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Dresdner Bürgerbühne überträgt „Romeo und Julia“ auf heutige Flüchtlingskonflikte

Interkulturelle Liebe Dresdner Bürgerbühne überträgt „Romeo und Julia“ auf heutige Flüchtlingskonflikte

Es könnte noch viel versöhnlicher als bei Shakespeare ausgehen. Nicht zwangsläufig müssen Romeo und Julia als schöne Leichen enden, als tragische Opfer verfeindeter Gruppen. In der Dresdner Bürgerbühnenfassung von Martin Heckmanns lässt man zunächst das Publikum in die Betroffenheitsfalle tappen.

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Tabea Günther als Julia, Rouni Mustafa als Romeo.

Quelle: Krafft Angerer

Dresden. Es könnte noch viel versöhnlicher als bei Shakespeare ausgehen. Nicht zwangsläufig müssen Romeo und Julia als schöne Leichen enden, als tragische Opfer verfeindeter Gruppen. In der Dresdner Bürgerbühnenfassung von Martin Heckmanns lässt man zunächst das Publikum in die Betroffenheitsfalle tappen, erster Applaus regt sich ergriffen beim Black, bevor das Paar munter vom Sterbebett springt und mit allen Akteuren eine ausgelassene Multi-Kulti-Freiheitsparty feiert. Auch Jungs knutschen miteinander, Plakate „Ihr beide schafft das“ und „Ich liebe, wen ich will“ werden auf deutsch und arabisch dem nun umso heftiger applaudierenden Publikum gezeigt. Vom Text des Schlussrocks versteht man leider kaum etwas, aber jeder weiß, wie dieses Happy End gemeint ist.

Begonnen haben die knapp eineinhalb Stunden dieser ersten Bürgerbühnenpremiere der Spielzeit ganz anders. Ungefähr so könnte sich die Schlägerei am Bautzener Kornmarkt entwickelt haben, assoziiert man unwillkürlich. Die Montagues sind die Araber, die „Dunklen, die es ewig bleiben werden“ und die den Deutschen angeblich alles wegnehmen, sogar „die Frauen, die wir selbst nicht mögen“. Die Capulets stellen die deutschen Platzhirsche und verfahren nach dem Motto „Kommt ein Dunkler, kriegt er was aufs Maul“. Man provoziert einander, die „Dunklen“ mit einem schwarz-rot-goldenen Spaßhut, die Deutschen erst mit Stinkefingern, dann mit Eisenstangen. Es bleibt nicht bei verbalen Attacken. Wäre dies nicht eine üble fremdenfeindliche Schlägerei, man könnte seine Lust an perfekt einstudierter artistischer Aktion haben.

Mit dieser einfachen Analogie zwischen den verfeindeten Veroneser Familien und verfeindeten Gruppen heute bei uns gewinnt die wahrscheinlich auch historisch verbürgte Liebesgeschichte aktuelle Plausibilität. Texter Heckmanns und die Regie führende Leiterin der Bürgerbühne Miriam Tscholl reduzieren die Erzählung auf den unverzichtbaren Kern. Sie nutzen die Konstellation vielmehr, um den Clash of Cultures zu illustrieren, der mit einer Liebe über Grenzen hinweg verbunden sein kann. Videos erfüllen in dieser Inszenierung nicht nur eine wichtige, sondern auch sinnvolle Aufgabe. Sie liefern den teils informativen, teils amüsanten Kontext zur Handlung. Ein hinreißendes Paar, das zum Vorhang dann auch live erscheint, berichtet über die Anpassungs- und Gewöhnungsprozesse zwischen einer Deutschen und einem jungen Syrer. Ein Islamwissenschaftler, ein Imam, ein Pfarrer, ein Rechtsanwalt und andere erläutern die sich auch im Islam wandelnden Vorstellungen über Liebe und Sex oder die strafrechtlichen Aspekte von Gewalttaten durch Ausländer. Dabei fallen so treffliche Sätze wie „Die muslimische Ehe ist irgendwie katholisch“.

Noch aufschlussreicher sind Umfrageergebnisse unter den Spielern selbst. Sie zeigen, dass der neue europäische Konservatismus im Grunde zu einer Annäherung der beiden Kulturkreise bei Fragen nach Sex vor der Ehe, bedingungsloser Treue oder nach dem Rollenverständnis führt. Man läse diese Aussagen auch gern im Programmheft. Mitlesen kann man immer die auf Deutsch und Arabisch eingeblendeten Texte, denn bis auf einige Ausflüge ins erlernte Deutsch sprechen die Araber meist ihre Muttersprache.

Manches an dieser Fassung ist inspiriert vom wöchentlichen Montagscafé eine Etage höher im Kleinen Haus und von der „Morgenland“-Inszenierung, dem Grundkurs Arabistik für jedermann. Rouni Mustafa hat dort schon mitgespielt und tritt nun als ein ebenso kraftvoller wie sensibler Romeo auf, der die Schwärmerei Julias sehr nachvollziehbar erscheinen lässt. Fürchterlich rasen kann er auch, wenn er Mercutios Ermordung an Tybalt rächt, und entsetzlich leiden angesichts der toten Julia. Auch Tabea Günther ist von natürlicher Anmut, das berühmteste Liebespaar der Literatur lässt in seiner Unaffektiertheit die grandios aufkeimende Liebe wie selbstverständlich erscheinen.

Einige Schlüsselszenen sind ihnen geblieben, so der durch einen Blumenkasten symbolisierte Balkon und selbstverständlich die Nachtigall beim, die nicht die Lerche war, zur ersten und einzigen Liebesnacht. Die schauspielerische Leistung dieser größtenteils noch unter zwanzigjährigen Spielertruppe kann man gar nicht genug würdigen, ein hoher Standard, an den man sich bei der Bürgerbühne des Staatsschauspiels schon beinahe gewöhnt hat. Eine äußerst selbstbewusste Partie spielte beispielsweise Baian Aljeratly als Prinz, als Vertreterin der Ordnungsmacht in einer Art Reiterkostüm. Fragen darf man, warum bei solchen auch sprachlichen Fähigkeiten nicht auf Mikrofone verzichtet werden kann, zumal im Kleinen Haus.

Nicht weniger Respekt verdienen die sechs seitlich postierten Musiker. Auch hier mischte sich die interkulturelle Zusammensetzung vom Cello bis zum Ud, wobei die jazzigen Fähigkeiten der Pianistin Yein Song besonders auffielen. Markus Pötter hat eine Art versetzten Brückenbogen auf die Bühne gebaut, der vom tiefsten Punkt in der Mitte nach rechts und links ansteigt. Italienisch geschwungen bietet er Möglichkeiten für Auftritte aller Art, insbesondere für die Kampfszenen auf schräger Ebene.

Die Inszenierung ist deshalb so glaubwürdig, weil sie nicht in Willkommensduselei für Fremde verfällt, sondern die Probleme offen benennt. Werden sie nicht in Respekt gelöst, muss der Hass wie beim Original Shakespeares eskalieren. Schwarze Gestalten zelebrieren zum tragischen Finale einen Totentanz, ehe das Finale nach dem Finale einen Ausweg zeigt. Und der könnte schlichtweg „Omnia vincit amor“ lauten – stärker als alle Ressentiments bleibt die Liebe.

nächste Aufführungen: 6. und 31. Oktober

Von Michael Bartsch

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