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Dresdner Heft widmet sich Facetten der frei- wie unfreiwilligen Zuwanderung in Sachsen

Fremde in der Stadt Dresdner Heft widmet sich Facetten der frei- wie unfreiwilligen Zuwanderung in Sachsen

Im jüngsten Dresdner Heft, das an Flüchtlinge in der Vergangenheit und den Umgang der Bevölkerung mit Menschen in Not erinnert, wird gern verglichen. Es geht um "Fremde in der Stadt", um Aspekte einer bislang (weitgehend) ungeschriebenen Dresdner Migrationsgeschichte.

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Umsiedler auf dem Bahnhof Dresden-Neustadt, 1945.

Quelle: Höhne/ Pohl

Drseden. Kann man Äpfel mit Birnen vergleichen? Sagen wir es mal so: Beide gehören zu den Kernobstgewächsen, haben also Gemeinsamkeiten, denen man sich erst dann bewusst wird, wenn man sie miteinander vergleicht. Der Papst und der Dalai Lama gehören zur Gattung der Religionsführer, doch darüber hinaus sind sie völlig verschieden.

Auch im jüngsten Dresdner Heft, das an Flüchtlinge in der Vergangenheit und den Umgang der Bevölkerung mit Menschen in Not erinnert, wird gern verglichen. Es geht um "Fremde in der Stadt", um Aspekte einer bislang (weitgehend) ungeschriebenen Dresdner Migrationsgeschichte. So wird an protestantische Glaubensflüchtlinge (vorwiegend aus Böhmen) erinnert, die in Dresden, vor allem aber auch in Pirna, im 17. und 18. Jahrhundert Unterschlupf fanden, wobei es einerseits konfessionelle Solidarität, andererseits Angst vor Überfremdung zu konstatieren gilt. Das Heft zerfällt regelrecht in zwei Teile. Der erste Teil der Aufsätze ist interessant, im zweiten Teil kommen viele Beiträge über Phrasen und Plattitüden nicht hinaus. Auf die internationale Ausrichtung der TU Dresden und die nach 1990 entstandene "Forschungscommunity" wird ebenso ein Blick geworfen wie auf Funktion, Wirkung und Wahrnehmung der sowjetischen Garnison, die von 1945 bis 1992 lange die politischen Strukturen in Dresden sicherte und mit der von der lokalen Bevölkerung eine "erfundene Freundschaft" gepflegt wurde bzw. werden musste. Dresden war, wie zu Recht festgehalten wird, eher Kommando- und Logistikzentrale denn Standort für Kampftruppen. Reflektiert wird nicht zuletzt - von Justus H. Ulbricht - der Begriff "Heimat", der als eine Art "Blackbox" erscheint, in die man heterogene Gefühle und Ideen projizieren kann.

"Heimat", das ist in einer globalisierten Welt einerseits ein ideologisch aufgeladener Begriff, andererseits einer, der Sehnsucht verheißt. Ulbrichts (für manche wohl weltfremd-utopisch klingende) Forderung: Moderne Heimatpflege habe sich "an einem inter- oder transkulturellen Dialog zu beteiligen, der das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Menschen, differenter Ethnien und auf den ersten Blick fremder Kulturen in unserem Land garantieren könnte".

Erfreulich differenziert fällt der bemerkenswerte Beitrag von Frank Richter von der Landeszentrale für politische Bildung aus, der sich mit dem "Pegida-Komplex und der politischen Kultur des Landes" vergleichsweise scheuklappenfrei auseinander setzt, der unter anderem in einer seiner fünf Thesen nüchtern konstatiert: "Muslime, die nach Sachsen kommen, treffen auf eine zu etwa 80 Prozent areligiöse Bevölkerung. Viele Menschen im Osten haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Die Wiederkehr des Religiösen, das sie für überwunden glaubten, verunsichert." Die Religion war lange die entscheidende Komponente (und ist es außerhalb Europas weitgehend noch). Die Dresdner Bevölkerung lehnte die katholische Zuwanderung ebenso ab wie den Zuzug reformierter Hugenotten aus Frankreich - und lag damit konträr zum Willen des Hofes, der zum Wohl des Staates benötigte Neubürger eher nach ihrer Façon selig werden ließ.

Die hehre Absicht manchen Beitrags in aufgeheizten "Wir schaffen das"-Zeiten schimmert überdeutlich durch. Die Bereitschaft, Menschen in Not aufzunehmen, wird derzeit überhaupt gern mit der für die lautere Absicht instrumentalisierten Vergangenheit begründet, letztlich - den Vorwurf muss man machen, auch wenn die Gefahr droht, Beifall von der falschen (rechten) Seite zu bekommen - nicht der Flüchtlinge wegen, sondern um eine offene Debatte zu verhindern. Mehr als nur ein bisschen "Gschmäckle" hat es schon, wenn, unterschwellig auch in diesem Dresdner Heft, die vor dem NS-Regime fliehenden Exilanten der 30er- sowie die Flüchtlinge und Vertriebenen der 40er- und frühen 50er-Jahre mit den heutigen Migranten verglichen werden.

Der Vergleich zwischen Flüchtlingen einst und jetzt mag die eine oder andere Gemeinsamkeit zutage fördern, mehr aber wird er den Blick die Unterschiede schärfen. Immerhin: Schaden kann es nicht, sich zu vergegenwärtigen, dass im Mai 1948 ein Viertel der Einwohner der SBZ Flüchtlinge und Vertriebene waren, wobei Sachsen wegen eines verhängten Aufnahmestopps mit 17 Prozent noch am wenigsten "Umsiedler" hatte. Im schwer zerstörten Dresden lag der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung Ende 1947 sogar nur bei 3,6 Prozent. Ja, es gelang, die vor der Gegenreformation geflohenen böhmischen Exilanten zu integrieren, oder auch all die anderen Einwanderer, die auf Suche nach Arbeit im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung nach Sachsen kamen, wiederum vorzugsweise Böhmen, wobei die grenznahen Gebiete Böhmens bis 1945 bekanntlich von Deutschen besiedelt waren. Aber was einst geklappt hat, die Integration selbst mittelloser städtischer und ländlicher Unterschichten, muss nicht automatisch per se gelingen. Exilanten aus Böhmen mögen im Erzgebirge den Musikinstrumentenbau begründet haben, das heißt aber noch nicht, dass einer, der in Syrien Metallarbeiter war, (auf Anhieb) mit einer CNC-Fräse umgehen kann. Aber gut: Integration ist ein Prozess. War es immer.

Swen Steinberg, der sich Aspekten einer ungeschriebenen Dresdner Migrationgeschichte widmet, lässt jedenfalls wissen: "Dresden ist nicht immer schon international und weltoffen gewesen, genauso wenig aber stets abgeschottet und verschlafen." Wie ebenfalls vermittelt wird, war es nicht zuletzt dem Status als Residenzstadt zu verdanken, dass immer wieder Künstler und Architekten aus anderen Ländern (das waren bis zur Reichsgründung 1871 auch Bayern, Preußen und Duodezfürstentümer wie Schaumburg-Lippe und Sachsen-Coburg-Gotha) in die Stadt kamen und ihre Spuren hinterließen. Steinberg beteuert: "Dresden war zunehmend auf den Zuzug angewiesen, um seine Wirtschaftskraft zu halten oder zu steigern."

Dresdner Heft 123 "Fremde in der Stadt", 5 Euro, im Buch- und Zeitungshandel

Christian Ruf

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