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Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller interpretiert Rembrandt neu

„Komisch und theatralisch“ Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller interpretiert Rembrandt neu

Rembrandt Harmenszoon van Rijn, kurz Rembrandt (1606-1669) schillert weiterhin. Seine Grafiken, Zeichnungen und Gemälde sind Magneten weltweit. Obwohl einer am meisten erforschten Künstler, ist auch bald 400 Jahre danach vieles in der Diskussion, was ‚Rembrandt’ ist. In dieser langen Partie hat Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller einen kräftigen Zug gesetzt.

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Neuer Blick auf ein vertrautes Werk: Rembrandts „Nachtwache“ (1642, Öl auf Leinwand, 363 × 437 cm, Rijksmuseum Amsterdam).

Quelle: Wikimedia

Dresden. Rembrandt Harmenszoon van Rijn, kurz Rembrandt (1606-1669) schillert weiterhin. Seine Grafiken, Zeichnungen und Gemälde sind Magneten weltweit. Laufend werden Bilder aus seinem Werk ausgeschieden, andere wieder zugeschrieben. Auch dem selben Gemälde kann geschehen, dass es innerhalb eines Jahrzehnts erst als Rembrandt geadelt wird, dann wieder als Werkstattarbeit gilt. Obwohl einer am meisten erforschten Künstler, ist auch bald 400 Jahre danach vieles in der Diskussion, was ‚Rembrandt’ ist. In dieser langen Partie hat Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller einen kräftigen Zug gesetzt. Seine neue Interpretation von Rembrandt und vor allem der „Nachtwache“ (1642) geht von den komischen Seiten dieses, wie man früher dachte, ‚staatstragenden’ Bildes aus – was erklären würde, dass der Künstler anschließend in Ungnade fiel und sehr viel weniger Aufträge als vorher erhielt.

Rembrandt in ganz neuer Perspektive – das geht also noch? Was ist das Neue an ihrem Buch zu Rembrandt?

Ich habe mich auf die Frage konzentriert, wie der Leidener Künstler mit Vorbildern umgeht. Dies ist wichtig, weil das Problem der Nachahmung großer Vorbilder als zentral für die Malerei des 17. Jahrhunderts zu erachten ist. War man ein Anhänger klassizistischer Theorie, malte man nicht einfach los, sondern suchte sich ein antikes oder italienisches Vorbild. Einem solchen kanonischen Modell erteilt Rembrandt eine Absage.

Was bedeutet das konkret?

Er macht sich über bestimmte Vorbilder lustig, wenn er erhaben-tragische Motive auf lustige und niedere Themen überträgt. Oder er nutzt aus großen Kompositionen nicht die Hauptmotive, sondern übernimmt vermeintlich unwichtige Details. Also Rembrandt zeigt, dass er alle diese berühmten Werke kennt, sich ihnen aber nicht unterwirft.

Stattdessen ist er – realistisch? Er zeichnet lieber ohne klassische Vorbilder nach der Natur?

Nein, er tut nur so. In Wirklichkeit verwendet er unaufhörlich Vorbilder, verfremdet diese allerdings so geschickt, dass man sie nicht ohne weiteres entdecken kann. Er „veralltäglicht“ antike Vorbilder, modifiziert sie zu einfachen Menschen. Zentral ist für ihn die barocke Vorstellung des „Welttheaters“. Seine vielen Selbstbildnisse lassen sich in dieser Hinsicht begreifen. Er spielt und probiert Rollen aus.

Warum dieses Versteckspiel?

Um seine Kritiker zu widerlegen, die ihm vorwarfen, er sei ungebildet und kenne weder die italienische, noch die Kunst der Antike. Der Künstler stellt sich absichtlich dumm. Dies erachte ich als ein ironisches Verfahren. Denn wenn ich ihm dann Unwissenheit vorwerfe, zeige ich als Kritiker nur meine eigene Dummheit. Damit meine ich allerdings nicht die Ironie eines Thomas Mann, sondern jene des 17. Jahrhunderts, die in den Niederlanden noch mit dem älteren Theologen Erasmus von Rotterdam zu tun hat. Ironie hat hier einen christlichen Hintersinn.

Bedienen sich viele Bilder ironischer Verfahren?

Nein, eigentlich nur wenige, aber die sind sehr wichtig und programmatisch. So etwa sein Gruppenporträt „Die Nachtwache“, „Die Judenbraut“, aber auch „Der Raub des Ganymed“ aus Dresden. Unter den Radierungen sei an das „Hundertguldenblatt“ erinnert.

Die „Nachtwache“ galt lange als patriotische Bürgerwehr, was ist daran ironisch?

Rembrandt nutzt für sein großformatiges Bild eine der berühmtesten Kompositionen der italienischen Renaissance, „Die Schule von Athen“ von Raffael …

... aber das könnte doch auch eine Art Hommage an den großen Vorgänger sein.

Im Prinzip schon, aber Rembrandt fügt seinem Bild zwei Kommentare bei. Zum einen verweisen die spielenden Kinder auf die falsche Nachahmung, zum anderen inszeniert er mit dem Spiel der Hände der beiden Offiziere im Zentrum das Problem der Eigenhändigkeit oder Autonomie im Unterschied zur bloßen Wiederholung. Kurz gesagt, der Künstler macht auf die Grenzen des Nachahmungsmodells aufmerksam.

Sie schreiben, dass auch Rembrandts Ehefrau Saskia sich in dem Bild als Kind dargestellt findet.

Ja, das ist schon vor langer Zeit entdeckt worden. Sie ist das hell erleuchtete Mädchen. Das Gruppenporträt entsteht im Todesjahr der jungen Frau – 1642. Unmittelbar davor steht ein Junge, der eine Waffe abfeuert und damit die Schützen durcheinander bringt. Da Rembrandt zwischen den Füßen dieses Jungen seine Signatur angebracht hat, scheint er sich mit ihm zu identifizieren. Das ist sehr beeindruckend, wie er seine tote Frau quasi als Engelchen ergänzt.

Wir müssen uns also von den tapferen Niederländern, die ihr Vaterland verteidigen, verabschieden?

Auf den ersten Blick wirkt es zwar sehr martialisch, aber bei näherer Betrachtung stellt es sich als komisch und theatralisch heraus. Jeder trägt eine andere Kopfbedeckung oder eine andere Uniform. Die Krieger wirken für ihre Aufgabe kostümiert und niemand scheint auf den Befehl des Hauptmanns im Zentrum zu achten.

Haben sich die Auftrageber denn so etwas bieten lassen?

Außer den beiden Offizieren im Zentrum, die sehr nobel ausschauen, werden die anderen wohl nicht so glücklich gewesen sein. Aber das wissen wir nicht. Es sind mehr als 40 Personen dargestellt, aber wir wissen nur von sechzehn, die bezahlt haben. Wir wissen aber, dass der Künstler danach weniger Aufträge für Porträts bekommen hat als in den Jahren zuvor. Mit der „Nachtwache“ geht ein Karriereknick einher.

Was ist insgesamt für Sie das Besondere an Rembrandt?

Seine Modernität. Der Mann hat Recht. Kunst kann ja wohl nicht darin bestehen, das Erreichte zu verwalten. Außerdem: Sein Wissen um die Schwäche des Menschen. In seinen Bildern setzt er uns mit dem Sünder auf dieselbe Bank. Fasst euch bitte an die eigene Nase!

Interview: Meinhard Michael

Jürgen Müller: Der sokratische Künstler – Studien zu Rembrandts Nachtwache, 330 Seiten, 96 farbige Abbildungen, Brill, Boston 2015

Von Meinhard Michael

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