Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Google+
Dresdner Künstler lassen sich wegen Armenien-Projekt nicht einschüchtern

Nach türkischem Protest Dresdner Künstler lassen sich wegen Armenien-Projekt nicht einschüchtern

Das Europäische Zentrum der Künste in Dresden will sich wegen des geplanten Konzertprojektes „Aghet“ über die Massaker der Türken an den Armeniern nicht knebeln lassen. „Wir werden uns davon keineswegs einschüchtern lassen“, erklärte Intendant Dieter Jaenicke.

Intendant Dieter Jaenicke

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Die Kritik am Vorgehen der Türkei gegen ein Musikprojekt der Dresdner Sinfoniker, welches das türkische Vorgehen gegen die Armenier zwischen 1915 und 1917 thematisiert und als Völkermord bezeichnet, reißt nicht ab. Gestern ließen auch Dieter Jaenicke, Intendant des Zentrum der Europäischen Künste Hellerau, und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, deutliche Worte gegen die versuchte Einflussnahme auf EU-Ebene verlauten. Von der Reaktion der türkischen Regierung auf das Projekt sei er nicht überrascht, sagte Jaenicke laut einer Mitteilung. „Sie ist konsequent: erst die Presse, dann die Satire, jetzt Kunst und Musik. Die Anmaßung ist komplett und bedarf klarer Worte der Bundesregierung und der EU“, fügte er an. Außerdem sei es Aufgabe der Bundesregierung sicherzustellen, „dass für die involvierten Künstler in dem Projekt keine persönliche Bedrohung entstehen kann“. In Hellerau soll das Projekt „aghet – agit“ am Sonnabend Premiere feiern.

„Wir werden uns davon keineswegs einschüchtern lassen, Genozid weiter Genozid nennen und historisch belegte Verbrechen gegen die Menschlichkeit als solche bezeichnen, seien sie von Deutschen, von Türken oder von wem auch immer zu verantworten“, wurde Jaenicke weiter zitiert.

Auch Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) fordert: "Keinen Maulkorb für die Kunst." Klepsch erwarte von der Bundesregierung, dass sie gegenüber der EU und der Türkei eine klare Haltung vertritt und die Förderung des Projektes nicht infrage stellen lässt. "Eine europäische Lösung der Flüchtlingsfrage kann es nur mit der Türkei geben, jedoch nicht, indem die Türkei die Bedingungen diktiert und Errungenschaften wie Meinungsfreiheit unterläuft", so die Bürgermeisterin.

Bei den Massakern an den Armeniern im Jahr 1915 kamen Schätzungen zufolge zwischen 800 000 und 1,5 Millionen Angehörige der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich ums Leben. Die Türkei bestreitet, dass es sich dabei um einen Völkermord gehandelt habe.

Hellerau habe in den vergangenen Jahren die Trilogie über die Kulturen Anatoliens und der Kaukasus-Region von Marc Sinan, Markus Rindt und den Dresdner Sinfonikern koproduziert und im Festspielhaus vorgestellt. „Aghet“ sei nach „Hasretim“ und „Dede Korkut“ der letzte Teil dieser Trilogie, erklärte Jaenicke.

Auch nach einer mutmaßlichen neuen Einflussnahme der Türkei: Der Interneteintrag auf einer EU-Website über ein Dresdner Musikprojekt, in dem die türkischen Massaker an den Armeniern als „Völkermord“ bezeichnet werden, war am Montag weiterhin online. Unterdessen gab es weiter Kritik am Vorgehen der Türkei.

Die Dresdner Sinfoniker hatten der Türkei am Sonntag in einer Erklärung versuchte Einflussnahme auf die EU-Förderung des Konzertprojekts „Aghet“ vorgeworfen. Der armenische Begriff „Aghet“ (dt.: Katastrophe) steht für den Genozid an der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich mit bis zu 1,5 Millionen Toten, der vor 101 Jahren im Ersten Weltkrieg begann. Die Türkei wehrt sich gegen diese Einstufung des Massakers zwischen 1915 und 1917 als Genozid.

Die ständige Vertretung der Türkei bei der EU habe die Einstellung der finanziellen Unterstützung von „Aghet“ gefordert, erklärte das Orchester in Dresden. Die EU-Kommission sei dem nicht nachgekommen, habe aber eine „Entschärfung“ der bisherigen Formulierungen auf der Internetseite angekündigt. Die Projektbeschreibung sei deshalb zunächst von der Internetseite gelöscht worden, erklärten die Sinfoniker am Sonntag.

Die EU-Kommission stellte die Angelegenheit am Montag anders dar. „Die türkischen Autoritäten haben uns kontaktiert, weil sie glaubten, dass die Beschreibungen die Meinung der Kommission reflektieren“, sagte Chefsprecher Margaritis Schinas in Brüssel. Dies sei aber nicht der Fall, vielmehr würden die Beschreibungen von den Projektverantwortlichen selbst verfasst.

„Die Position der Kommission darüber ist klargemacht worden, auch schriftlich gegenüber dem türkischen Botschafter“, sagte Schinas. „Die Kommission kann weder in den künstlerischen Inhalt oder Titel von geförderten Projekten noch in die auf unserer Website veröffentlichten Beschreibungen, die im Bereich der Freiheit der künstlerischen Meinung bleiben, eingreifen“, fügte er hinzu.

Unterdessen reagierte der Deutsche Kulturrat mit Befremden auf die versuchte Einflussnahme. Eine Einmischung der Türkei in deutsche Angelegenheiten dürfe es keinesfalls geben, sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Es ist nicht die Aufgabe der Kommission, sich in künstlerische Prozesse einzumischen“, betonte er. Dies gelte auch dann, wenn diese mit EU-Geldern gefördert werden. Politiker verschiedener Parteien hatte die Vorgänge schon am Wochenende kritisiert.

Der Geschäftsführer des Kulturrates appellierte an die deutsche Öffentlichkeit, „nicht über jedes Stöckchen aus Ankara zu springen“. Die Kunstfreiheit in Deutschland sei auch dann nicht in Gefahr, wenn von türkischer Seite solche Versuche unternommen würden oder die Kanzlerin die Grundrechte nicht vehement genug verteidige. Dennoch hoffe er darauf, dass die Bundesregierung intern an die EU-Kommission herantritt und um mehr Zurückhaltung in diesem Fall bittet.

DNN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
"Angriff auf die Meinungsfreiheiten"

Die Türkei hat auf EU-Ebene gegen das Konzertprojekt „Aghet“ der Dresdner Sinfoniker zum Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren interveniert. Der türkische EU-Botschafter verlangt nun, dass die Europäische Union die finanzielle Förderung für die internationale Produktion einstellt.

mehr
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr