Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Google+
Dresdner Künstler malt Pop-Art Bilder zum Kennedy-Attentat

Dresdner Künstler malt Pop-Art Bilder zum Kennedy-Attentat

November 1963 ist so ein Datum, über das man sagt: Jeder weiß, wo er damals gewesen ist, in der Mittagsstunde, als die ersten Nachrichten kamen, auf den Präsidenten John F.

Der 22.

Kennedy sei geschossen worden.

Der 1918 in Dresden geborene Peter Ruta erwartete in seiner Wohnung auf der Madison-Avenue in New York einen Malerfreund. Der hing in der Galerie im Erdgeschoss des Hauses gerade die letzten Bilder für seine Ausstellung, die am Abend eröffnet werden sollte. Während Ruta in der Küche stand und das Mittagessen zubereitete, hatte er das Radio an. Zwei Stunden saßen die beiden Künstler, hörten Rundfunk, hofften, dass Kennedy vielleicht doch überleben würde und versuchten, ihren Schock weg zu sprechen. Dann 14.39 Uhr dieser Satz des Nachrichtensprechers: Der Präsident ist tot.

Eigentlich wollte Ruta am Nachmittag seinem Freund bei der Ausstellung helfen. Aber er wusste, an diesem Tag wird nirgends im Land eine Ausstellung eröffnet werden. Und er wusste auch, was er tun will. 25 Blocks waren es zu dem Geschäft für Künstlerbedarf auf der 44. Straße. "Alle sprachen miteinander auf der Straße", erzählt er. Wer es noch nicht gehört hatte, erfuhr es da. Ladenbesitzer schlossen ihre Geschäfte, Restaurants machten zu. Als wäre nichts mehr wichtig. Und als wäre es angesichts dieser Nachricht fast unanständig, weiter seinen Geschäften nachzugehen. Das Geschäft, das Ruta anstrebte, hatte noch offen. Er kaufte ein Stück Leinwand, trug sie nach Hause und präparierte sie. Am nächsten Morgen begann er zu malen.

Auch ein solcher Tag wie der 22. November wird zwar nicht vergessen, aber üblicherweise tritt er bald oder später in den Hintergrund, wird mit der Zeit blasser unter den Alltäglichkeiten. Nicht für Peter Ruta. Denn die nächsten Monate, die nächsten drei Jahre malte er nur ein Thema: Leben und Sterben von John F. Kennedy. Es entstand eine Serie von mehr als 50 Bildern. Gemalt im Stil der Pop-Art nach Fotos aus dieser Zeit. Vorher hatte er wenig in diesem Stil gemacht, für diese Arbeit schien er ihm der richtige.

Wer die Bilder des RAF-Zyklusses von Gerhard Richter kennt, weiß, um wie viel stärker ihre Wirkung ist als die der Fotos, nach denen sie gemalt worden sind. Ähnlich ist es bei den Kennedy-Bildern Rutas. Das ursprüngliche Fotosujet reduziert auf das Wesentliche. Gesichter oft nur ein heller Fleck. Der Hintergrund befreit von unwesentlichen Details. Die Konzentration liegt auf der Dynamik einer Szene. Ruta tut das, was den Künstler zum Künstler macht. Er sieht anders und anderes als der gewöhnliche Betrachter. Und so wird ein Hut, den ein Zuschauer verlor, als er sich in Panik zu Boden warf, zum zentralen Punkt des zentralen Moments: Als Kennedy getroffen zusammensackt in den Armen von Jackie, grob angedeutet im Vordergrund des Bildes. Der Hut, einsam mitten auf der Wiese, daneben ein stürzender Mann, wird zum Sinnbild des Chaos.

Die Motive der Bilder reichen mehr als drei Jahre vor den Tod Kennedys zurück. Ein Gemälde hat jenes legendäre TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten Nixon und Kennedy zum Gegenstand, bei dem Nixon seine Chance verspielt hatte. Ruta lässt das Meiste weg, auch die Stühle, auf denen sie sitzen, malt nur zwei Männer ohne Gesicht vor neutralem Hintergrund, konzentriert sich einzig und allein auf die Körperhaltung. Und zeigt damit mehr, als es jedes Foto könnte. Auch den Besuch von Kennedy in Berlin im Juni 1963 hat Ruta festgehalten. Und das Treffen des amerikanischen Präsidenten mit Chrustschow 1961 in Wien.

Für Nachgeborene wie für jene, die damals vor einem halben Jahrhundert eher spärlich mit Nachrichten aus diesem Teil der Welt versorgt wurden, ist die Bilderfolge auch eine Art Geschichtsunterricht. Denn Ruta beschränkt sich nicht auf Kennedy, sondern zeichnet ein Bild der damaligen Gesellschaft. So mit seinem Gemälde einer Antikriegsdemonstration, im Vordergrund ein Polizist, der einen Demonstranten niederringt. In der malerischen Abstraktion sieht es aus, als tanzten sie miteinander.

Natürlich bilden die Ereignisse in Dallas am jenem 22. November 1963 den Schwerpunkt der Serie: Bilder von der Fahrzeugkolonne davor, die heranstürzenden Sicherheitskräfte danach, die in Panik auf den Kofferraum kriechende Jackie Kennedy, das mit dem getroffe- nen Präsident und mehreren Männern auf den Trittbrettern davon rasende Auto. Und dann das Danach: die Pressekonferenzen, die Trauerfeier, die Vereidigung Lyndon B. Johnsons als neuer Präsident.

Die Bilder sind keine Kopien von Fotografien, haben mit Fotorealismus nichts zu tun. Sie sind ein künstlerischer Kommentar der Fotos und der Ereignisse, die sie abbilden. Und in der Reduktion auf das manchmal scheinbar Unwesentliche werden sie wesentlich und ein klein wenig gespenstisch.

"Es war ein Ereignis, dem sich ein Künstler stellen muss", erklärt Peter Ruta seine Motivation, diese Bilder zu malen. Es dürfte die einzige derartige Serie sein, die ein Künstler aus Anlass der Ermordung John F. Kennedys geschaffen hat. Ein Teil wurde 2003 in der Banning Gallery in New York gezeigt, 2008 auch in Leipzig. Derzeit sind einige der Kennedy-Bilder wieder in New York zu sehen. Peter Ruta hat danach nur noch selten Pop-Art gemacht, dieser Stil blieb Kennedy vorbehalten. Irgendwie angemessen, schließlich war der einer der ganz großen Pop-Stars der Politik.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.11.2013

Heidrun Hannusch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr