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Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium ist auf dem Weg in städtische Trägerschaft

Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium ist auf dem Weg in städtische Trägerschaft

Nachdem Ende 1994 die sächsische Staatsregierung trotz heftiger Proteste die drei Landesmusikschulen in Dresden, Leipzig und Zwickau aus der Landesträgerschaft entlassen hatte, wählte Dresden einen Sonderweg.

Die Landesmusikschule und die städtische Musikschule fusionierten zum Heinrich-Schütz-Konservatorium. Als Rechtsform wurde nicht ein kommunaler Eigenbetrieb gewählt, sondern die eines eingetragenen Vereins. Fast 20 Jahre später will nun die neue 37-er-Stadtratsmehrheit von Linken, SPD, Bündnisgrünen und Piraten diese private Rechtsform ändern. "Das Heinrich-Schütz-Konservatorium werden wir in städtische Trägerschaft überführen", heißt es in der Mitte August abgeschlossenen Kooperationsvereinbarung. Während diese politische Absicht inzwischen konkretere Formen annimmt, erscheint bei Beschäftigten und Eltern am Konservatorium eine stabilere Finanzierung wichtiger als die Rechtsformdiskussion.

Denn in der Vergangenheit stand das Schütz-Konservatorium wiederholt am Rande der Insolvenz. Die Unterrichtsentgelte gehören neben München und Stuttgart bereits zu den höchsten in Deutschland und sind mit Schuljahresbeginn erneut erhöht worden. Bei Kindern im Durchschnitt um fünf, bei Erwachsenen um zehn Prozent. Die teuerste Rubrik, eine Dreiviertelstunde Einzelunterricht am Klavier, kostet für Erwachsene jetzt 35,20 Euro. Mit den Entgelten deckt das Konservatorium die Hälfte seines Etats von rund fünfeinhalb Millionen. Dennoch bleibt die größte Musikschule Sachsens auf Zuschüsse des Freistaates und insbesondere der Stadt angewiesen. Durch eine neue Förderrichtlinie ist die Sonderförderung des Landes beispielsweise für Fachberatung oder für Spezialinstrumente stark eingeschränkt worden. Aber auch die städtischen Mittel sind wenig verlässlich. So ist der einmalige Zuschuss von 380 000 Euro im Doppelhaushalt 2013/14, mit dem vor zwei Jahren das Ärgste abgewendet werden konnte, im neuen Haushaltentwurf der Oberbürgermeisterin nicht mehr eingestellt worden.

HSKD in Konkurrenz zur freien Szene um denselben Haushalttopf

"Solche Unsicherheiten gibt es nur bei einem freien Träger", sagt Peter Lames, Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion. "Finanzierung und Verantwortung fallen auseinander", fügt der eifrige Fürsprecher einer städtischen Trägerschaft hinzu. Auch seine Kollegin Annekatrin Klepsch aus der Linken-Stadtratsfraktion weist darauf hin, dass die Vereinsstruktur nur in die Fördersystematik freier Träger passt. Mithin steht das HSKD in Konkurrenz zur gesamten freien Szene in Dresden um denselben Haushalttopf. Eine Erscheinung, die überall in der Kulturpolitik als "Kulturkannibalismus" bekannt ist. Deshalb plädiert Peter Lames für die "Einheit von sachlicher Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeit" bei einer städtischen Trägerschaft. Dafür hatte sich auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Trägervereins Kim Ry Andersen in einem Interview des Online-Portals "Musik in Dresden" ausgesprochen. Wegen einiger Interviewäußerungen wurde der frühere Verwaltungsdirektor der Dresdner Musikfestspiele aber im Sommer von diesem Posten abgelöst.

Ebenfalls im Vorstand sitzt Kulturbürgermeister Ralf Lunau. Wie Andersen und Lames räumt auch er ein, dass beide Trägerformen Vor- und Nachteile hätten. Andersen beklagt zum Beispiel die komplizierten Entscheidungswege bei der Vereinsstruktur. Im Gegenzug gibt Lunau zu bedenken, dass in einem städtischen Eigenbetrieb der Kulturbürgermeister einen deutlich größeren Einfluss hätte als derzeit, was auch nicht allen genehm wäre. Vor allem aber warnt Lunau vor überzogenen Erwartungen an eine Kommunalisierung. Zum Beispiel die der freien Honorarkräfte, die die Hälfte des Unterrichts am HSKD abdecken, nunmehr in feste Arbeitsverhältnisse überführt zu werden. Das sei in keinem Fall zu leisten.

Gewiss bliebe einem Eigenbetrieb die Tarifdiskussion erspart, weil eine Steigerung synchron mit dem Öffentlichen Dienst erfolgte. Aber das Konservatorium hat auch jetzt den Haustarif auf 97 Prozent angehoben, für die festen Lehrkräfte wohlgemerkt, die Freien profitieren nur marginal.

Lunau hält es für eine Illusion, das Schütz-Konservatorium von der Gesamtentwicklung des Stadthaushaltes abzukoppeln oder es gegenüber anderen abhängigen Einrichtungen wie der Operette oder dem Theater Junge Generation privilegieren zu wollen. "Die Kommunalisierung wird dem Konservatorium regelmäßige Haushaltdebatten nicht ersparen", ist der Kulturbürgermeister überzeugt. Für Strukturdiskussionen zeigt er sich aber offen. Geschäftsführerin Kati Kasper kann in einem Trägerschaftswechsel zwar keine strukturellen Vorteile erkennen, würdigt aber das Ansinnen der neuen Stadtratsmehrheit als Bekenntnis zum Konservatorium und als "positives Signal". In jedem Fall wünscht sie sich eine "breite Mehrheit" im Stadtrat. Die solle es auch für eine solide Finanzierung geben, die unabhängig von der Trägerschaftsfrage entscheidend sei.

Sorgen bereiten der Geschäftsführerin neben den stetig steigenden Entgelten auch die Honorare für die freien Lehrkräfte. Die liegen mit etwa 18 Euro pro Stunde inzwischen um mindestens drei Euro unter dem bei privaten Musikschulen üblichen Satz. Die Politiker im Stadtrat sollten sich auch klar positionieren, ob sie angesichts der Wartelisten und der steigenden Kinderzahl in Dresden ein weiteres Wachstum des Konservatoriums befürworten. Dafür müssten dann auch entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden. Dass ein quantitativer Aufwuchs über die derzeit reichlich 6000 Schüler hinaus auch qualitative Probleme mit sich bringt, ist Kati Kasper bewusst.

Wahl zwischen Eigenbetrieb und GmbH

Elternsprecherin Ilona Stoye betrachtet die Trägerschaftsfrage ebenfalls als zweitrangig, wenn nur Angebot und Niveau am HSKD gehalten werden können. Auf dem Weg zu diesem Ziel sollten Experten die geeignetere Variante abwägen. Mit einer Kommunalisierung sollte auf jeden Fall eine mittelfristige Planung verbunden sein, wünschen sich die Eltern. Wie die Leitung des Hauses auch hoffen sie schließlich auf eine breite Unterstützung im Stadtrat.

Mit der Überführung in städtische Trägerschaft gäbe es immer noch die Wahl zwischen einem Eigenbetrieb und einer GmbH. Diese Frage sehen wiederum die treibenden Kräfte des Linksbündnisses im Stadtrat als zweitrangig an. Entscheidend sei die Frage größerer finanzieller Sicherheit, meint für die Bündnisgrünen Kulturpolitikerin Christiane Filius-Jehne. Im Gegensatz zu Kulturbürgermeister Lunau verspricht sie sich diese schon von einem eigenen Haushalttitel, wenn das HSKD nicht unmittelbar mit anderen freien Trägern konkurrieren muss.

All diesen berechtigten Wünschen kommt nach Überzeugung von SPD-Fraktionschef Lames ein Wechsel in die kommunale Trägerschaft entgegen. Am 18. September hat er auf einer Personalversammlung den beabsichtigten Weg vorgestellt. Derzeit beraten die drei Fraktionen, wie sie einen entsprechenden Auftrag an die Oberbürgermeisterin formulieren. Diesen Auftrag werde der Stadtrat voraussichtlich im ersten Quartal 2015 beschließen können. Eine endgültige Entscheidung erwartet Lames erst ein Jahr später. Dabei spielt auch eine Rolle, dass im kommenden Jahr Oberbürgermeisterwahlen stattfinden und in der Folge auch eine neue Dezernentenrunde bestimmt wird. Mit der Kommunalisierung soll eine relative Sicherheit für das Konservatorium erreicht werden, die nicht nur nach Auffassung von Lames "in der Kunststadt Dresden eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.10.2014

Michael Bartsch

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