im vergangenen Jahr zum besten Werk einer Nachwuchskünstlerin gekürt.

Was ist es, wodurch Herrmanns Werke aus der Masse herausstechen und ihr eine derartige Aufmerksamkeit zu Teil wird? Auffallend ist die klare, figurative Bildsprache der Künstlerin: Es sind Kompositionen, die den Betrachter einen tieferen Sinn, manchmal auch einen Witz erahnen und ebenso oft vergeblich suchen lassen. „Meine Bilder haben oft viele erzählerische Ebenen. Teils gibt es sogar Verbindungen zwischen einzelnen Werken. Doch welche Aussage ich treffen will, lasse ich gerne offen. Ich will den Betrachter nicht drängen“, erklärt Herrmann.

Die Künstlerin bei der Arbeit

Die Künstlerin bei der Arbeit

Quelle: Hauke Heuer

Gut nachvollziehbar wird diese Mehrdeutigkeit in Herrmanns Ölmalereien „Kimme und Korn“ und dem erwähnten „Off the Wall“. In letzterem Werk zeigt die Künstlerin zwei Hasen, die sich vor einer grauen Steinmauer mit den Vorderläufen – vielleicht im Guten, vielleicht im Bösen – kabbeln und auf die Nasen schlagen. Hinter der Mauer sieht man zwei grün behütete Männerköpfe. Was es mit den Kopfbedeckungen auf sich hat, zeigt sich im Schwesterbild „Kimme und Korn“. Zwei Jäger halten auf der anderen Seite der Mauer mit ihren Büchsen aufeinander an. Doch sie sehen absolut gleich aus. Das lässt großen Raum für Interpretationsmöglichkeiten. Stehen die oder der doppelte Jäger mit sich selbst im Konflikt und können die Waidmänner deshalb nicht die Hasen jagen, die wiederum, in Revierkämpfe verstrickt, das Weglaufen vergessen? Die Verwirrung mit Scheinsymboliken ist bei Herrmann Programm.

Unterstützt wird dieser Effekt durch ihre Auswahl der Motive. Oft finden Wildtiere Eingang in die Werke. Wildschweine, Hasen, Füchse und Bären stehen gleichberechtigt neben Menschenfiguren und lassen Fabelassoziationen aufkommen. Der klare Bildaufbau fixiert das Interesse das Betrachters auf eben diese Figuren. Eine tatsächliche Handlung oder eine echte Dynamik lässt sich jedoch fast nie erkennen.

„Wilde Tiere sind andere Wesensformen, die wir nicht verstehen – die sich unserer Logik entziehen, unkontrollierbar sind und so etwas Unbestimmtes in das Bild bringen“, erklärt Herrmann und spricht von einer eigenen Ästhetik, die sie in den vergangenen Jahren an der HfBK in der Klasse von Christian Macketanz entwickelt hat. Doch gerade bezüglich der oft surreal erscheinenden Bildkompositionen werden Anleihen bei der Leipziger Schule sichtbar. Perfektionistisch setzt Herrmann komplizierte Perspektiven um, spielt mit dem Licht und opfert auch mal ganze Gliedmaßen ihrer Protagonisten, nur weil diese zu hell und präsent sind und dem Betrachter ins Auge springen würden.

Der Perfektionismus zeigt sich auch im Arbeitsablauf Herrmanns. „Jedem Bild gehen umfangreiche Studien an den Objekten mit Fotoapparat und Skizzenblock voraus“, erklärt sie. Ähnlich einem Bildhauer, der Schlag für Schlag seine Figuren entwickelt, nähert sich Herrmann Schritt für Schritt dem Idealbild in ihrem Kopf.

Für ihre Arbeit findet die junge Künstlerin in ihrem Atelier an der HfBK perfekte Bedingungen. Doch mit dem Abschluss ihres Diploms – voraussichtlich im Sommer – beginnt ein neuer Abschnitt. „Ich hoffe, als Meisterschülerin weiterhin an der Hochschule bleiben zu können, aber ich brauche ein eigenes Atelier und muss über kurz oder lang meinen Lebensunterhalt mit meinen Bildern verdienen“, sagt Herrmann nicht ganz sorglos. Derzeit bezahlt ein Nebenjob in einem Dresdner Kino ihre Brötchen und das, obwohl Herrmann für ihr junges Alter schon überdurchschnittlich oft Bilder verkauft. „Ich weiß heute, dass ich das mein Leben lang machen will, auch wenn es nicht einfach wird“, ist sich die junge Frau sicher. Dass sie vor sieben Jahren ihr Lehramtsstudium für die Kunst an den Nagel gehangen und damit die vermeintlich sichere Bank verlassen hat, bereut sie nicht: „Für die Arbeit in einer Schule währe ich definitiv zu ungeduldig gewesen. Und auch den Regularien eines Lehrplanes hätte ich mich nicht gerne unterworfen. Es bringt nichts, sich zu verbiegen.“

Ausstellung „Die Leiden der jungen W.“ mit Werken Wiebke Herrmanns vom 5. März bis 7. Mai im Neuen Sächsischen Kunstverein, Schützenplatz 1, geöffnet Di bis Fr 14 bis 18, Sa 10 bis 14 Uhr

Von Hauke Heuer

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