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Dresdens designierter Schauspielintendant Joachim Klement in künftiger Wirkungsstätte

Dresdner Reden Dresdens designierter Schauspielintendant Joachim Klement in künftiger Wirkungsstätte

Eine „Regierungserklärung“ wollte Joachim Klement nicht abgeben. Aber wenn der designierte Intendant zum Abschluss des 25. Jahrgangs der „Dresdner Reden“ an seiner künftigen Wirkungsstätte spricht, durften die Hörer schon einen Ausblick erwarten.

Joachim Klement
 

Quelle: dpa

Dresden.  Eine „Regierungserklärung“ wollte Joachim Klement nicht abgeben. Aber wenn der designierte Intendant zum Abschluss des 25. Jahrgangs der „Dresdner Reden“ an seiner künftigen Wirkungsstätte spricht, durften die Hörer im diesmal nicht ganz ausverkauften Schauspielhaus schon einen Ausblick erwarten. Ein Gentleman näherte sich am Sonntag behutsam seinem künftigen Publikum. Galant vermied es Klement, für 2017 eine Theaterrevolution von oben anzukündigen oder allzu heiße Kartoffeln der zu Ende gehenden Ära Wilfried Schulz aufzuspießen. Der amtierende Intendant, der in die Geburtsstadt Klements nach Düsseldorf wechselt – falls er sich wegen des Theaterbaus dort mit der Stadtspitze einigt –, setzte in seiner Vorrede vielmehr selber feine Spitzen. Unter anderem die, dass sein Nachfolger auch Opernregie könne, was man hier ja „ganz gut gebrauchen kann“.

Der nur 35-minütige Vortrag des kommenden Intendanten blieb keineswegs flach, wirkte aber wenig zupackend. Wie es fast schon Pflicht eines Gastredners ist, kramte auch Joachim Klement in freundlichen Erinnerungen an Dresdner Begegnungen. Er fand das Jahr 1986, als es zu einem bemerkenswerten deutsch-deutschen Theateraustausch mit Düsseldorf kam. Gestaunt habe er damals über die Freiheit und Offenheit der Dresdner besonders im Umgang mit der jüngsten deutschen Geschichte. Nach wie vor sei das Staatsschauspiel Dresden ein „stilbildendes Theater der Gegenwart“, und nicht nur das, sondern auch identitätsstiftend.

Damit war der aus Braunschweig nach Dresden wechselnde Intendant bei grundsätzlichen Bemerkungen über die Funktion des Theaters. Dass es als Laboratorium unseres Zusammenlebens überlebensnotwendig für eine Gesellschaft sei, dass hier probeweise gehandelt werde, hat man schon oft gehört. Aufhorchen ließ der aktuelle Kontext, in dem zeitlose Fragen neu verhandelt werden müssen. Der Redner verwies auf die erodierenden kollektiven Übereinkünfte, auf die im Selbstbezug des Einzelnen schwindenden verbindlichen Bezugsgrößen. Das fast schon verpönte Wort „Gemeinschaft“ tauchte häufig auf. Klement stellte es den neoliberalistischen Vereinzelungstendenzen, den propagierten Ich-AGs gegenüber. Im Umgang mit der globalisierten Wettbewerbswelt sieht er ohnehin ein unbewältigtes Thema. In dialektischer Weise erinnerte er daran, dass auch das Ich, das Ego nur in der Gemeinschaft, in der Auseinandersetzung mit anderen seine Identität entwickelt.

Das Theater ist der zentrale Ort, an dem dieses Spannungsverhältnis des Einzelnen mit der Gesellschaft verhandelt wird. Ausdrücklich bekannte sich der designierte Intendant zu dieser kommunikativen Aufgabe. Und war damit schnell wieder beim Lob für Dresden, insbesondere für die in der Ära Schulz aufblühende Bürgerbühne. Deren Leiterin Miriam Tscholl wird über den Wechsel hinaus bleiben, eine gute und im Publikum beklatschte Nachricht. Was dort beispielsweise mit dem Montagscafé oder der „Morgenland“-Inszenierung schon praktiziert wird, setzt auch Joachim Klement auf seine Agenda. Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ müsse auch für Migranten gelten, denen der Zugang zum Theater weiter erleichtert werden soll.

Ähnliches gilt für Kinder und Jugendliche, die in Dresden mit dem Theater Junge Generation bereits sehr erfolgreich angesprochen werden. Auch das Staatsschauspiel strebt nun Kooperationen mit Schulen an, und zwar ausdrücklich nicht nur, um den Besuchernachwuchs zu sichern. Die beliebten Einladungen an Gastbühnen sollen beibehalten werden. Mehr noch, mit „Fast Forward“ wird Klement auch ein Festival von Braunschweig mitbringend, das junge zeitgenössische Theaterkunst aus Europa nahe bringt. Seine Andeutungen zum Spielplan erinnern einmal mehr an Goethes „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, die Mischung, das „Ragout“ machen es. Hübsch die Seitenhiebe auf den Kampfbegriff der „werkgetreuen Klassikeraufführungen“, mit denen Klement bei erzkonservativen Theateranhängern vorzubauen schien. „Bewahren, was es nicht gibt“, beschrieb der Intendant diesen Irrtum und erinnerte an die Uraufführung von Schillers „Räubern“ und ihren Massenschlägereien in Mannheim, die es dann werkgetreu zu wiederholen gelte.

Eine Auseinandersetzung mit aktuellen Dresdner Streitfragen etwa um die Ästhetik von „Maß für Maß“ oder „Graf Öderland“ vermied der überaus freundliche Theaterleiter. Dass es mit Amtsantritt 2017 nicht bei Freundlichkeiten bleiben wird, deutete ein beinahe nebenbei fallender Satz an: „Das Theater braucht Mut und Standhaftigkeit.“

Von Michael Bartsch

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