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Dresdner Autorin schreibt über Rungholt Legende

Dresdner Autorin schreibt über Rungholt Legende

"Rungholt ist reich und wird immer reicher, / kein Korn mehr fasst selbst der größte Speicher. / Wie zur Blütezeit im alten Rom / staut hier täglich der Menschenstrom", heißt es in Detlev von Liliencrons einst sehr berühmter und zumindest in Norddeutschland heute noch populärer Ballade "Trutz, Blanke Hans" aus dem Jahr 1883. Liliencron schildert die Einwohner von Rungholt als "lärmende Leute, betrunkene Massen", die ihren Reichtum unmäßig zur Schau stellen und gar den "Blanken Hans", die Nordsee, verhöhnen.

Der Blanke Hans aber belächelt "den protzigen Rungholter Wahn", dann kommen "rauschende, schwarze, langmähnige Wogen" wie rasende Rosse geflogen", und wo eben "noch Lärm und lustiger Tisch", schwimmt nun der "stumme Fisch".

Rungholt, das ist wie Vineta ein Mythos. Viele Legenden ranken sich um das "Atlantis des Nordens" und seinen Untergang 1362 bei der ersten "grote man dränke" (es gab noch eine zweite 1634), die Kombination aus Reichtum, Sünde, göttlichem Zorn und Naturgewalt in der Rungholt-Legende beflügelte die künstlerische Phantasie enorm. Erst 1938 kam die Geschichtswissenschaft nicht mehr umhin, die einst reale Existenz Rungholts anzuerkennen. Demnach war Rungholt eines von sieben Kirchspielen der ehemaligen Insel Strand und bedeutender Handelsort der Edomsharde. Der Name "Rungholt" bedeutet so viel wie "Niederholz". Bedeutsam ist vor allen Dingen eine Karte des Zeichners Johannes Mejer aus dem Jahr 1636, die wiederum auf einer Karte von 1240 basieren soll. Weitere Hinweise sind ein Testament von 1345, in dem Rungholt erwähnt wird, und eine Handelsvereinbarung mit Hamburger Kaufleuten von 1361.

"Die Tochter von Rungholt" nennt sich nun ein historischer Roman, den die Dresdner Autorin Birgit Jasmund verfasst hat. Geboren wurde sie 1967 in Bonn, die Kindheit verbrachte sie im nördlichen Niedersachsen. Von 1996 an lebte sie in Chemnitz. Auch um ihren Lebenspartner näher zu sein, zog sie dann 2005 nach Dresden um. Hier engagiert sie sich u.a. im Heimatverein Lockwitz e.V.

"Die Tochter" von Rungholt" ist das erste Buch Jasmunds, die aber "schon immer gern schrieb", wie sie sagt. Seit dem Jahr 2000 beschäftigte sich intensiver mit der Schriftstellerei. Irgendwann stieß sie auf Liliencrons Ballade, "und auch sonst taucht der Name Rungholt zumindest in Norddeutschland häufig auf", wie sie sagt. Im Schifffahrtsmuseum in Husum liegt beispielsweise ein Faksimile-Atlas von Mejers Landbeschreibung. In dem blätterte Jasmund "eifrig"; fasziniert auch von der Veränderung der Küstenverläufe. Da kam ihr die Idee für den Roman. Basis waren nicht zuletzt etliche Karten. Jasmunds Roman führt ins Jahr 1361 in Nordfriesland, ins Land der Marschen und des Watts. Iven, dessen Vater von den Wogensmannen, einer Art Piraten, erschlagen worden ist und der nun auf Rache sinnt, begegnet der Kaufmannstochter Silja. Die beiden planen ihre Hochzeit, doch Siljas Vater, dessen Geschäfte schlecht laufen, will, dass seine Tochter einen reichen Hamburger Kaufsmannsohn heiratet. Viele der Namen des Romans wie etwa Broder, Ogge oder Laefke klingen für sächsische Ohren exotisch wie skurril, sind aber "im wesentlichen verbürgt", wie Jasmund beteuert.

"Die Sturmflut ist nur der Aufhänger, wichtig war mir nicht zuletzt, den Alltag der kleinen Leute, allen voran der Bauern, zu schildern"; erklärt Jasmund. Das Nordfriesland des Mittelalters habe ja ein paar Besonderheiten. "Es gibt keinen Adel, die Leute unterstehen direkt dem dänischen König, denn Schleswig gehört zum dänischen Königreich." Die Leute waren frei, hatten ihre Höfe zu Eigentum. Es gab den Hardesrat, wo die Leute sich - mal abgesehen vom Vogt, "der der Schurke ist" - relativ selbstständig verwalteten. Der einzige königliche Beamte, der gelegentlich kam, war der Staller - und auch der musste vor der Harde warten, bevor er eintreten durfte. Eine Harde ist ein Verwaltungsbezirk im Dänischen, wie Jasmund erklärt. Hilfreich ist ein kleines Glossar. Da erfährt man etwa, dass eine Schnigge ein Schiffstyp und Döns die Stube in norddeutschen Bauernhäusern ist.

Die Vertreter der Kirche kommen in der Darstellung Jasmunds nicht gut weg. "Es mag auch gute Kirchenleute gegeben haben, aber es gab auch die Kirche als Mittel zum Zweck", ist sich die Autorin sicher, die sich mit dem Nordfriisk Institut in Bredstedt kurzschloss, um nichts Falsches zu schreiben. Auch mit dem Historischen Institut der Uni Hamburg hatte sie E-Mail-Kontakt wegen der Transkription einer Urkunde, die im Buch erwähnt ist. Ausdrücklich lobt Jasmund die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), in der sie viel Literatur fand, die sie benötigte.

Auch die Tradition der zwölf Schwurmänner wird von der Autorin aufgegriffen. Man musste - "das kommt wohl aus dem Germanischen" - zwölf Schwurmänner "beibringen, um vor Gericht sein Recht durchzusetzen". "Gewagtes Terrain ist", wie Jasmund einräumt, definitiv die Darstellung einer homosexuellen Beziehung. Eine solche findet sich sonst kaum in einem historischen Roman. Hildegard von Bingen wird mal erwähnt, schließlich gibt es auch einen Strang mit einer Heilerin in dem Roman. "Es war mich wichtig zu zeigen, dass man in Rungholt nicht hinterm Mond lebt." Was den Einwand angeht, dass es nur schwer möglich sei, vor dem Hintergrund von heute über das Leben der Menschen im Mittelalter zu schreiben, räumt Jasmund ein: "Wir können ihnen wohl in der Tat nicht wirklich nahe kommen, die Leute haben damals einfach ganz anders getickt. Die hatten z.B. ein ganz anderes Rechtsverständnis", sagt Jasmund, die selbst durchaus sowohl historische Romane als auch Geschichtsbücher liest. Neue Projekte gibt es, "aber ich darf nicht darüber reden".

Birgit Jasmund: Die Tochter von Rungholt. Aufbau Taschenbuch Verlag, 458 S., 9,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.08.2014

Christian Ruf

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