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Dresdner Kunsthof Gohlis kämpft ohne Strom und Gas ums Überleben

Dresdner Kunsthof Gohlis kämpft ohne Strom und Gas ums Überleben

Mai 2008 ist der Kunsthof Gohlis ein nicht zu vernachlässigender Knoten im Netzwerk der städtischen Kultur, wenn auch von der Besucherstatistik her sicher noch eher ein Geheimtipp, schon aufgrund der Lage im weit westlichen Dresdner Vorort Gohlis.

Seit dem 1.

Ein fast tropisch wirkender Garten mit versteckten Sitzgelegenheiten empfängt den Besucher, und hemmt womöglich dessen Zielstrebigkeit, die eigentlich auf das Erlebnis eines Konzerts oder einer Lesung gerichtet ist.

Der gemeinnützige Salve e.V., genauer gesagt Sigrid Koerner und Uwe Piller, haben es verstanden, über die wenigen Jahre eine Programmstruktur aufzubauen, die nicht nur für Publikum, sondern besonders für Künstler interessant ist, die (auch einmal) in einem besonders intimen Rahmen auftreten wollen. Die Künstler kommen, obgleich sie hier mit guter Kost und Logie sowie mit dem begnügen müssen, was die Besucher in den Hut werfen, mit dem der Veranstalter nach dem Ende eines Auftritts herumgeht. Und der Rahmen funktioniert, obgleich man in der ehemaligen Scheune des Dreiseithofes an Tischen sitzt, mit ein bisschen Glück sogar auf einem gemütlichen Sofa.

"Die Musiker kommen gern, weil die Leute hier zuhören und sich nicht nur unterhalten und mit Alkohol zudröhnen wollen", meint Piller und nennt spontan Namen wie Dirk Zöllner und Angelika Mann. Aber nicht nur die alten Ost-Künstler haben hier ihre Visitenkarte abgegeben, sondern auch viele aus dem übrigen Europa und sogar von Übersee. Nachzulesen ist das (wie auch die schon weit ins Jahr 2015 reichende Veranstaltungsvorschau) in jedes Jahr länger werdenden Listen auf der Homepage des Kunsthofs.

Jedenfalls bis zu den schlimmen Junitagen des vergangenen Jahres und mit gewissen Einschränkungen seit Februar des laufenden. Dass im Tropengarten jahreszeitlich bedingt jetzt die Blätter fallen, ist natürlich keine. Auch nicht, dass die Einrichtung im Saal jetzt ein bisschen zu gediegen und gar nicht recht rustikal wirkt - die arche noVa hat nicht nur ihr Transparent draußen groß an den Zaun gepinnt, sondern als einer von vielen großzügigen Helfern und Unterstützern nach der Flut für die neue Möblierung gesorgt. Während unseres Gesprächs geht eine SMS ein, die australische Singer/Songwriterin Kirbanu sagt ab, leider habe die Flu sie erwischt. Es dauert eine Viertelstunde, dann hat Piller, während wir uns am Kaminfeuer wärmen und Sigrid Koerner einige Hintergründe erhellt, so nebenher einen Ersatz gebucht. Alles paletti?

Ganz und gar nicht. "Die Flut war schlimm, aber jetzt ist es einfach schrecklich", bilanziert Piller die Lage. Das bisschen Wärme aus dem Kamin ist die einzige, die derzeit wohlfeil zur Verfügung steht, zumal für die beiden Vereinsvorstände, die hier im Haus wohnen. Bei Veranstaltungen heizt man - mit Kerzen, und gerade hat wieder jemand eine Tragetasche voll gespendet; der Strom für Bühnenlicht und Verstärker, aber auch für jeglichen anderen Bedarf kommt seit Wochen aus einem geliehenen Notstromaggregat, das laut Piller täglich für 60 Euro Benzin frisst, seit nämlich die Enso Strom und Gas gesperrt hat...

Trotzdem versuchen die Vereins-Macher weiterhin ihr Projekt am Leben zu erhalten, bis zu einem sicher nicht zu fernen Tag X, an dem sich die Weichen neu stellen müssen, zumal die Commerzbank ihr Darlehen längst auf fällig gestellt hat. Beide von Haus aus diplomierte bildende Künstler (Piller 1981 in Dresden, Koerner hatte, als sie 1983 in Halle-Giebichenstein abschloss, bereits ein Diplom als Chemikerin in der Tasche), sind jetzt als Lebenskünstler mit all ihrer Fantasie mehr als voll gefordert, wobei es natürlich nicht nur um ihr persönliches Überleben bzw. Selbstwertgefühl geht, sondern auch um ein öffentliches Interesse, das natürlich dem Kunstort gelten muss, aber ebenso natürlich auch den erheblichen Mitteln, die darin investiert wurden.

Abgesehen davon, dass die beiden Aktivisten (der dritte Vereinsvorstand ist Wirtschaftsprofessor in Düsseldorf, aber auch kein Krösus) es auf Dauer nicht allein schaffen werden, kann und darf es mit der derzeit völlig absurden Verwendung von Spendengeldern, die u.a. mit Hilfe des Portals "Deutsche Mugge" eingeworben werden, so nicht weitergehen. Als Berichterstatter stehe ich allerdings ziemlich ratlos vor der Frage, wie der hier (sicherlich auch in Folge der Blauäugigkeit oder Treuherzigkeit von Piller und Körner) festgezurrte Knoten gelöst werden könnte.

Wie wohl meist in solchen Fällen, sah am Anfang alles eigentlich zu schön aus. Die beiden Initiatoren, die sich übrigens schon einmal, nämlich im Kunstschloss Hermsdorf, um die Früchte ihrer Arbeit betrogen sahen, fanden einen Freund oder Kumpel, der als gewissermaßen stiller Teilhaber für das zum Erwerb der Immobilie nötige Darlehen, sprich das finanzielle Risiko des Unternehmens geradestehen wollte, zunächst im Rahmen einer Dreier-GmbH. Diese nach ersten Schwierigkeiten mit der Zinszahlung aufgelöst zu haben, sei sicherlich ein Fehler gewesen, gesteht Sigrid Koerner ein, denn damit ist jener Karsten I. nun gewissermaßen alleiniger Eigentümer der Immobilie und konnte daher letztendlich auch selbst über die Verwendung der von der Sächsischen Aufbaubank bewilligten Fluthilfemittel verfügen. Ausgenommen sind davon allerdings die freiwilligen Hilfen bei Beräumung und Wiederaufbau sowie Spenden an den Verein.

"Er hat keine Angebote eingeholt, geschweige die von uns gewonnenen Firmen beauftragt, die bereit gewesen wären, den geforderten Eigenanteil als Spende mit zu übernehmen", klagt Piller, und Koerner verweist auf ihr vorliegende Rechnungen, in denen gar nicht ausgeführte Arbeiten ausgewiesen würden bzw. sogar solche, die man selbst mit den freiwilligen Helfern ausgeführt habe. Sie könne nachweisen, dass die entsprechenden Summen auf das Konto von Herrn I., zurückgeflossen seien. Bereits im Juni hat sie die SAB auf derlei Unregelmäßigkeiten hingewiesen, hat aber bislang nur einen Hinhaltebescheid jüngeren Datums, in dem besonders darauf verwiesen wird, dass die SAB keine Auskunft erteilen wird, weil der Salve e.V. nur Pächter des Kunsthofs ist. Dafür habe I. mittlerweile auch die Entschädigung für den enormen Energiebedarf zur Trocknung des Gebäudes einfach einbehalten, und weil ohne dieses Geld die offenen Rechnungen der Enso nicht zu begleichen waren, ist die Situation eben so, wie sie heute ist: kein Strom, kein Gas, auch nicht in den Privatwohnungen. Ein Kunstkrimi im Dresdner Westen, unbedingt ein Fall für den Staatsanwalt, denn dem von den Vereinsvorständen gegenüber dieser Zeitung öffentlich erhobenen Vorwurf, I. habe Fluthilfemittel in Höhe von 125 000 Euro betrügerisch abgerechnet, muss wohl sicherlich nachgegangen werden. Dass dabei das Projekt Kunsthof überlebt, respektive eine Umschuldung und die Umwandlung des Eigentums in eine gemeinnützige Stiftung gelingen, hoffen freilich im Moment nur ganz große Optimisten.

www.kunsthofgohlis.de www.deutsche-mugge.de/zeitzeuge/4694-hilfe-kunsthofgohlis-ohne-gas-und-strom.html

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.11.2014

Tomas Petzold

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