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Dresdner Fotograf Günter Starke im Kraftwerk Mitte

Ausstellung Dresdner Fotograf Günter Starke im Kraftwerk Mitte

Es ist sozusagen der Auftakt für die kulturelle Bespielung des Kraftwerks Mitte. Am Donnerstag beginnt die Ausstellung „Silber“, eine Retrospektive des Dresdner Fotografen Günter Starke, in der Maschinenhalle 11. Starke ist vor allem durch seine Aufnahmen und Porträts der Dresdner Neustadt aus DDR-Tagen bekannt geworden.

Günter Starke vor seinen Neustadt-Fotos in der Maschinenhalle des Kraftwerks Mitte.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Die Sonne steht hoch und heiß auf der Glasfront. In ihrem Licht tanzt der aufgewirbelte Staub. Ein Mann kehrt gerade reichlich Dreck zusammen, aus dem kleinste Partikel wie Nebel nach oben schweben. Ein Fegefeuer für Allergiker.

„Alles hat sich etwas verzögert.“ Günter Starke sagt es fast entschuldigend. Die Säuberung der Räumlichkeiten, der Stromanschluss... Nicht ganz ungewöhnlich beim Aufbau einer Ausstellung. Noch dazu, wenn sie quasi auf einer Baustelle ihre Heimstatt findet. Ort ist die Maschinenhalle 11 des neuen Kraftwerks Mitte. Starkes Fotoausstellung „Silber“ (Vernissage ist heute um 19 Uhr) bildet genau genommen den Auftakt für die kulturelle Bespielung des Areals, das dann im Dezember nach dem Umzug von Theater Junge Generation und Staatsoperette zum neuen Nukleus im Dresdner Kulturkosmos werden soll.

Starkes kleine Brummigkeit ist aber im Handumdrehen wieder verschwunden. Zwei Bauarbeitern, die ein paar erste Blicke auf die Fotos aus DDR-Tagen werfen, erzählt er freimütig die Geschichten hinter seinen Bildern. Über Herrn Barth und seinen Tabakladen zum Beispiel. Dessen Registrierkasse zeigte noch RM an, also Reichsmark. Das wurde von der Obrigkeit moniert. „Barth sagte: Wenn ihr mir eine andere Kasse gebt, stelle ich sie hin.“ Es fand sich aber keine, das Relikt überdauerte den Sozialismus. Oder der kleine Laden auf der Louisenstraße 6, der zwar „Müller Torgau“ (!) im Angebot hatte, aber kein Sauerkraut, wie ein Schild an der Ladentür verkündete. „Der Inhaber hat wegen des Schildes auch Ärger bekommen“, erinnert sich Starke. Es sei ihm nämlich nicht erlaubt gewesen aufzuschreiben, was er nicht hatte... Der Junge, der auf dem Foto geradeaus in die Kamera blickt, sei ihm später ganz überraschend wiederbegegnet, als er nach der Wende für Fotoaufträge in Bayern unterwegs war. In einem offenen Wagen habe er bei München im Stau gestanden, als sich ein LKW-Fahrer aus dem Fenster zu ihm hinunter beugte und fragte: „Kein Sauerkraut? Erinnerste Dich?“

Starke bekommt mit der Ausstellung auch eine Würdigung nachgereicht. Im Herbst 2014 sollte zu seinem 70. Geburtstag schon eine große Schau stattfinden, damals ebenfalls im Kraftwerk. Nun klappt es also. „Für die Ausstellung habe ich selbst ein kleines Erbe verfrühstückt“, sagt Starke. Eine Förderung der Stadt habe er nicht bekommen. Dafür sei die Helferliste, die er gerade erstelle, „sehr lang“.

Der Fotograf, der in Dresden unter anderem mit seiner Neustadt-Publikation „Starkes Viertel“ mehr als nur bekannt wurde, zeigt dabei eine Auswahl seiner wichtigsten Arbeiten. Dazu zählen besagte Neustadt-Bilder, aber auch Porträts von Menschen, die für ihn von Bedeutung waren. So gibt es ein Wiedersehen mit A.R. Penck und auch das Kiez-Original Kurt Standke, den alle nur Kurt nannten und der im Januar 1997 starb, lächelt verschmitzt den Betrachter an.

Bei Starkes Straßenszenen tauchen sofort Assoziationen zu Harald Hauswal oder Manfred Paul auf, deren Tummelplatz freilich vor allem die verfallenden Quartiere Ost-Berlins waren. Doch Starke porträtiert auch Familien in ihren Wohnungen – wodurch sich wiederum Parallelen zu Christian Borchert auftun. Starke selbst, der Mann mit der ruhigen Umtriebigkeit, ist ebenso einer des Understatements. So findet sich der Hinweis, dass Evelyn Richter ihm Mentorin war bei seiner Bewerbung um eine Mitgliedschaft im DDR-Künstlerbund, lediglich eher versteckt im Katalog.

Die Ausstellung, eine Retrospektive von gut dreieinhalb Jahrzehnten Arbeit, wird aber auch an Aktionen Starkes erinnern. So fotografierte er 1989 für die 12. Bezirkskunstausstellung des Bezirkes Dresden heruntergekommene Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt. Die entstandenen Bilder (Starke: „Ich wollte den Verfall am Beispiel von etwas zeigen, das alle nutzten.“) sollten aber nicht einfach nur ausgestellt werden. Starke brachte in der Nacht vom 5. zum 6. Oktober mit Hilfe von Freunden rund 160 Fotos auf dem Boden der Haltestelle Dr-Külz-Ring auf. Die Leute betraten und bestaunten den Fototeppich. Aus den Tage später geborgenen Überbleibseln schuf Starke dann wiederum eine Installation, die auch zu sehen sein wird.

Starke kann sich in der Halle auf gut 1000 Quadratmetern Fläche ausbreiten. Doch nur der schmale Eingangsteil wird dauerhaft als Ausstellungsort zur Verfügung stehen. Dort hat der Fotograf kleine Detailbilder aus dem Heizkraftwerk Dresden-Mitte versammelt, jeweils in kleine Rahmen gepackt. Eine Reminiszenz an den Ort.

Der hat wiederum auch seinen Reiz als Arbeitsort für Starke. Auf eine entsprechende Frage räumt er aber ein: „Ich würde schon gern ins neue Kraftwerk-Domizil ziehen, das ist aber zu teuer.“ In der Neustadt hat er seine Wohnung gegen eine kleinere getauscht, damit fehlt ihm ein Laborraum. Alte Unwägbarkeiten sind somit neuen gewichen. Die „Silber“-Ausstellung aber, die schon in ihrem Titel zahlreiche Bedeutungsebenen umschließt, wird solche Sorgen erst einmal beiseite wischen. Und ganz sicher hat sich auch der Staub gelegt.

bis 30.7. im neuen Kraftwerk Mitte, Halle 11 am Wettiner Platz, Vernissage heute ab 19 Uhr

Von Torsten Klaus

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