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Dresdner Intendant promoviert über die Besucherbindung in Opernhäusern

Dresdner Intendant promoviert über die Besucherbindung in Opernhäusern

Deutschlands Opernhäuser, die meisten jedenfalls, eint ein gemeinsames Los: Der Mangel an Zuwendung. Dresdens Semperoper darf da getrost mal als Ausnahme gelten, die meisten anderen Musiktheater haben aber Grund zum Klagen.

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Markus Lutz

Quelle: Dr. Martin Hufner

Denn ausnahmsweise geht es nicht um die finanzielle Zuwendung seitens der öffentlichen Träger, sondern um die des Publikums. Es bleibt - einfach aus.

Der Wirtschaftsjurist und Kulturwissenschaftler Markus Lutz, seit 2012 Verwaltungsdirektor der Dresdner Musikfestspiele und deren stellvertretender Intendant, hat sich ausgiebig mit dieser Materie beschäftigt und seine Doktorarbeit unter dem Titel "Besucherbindung im Opernbetrieb" als gut 550 Seiten starkes Buch vorgelegt. Eine Lektüre, die unbedingt in jede Kultureinrichtung gehört, denn die meisten der auf gründliche Analysen basierenden Ergebnisse sind durchaus von der Oper auf Sprechtheater und Konzertbereich zu übertragen.

Markus Lutz, der diese aufwändige Arbeit an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg verteidigt hat und seitdem Dr. Lutz genannt werden darf, ging zunächst der Frage nach, was das Kulturmanagement vom potentiellen Opernpublikum überhaupt weiß. Die Musiktheater sind bundesweit von erheblichen Subventionskürzungen betroffen, das hat nicht nur Auswirkungen auf das kulturelle Niveau der Gesellschaft, sondern zwingt die Institutionen zu erheblichen Anstrengungen, um neues Publikum zu gewinnen und Stammgäste zu halten. Vordergründig dient das der Erhöhung von Eigeneinnahmen, langfristig dürften damit aber auch soziale Faktoren verbunden sein.

Der Promovend hat die "Klebstoffe" erforscht, die das Publikum an Opernhäuser binden. Mit Frageerhebungen an elf der größten deutschen Musiktheater wurden die Gründe für den wiederholten Besuch desselben Hauses analysiert. Der DNN gegenüber erklärte Lutz sein Herangehen wie folgt: "Es gab und gibt viele Besucherbefragungen an unseren Theatern. Meist sind sie anbieterorientiert oder betreffen die Abonnements, aber noch nie wurde spezifisch nach Wiederbesuchern und deren Motivationen gefragt." Als einstiger Referent des Geschäftsführenden Direktors an der Deutschen Oper Berlin hatte Lutz fünf Jahre lang Zeit, die heiß umkämpfte Hauptstadtszene zu sichten, viel Austausch im internationalen Bereich erfuhr er als Teilnehmer der zweimal jährlich tagenden Opernkonferenz. Fast jedesmal stellte er fest: "Man wird viel kreativer, wenn die Konkurrenz stark ist. An den meisten Häusern wird aber gar nicht weit genug in die Zukunft gedacht."

Noch bevor Markus Lutz in seiner Dissertation die unterschiedlichen Gruppen der Wiederbesucher heraus- gestellt hat, musste er den sogenannten Generationeneffekt konstatieren: "Das ist in der Tat neu, dass es keine künst- lerischen Berührungspunkte mehr gibt und viele Jugendliche überhaupt nicht mehr mit Oper und Theater sozialisiert worden sind." Ergo: "Das Ansprechverhalten der Häuser muss sich ändern, um spontaner auf die Bedürfnisse der Besucher eingehen zu können. Das bedeutet nicht, dass sich je- des Musiktheater dem Publikum anpassen muss, aber für viele Menschen muss die eigene Lebenswelt darin wiederzufinden sein." In diesem Zusammenhang weist Lutz darauf hin, dass die kulturelle Bindung in sehr frühen Jahren einsetzt und entweder durch die Familie oder die Schule angeregt wird. Beziehungsweise angeregt werden sollte. Wo aber das Elternhaus nicht kulturaffin ist und an Schulen musischer Unterricht am ehesten wegfällt, haben es Theater besonders schwer, junge Menschen anzusprechen.

Anstrengungen sind aber ebenso erforderlich bei jenen, die bereits die Schwelle zum Theater überwunden und möglicherweise Feuer gefangen haben. Diese Publikumsschichten, so Lutz, setzen sich sehr heterogen zusammen. Er unterscheidet vier Gruppen: Traditionelle (vor allem Abonnenten mit gewissen Gewohnheiten), Service-Orientierte (die Wert auf unkomplizierten Kartenkauf legen), Sozial-Interagierende (überwiegend junge und kommunikative Leute) sowie Leidenschaftliche, die ohnehin für die Gattung Oper brennen (inzwischen die kleinste Gruppe). Die künstlerische Qualität der Besetzung ist bei allen vier Gruppen ein wichtiger Faktor, wobei überraschend aufgefallen ist, dass Inszenierungsqualitäten eher keinen Grund für oder gegen einen Wiederbesuch darstellen.

Auf diese Zielgruppen könnten die Veranstalter nun mit entsprechenden "Klebstoffen" zugehen, um sie möglichst dauerhaft zu binden. Wobei oft nicht nur eine Sparte gefragt ist, sondern der eher spontane Wechsel zwischen den Genres. Es ist ein Novum, dass so dezidiert die Besucherbindung untersucht worden ist, denn andere Studien widmen sich zumeist den Wegen, neue Besucherschichten zu gewinnen. Gerade angesichts der vielfältigen Freizeitangebote ist jedem Theater ein von Markus Lutz' Publikation abzuleiten- des Besucherbindungsprogramm anzuraten.

Markus Lutz: Besucherbindung im Opernbetrieb. Theoretische Grundlagen, empirische Untersuchungen und praktische Implikationen. Springer VS, 2013. ISBN 978-3-658-02111-5

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.08.2014

Michael Ernst

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