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Dresdner HfBK-Studentin als Sherlock Holmes

Dresdner HfBK-Studentin als Sherlock Holmes

Vorab nur eins: Die Arbeit, die hier en détail vorgestellt wird, ist von all den ausgestellten Diplomarbeiten vielleicht nicht die beste, die wichtigste, die poppigste.

Bestimmt aber ist sie die geheimnisvollste: Die "Erika" von Antje Liemann. Sie spielt geradezu mustergültig mit der Imagination. Allein dafür gebührt ihr für ihre Arbeit besondere Aufmerksamkeit.

Man kann es förmlich hören, das Quietschen der Autoreifen, das Knallen der Kofferraumklappe, das Aufheulen des Motors. Man steht in diesem dunklen Raum und sieht erstmal nur ein riesengroßes Foto, dieses Auto, diese Mercedes S-Klasse W126. Sofort entstehen die Bilder im Kopf. Sie sind alle mit diesem Auto gefahren: Franz Beckenbauer, Alain Delon, Bundespräsident Walter Scheel und die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Mit solch einem Mercedes ist auch eine Wella-Erbin gefahren, behauptet die Künstlerin Antje Liemann: "Alles fing mit diesem Auto in Lausanne an, gleich bei meinem Atelier. Es steht dort seit 15 Jahren verlassen. Das war die Initiative. Ich wollte herausfinden, was ist da passiert, was steckt da für eine Geschichte dahinter?"

Die Geschichte, die Antje Liemann für ihre Diplomarbeit gefunden hat, klingt geheimnisvoll und spannend. Sie befragte Nachbarn, was es mit dem grauen Mercedes auf sich habe. Diese erzählten von einer großen Liebe zwischen einem Erik und einer Erika. Sie erzählten auch, dass diese Erika in den Armen ihres Liebhabers gestorben sei und deshalb als Erinnerungsstück noch weiterhin dort stehen würde. Die gebürtige Cottbusserin studiert an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Eigentlich malt sie ihre Bilder auf die Leinwand, jetzt aber stellt sie in der großen Diplomausstellung nur Spuren aus - die Spuren ihrer Suche nach dieser seltsamen Erika.

Zu sehen ist auch ein großer Stein, eingefasst in eine Bodenvitrine. Bei ihren Recherchen im Internet stellte die Kunststudentin fest, dass die geheimnisvolle Wella-Erbin Besitzerin einer weltweit berühmten Mineraliensammlung gewesen sei und diese nach Freiberg gegeben habe. "Diese Sammlung terra mineralia hat mich schon immer fasziniert, diese Steine sind so schön, so unglaublich schön", sagt die junge Frau: "Sie erzählen auch etwas über diese Erika, deshalb zeige ich den Stein."

Was zeigt Antje Liemann (Jahrgang 1974) noch im Oktogon? Sie stellt polizeidienstliche Ermittlungen aus. Der Kofferraum des Autos liegt via Video auf dem Boden, gefüllt aber ist es mit ganz realen Dingen: mit einem alten Seil, einer Warnweste, einem Wella-Schild. Jedes einzelne Teil aber ist mit weißen Schildern markiert. Die zukünftige Meisterschülerin von Eberhard Bosslet erkundigte sich vorab, wie Kriminalkommissare recherchieren, und ging dann genauso vor, berichtet sie: "Ich habe die Markierungen der Polizei bewusst benutzt, um ein starkes Bild zu erzeugen, um meine Arbeitsweise zu dokumentieren, um zu zeigen, dass ich auf Spurensuche bin."

Die Diplomarbeit "Erika" baut tatsächlich eine spannungsgeladene Atmosphäre auf. Der Betrachter wird sofort Teil dieser imaginären Geschichte, will er wissen, was es mit dieser Liebesgeschichte, mit dieser Millionenerbin auf sich hat. Eine Geschichte, die nur auf Zeugenbefragung und Internetrecherche beruht. Was das vor allem das Internet über Menschen preisgibt, was es über sie verrät, all das interessierte die Diplomandin. "Das ist ja jetzt ganz aktuell und brisant, dass man Daten über Menschen sammelt und große Datenbanken über sie anlegt. Ich habe deshalb auch meine Spuren offen gelegt." Mit dem GPS-Tracker hat Antje Liemann ihre Wege aufgezeigt, machte so deutlich, wann sie so wo war. "Meine geheimnisvolle Schweizerin ist ja hier in Sachsen aufgewachsen", erzählt sie und auch, dass sie eine riesige Datenbank angelegt habe, wo alle fünf Sekunden ihre Wege in Sachen Erika aufgezeichnet wurden.

Auch wenn das die Diplomarbeit von Antje Liemann nicht verrät: Die Schweizerin ist inzwischen 95 Jahre alt und sehr medienscheu. Die Rede ist von Erika Pohl-Ströher. Ob diese Grand Dame aber wirklich dieses einstige Statussymbol der Industriekapitäne und Leinwandgrößen gefahren ist, wer weiß. Die junge Künstlerin jedenfalls möchte sie sehr gern kennenlernen. Sie hat noch so viele Fragen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.08.2014

Adina Rieckmann

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