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Dresdens Zwingerbaumeister - Matthäus Daniel Pöppelmann, eine Würdigung zu seinem 350. Geburtstag

Dresdens Zwingerbaumeister - Matthäus Daniel Pöppelmann, eine Würdigung zu seinem 350. Geburtstag

"Semperoper" und "Sempergalerie" kommt den Dresdnern leicht über die Lippen. Dass der Ratszimmermeister George Bähr es war, der gegen viele Widerstände den steinernen Kuppelbau der Frauenkirche durchsetzte und damit dem Stadtbild seine unvergleichliche Eigenart verliehen hat, ist weithin bekannt.

Von Heinrich Magirius

Bei der Hofkirche erinnert man sich schon seltener an den Architekten. Diese Kirche ist vor allem römisch und katholisch, obwohl man sich den herrlichen Bau in Rom eigentlich gar nicht vorstellen kann. Der Zwinger gehört selbstverständlich auch und sogar zuallererst zu Dresden. Sein Hof ist von selten maßvollen Proportionen, seine Galerien und Pavillons, sein Schmuck mit einer großen Zahl von Figuren erwecken ein Lebensgefühl von Vitalität und Festesfreude und erinnern vor allem an den Bauherrn, an August den Starken.

Und in der Tat: Keines seiner Schlösser, keines seiner Lust- und Jagdhäuser, seiner Parks und städtebaulichen Anlagen spiegelt so unmittelbar die sagenhafte Kraft dieses barocken Herrschers, der nur unzureichend als "Absolutist" verstanden werden kann, aber ebenso wenig als gewissenloser, abenteuernder Politiker. Vielmehr war August der Starke durchdrungen von der besonderen Rolle seines Kurfürstenamtes im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. An dessen Spitze möchte er mit seinem wettinischen Haus vordringen, zusätzlich besonnt vom Glanz seines polnischen Königtums. So bleibt der Zwinger, ursprünglich als Orangerie gedacht und geplant, nicht beschränkt auf den vielfältigen Schmuck seiner unteren Zone, auf Grottenmotive, auf Satyrn, Nymphen und Atlanten, sondern repräsentiert in einer "höheren Ebene" politische Motive, Herrscherinitialen, Wappen und Insignien der Macht. Die Krönung des Zwingers aber bilden schließlich mythologische Figuren der Antike, die nur für den "Gebildeten" lesbar waren und sind. So ist die Figur des "Hercules Saxonicus" bezogen auf das Reichsvikariat August des Starken vom Jahre 1711 und damit auf die List, die dem Herkules in der elften seiner Taten in den Besitz der Äpfel der Hesperiden gelangen ließ. Es sind die "redenden Bildungen" der Bildwerke des Zwingers, die insbesondere das Herrschertum Augusts erklären und verklären. Wo blieb da der Architekt? Und wer war das?

Betreuung kursächsischer Bauten

Selten hebt sich ein Architekt so klar als entwerfende und letztlich leitende Kraft aus der Anonymität eines höfischen Bauamtes hervor wie Matthäus Daniel Pöppelmann als Zwingerbaumeister. Der am 3. Mai 1662 in Herford in Westfalen geborene Pöppelmann entstammte einer Kaufmannsfamilie. Warum er nach Dresden kam und unter welchen Umständen er mit etwa 18 Jahren als unbesoldeter Eleve im kurfürstlichen Bauamt in Dresden unter Johann Georg III. tätig wurde, ist nicht näher bekannt, gewiss aber, dass er hier noch den Oberlandbaumeister Wolf Caspar von Klengel (bis 1691) und den Architekten des Palais im Großen Garten, Johann Georg Starcke (bis 1695), kennengelernt hat, deren Stil bis in das erste Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts in Sachsen nachwirkt. In dieser Zeit steht der inzwischen vierzigjährige Pöppelmann - seit 1705 Landbaumeister - noch immer im Schatten kollektiven Entwerfens im Kreis verschiedener Kollegen. Ihm ist vor allem die Betreuung kursächsischer Bauten im ganzen Land übertragen. Der Aufstieg Pöppelmanns hängt offenbar mit dem Auftrag zusammen, Pläne für den Bau eines neuen Residenzschlosses - das bisherige war 1701 großenteils abgebrannt - zu entwickeln. Aber alle diese Pläne bleiben unausgeführt. Lediglich das Taschenbergpalais - für die Gräfin Cosel bestimmt - entsteht in seinem Hauptteil im ersten Jahrzehnt, wobei noch immer die Dresdner Stiltradition des 17. Jahrhunderts nachwirkt.

Das ändert sich erst schrittweise im zweiten Jahrzehnt. Die Eindrücke, die Pöppelmann auf seinen "Dienstreisen" nach Österreich und Italien 1710 und nach Frankreich 1715 hatte sammeln dürfen, treten nun deutlich in Erscheinung. In das Jahr 1709 fällt der Auftrag des Kurfürsten an Pöppelmann, sich um die Planung einer Orangerie im Wallbereich der "Scharfen Ecke" der Bastion Luna zu kümmern. Die Entwicklungsgeschichte des Zwingers hat zuletzt 1991 der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Michael Kirsten, basierend auf einer Flut von älterer Literatur, aber auch aufgrund neu entdeckter Quellenbelege knapp, aber überzeugend dargestellt. Danach hat für den Bau des Zwingers keineswegs von vornherein ein Plan vorgelegen. Zunächst will August der Starke hier lediglich seine Pomeranzenbäumchen in einem Halbrund in verschiedenen Höhen aufstellen. Eine Mitteltreppe soll die verschiedenen Ebenen erschließen. Aus dieser Bauaufgabe entwickelt der Architekt Pläne, die auf dem vorgegebenen Grundriss Galerien vorsehen, die eine Dreiergruppe von Pavillons zusammenbinden. Auf diese Anlage hin sind noch jahrelang Schlossbauplanungen ausgerichtet, die selbst dann noch fortgeführt werden, als 1712/13 bereits die Langgalerie mit dem Kronentor als Torturm, der einen großen Hof voraussetzt, gebaut worden sind.

Erst in Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten des Kurprinzen mit der habsburgischen Kaisertochter, die dann 1719 stattfindet, wird klar, dass ein Schlossbau sich nicht würde realisieren lassen. Erst jetzt benötigt man einen Festplatz. Für diesen Zweck wiederholt Pöppelmann die von Bogengalerien verbundene Dreiergruppierung von Pavillons auf der Stadtseite, wobei der Mittelpavillon, der sogenannte Stadtpavillon, nicht einfach eine Kopie des Wallpavillons ist, sondern ein zweiter Zugang nun von der Stadt zum Festhof. Der eigentliche Zielpunkt ist die seit 1715 entstehende Fassade des Wallpavillons, die, mit Skulpturen Balthasar Permosers und seiner Schüler reich geschmückt, in gleichsam sakralisierender Überhöhung die Rolle des Kurfürst - Königs feiert. Dem entsprechend erhalten auch das ebenfalls in den Wall eingefügte Nymphenbad hinter dem nördlichen Pavillon und der Grottensaal im westlichen Pavillon, sowie die Säle in deren Obergeschossen eine kostbare Ausstattung, während die stadtseitigen Pavillons zunächst noch nicht zu einer endgültigen Vollendung gelangen und die Achse des Kronentors nun ins Leere läuft. Für die Festlichkeiten werden an der Nordseite des Zwingers hölzerne Tribünen errichtet.

Offenbar ist Pöppelmann in den zwanziger Jahren um den Ausbau des unvollendet gebliebenen Zwingers bemüht und hält noch 1729 in der opulenten Publikation seines Bauwerks an einer Erweiterung des Zwingerhofs bis an die Elbe fest. Inzwischen sind in den Pavillons des Zwingers bereits Museumsbestände untergebracht worden.

In den zwanziger Jahren ist Pöppelmann - seit 1718 erst Oberlandbaumeister - am Ausbau des Wasser- und Bergpalais in Pillnitz als chinoisierenden Lusthäusern und am Umbau des Jagdschlosses Moritzburg beteiligt. In die Weinbergslandschaft von Pillnitz passt er den ausgewogenen Baukörper der Kirche zum Heiligen Geist ein. Seine eigentlichen Kernaufgabe als Landbaumeister aber ist nach wie vor der Brückenbau im ganzen Kurfürstentum. Hätte man einen Dresdner im 18. Jahrhundert nach Pöppelmann gefragt, wäre gewiss seine Dresdner Elbebrücke zuerst genannt worden. Ihre neue, verbreiterte Gestaltung mit den Austritten über den Brückenpfeilern ist nicht nur für den vermehrten Lastverkehr nützlich, sondern lädt die Dresdner und die Gäste der Stadt durch Laternen sogar bei Nacht zu Spaziergängen ein. In den Neubau der Augustusbrücke von 1907-1910 hat Wilhelm Kreis wichtige Elemente der Pöppelmannbrücke übernommen.

Auch als Privatarchitekt tätig

Nicht zuletzt ist Pöppelmann als Privatarchitekt an Palais und Bürgerhäusern in Dresden tätig. In seinem Buch "Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken" von 2001 ist es Stefan Hertzig gelungen, die Stilmerkmale Pöppelmanns unter anderen am sogenannten "Dinglingerhaus am Jüdenhof" von 1710/11 und am Kopfbau der Rampischen Straße 33 von 1716 nachzuweisen, Bauten, die in den nächsten Jahren hoffentlich mit entsprechender Sorgfalt rekonstruiert werden sollen. 1736 ist Matthäus Daniel Pöppelmann gestorben und in der von ihm entworfenen Kirche in der Dresdner Friedrichstadt begraben worden. Ein ganzfiguriges Denkmal Pöppelmanns schuf 1936 Paul Polte, der damals an der Zwingererneuerung tätig gewesen ist. Im zweiten Weltkrieg bis auf Bruchteile zerstört, wurde das Standbild jüngst rekonstruiert und am nunmehrigen "Swissôtel" in der Schlossstraße in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses - historisch nicht korrekt - wieder angebracht.

Pöppelmanns Hauptwerk bleibt der Zwinger. Dessen denkmalpflegerische Erhaltung beschäftigt Generation um Generation. Nach dem um 1963 abgeschlossenen Wiederaufbau nach den Zerstörungen im zweiten Weltkrieg macht sich seit Jahren erneut eine grundhafte Sanierung erforderlich. Der Staatsbetrieb "Sächsisches Immobilien - und Baumanagement" nimmt sich dieser Aufgabe kontinuierlich an. Die Wiederherstellung des Mathematisch-Physikalischen Salons betreibt es mit außerordentlichen Gründlichkeit. Von der archäologischen Dokumentation des Grottensaals bis zur bauklimatischen Beherrschung der Museumsräume und der Entsalzung der verrußten Figuren und deren behutsamer Farblasur reicht das Spektrum der Maßnahmen. Nach wie vor obliegen den Steinmetzen und Restauratoren der altbewährten "Zwingerbauhütte" die Kernaufgaben der Erhaltung der Architektur und Plastik des Zwingers. Erwähnt zu werden verdient dabei auch die Beratung durch Dr. Arndt Kiesewetter vom Landesamt für Denkmalpflege. Die "Aufhellung" von Architektur und Plastik trägt zur Wirkung der heiteren Zwingerarchitektur ganz wesentlich bei. Wenn jetzt die Sächsische Schlösserverwaltung wieder erwägt, den Zwinger als Orangerie erlebbar zu machen, ist das ebenfalls ein Schritt zum richtigen Verständnis des Zwingers. Weniger gut beraten waren bisher die Nutzer, die Staatlichen Kunstsammlungen, in der Einrichtung und Ausstattung der Porzellansammlung. Weder die halsbrecherischen Treppen im Stadtpavillon noch die die Pöppelmann-Architektur beeinträchtigende Einrichtung und Aufstellung der Porzellane dürften sich auf die Dauer bewähren.

Barocke Maßstäbe

Auch die städtebaulichen Entwicklungen rings um den Zwinger geben eher zur Besorgnis Anlass. Wie einfühlsam war noch der im Stil der Nachkriegsmoderne gehaltene "Fresswürfel" am Postplatz gegenüber dem nunmehrigen kaltherzigen Klotz, der nicht nur dem Zwinger Schaden tut, sondern auch seinen Nachbarn, den "Advantariegel", beeinträchtigt. Ein Glück, dass sich nun der Memorialbau für die Busmannkapelle dazwischenschiebt. So wohltätig sich der von Hubert Ermisch wiederhergestellte Zwingergraben von der Ostraallee her auswirkt, vom Postplatz aus bleibt er wirkungslos. Was müsste geschehen, um Pöppelmanns Zwinger im Platzbild des neu entstehenden Postplatzes bedeutungsvoll erscheinen zu lassen? Denken die Gegenwartsarchitekten, die sich für die "Nachkriegsmoderne" so eifrig einsetzen, überhaupt noch an die barocken Maßstäbe, die so vielen Dresdnern glücklicherweise noch immer am Herzen liegen?

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Magirius, ab 1958 Mitarbeiter im Institut für Denkmalpflege Dresden, 1994-2000 Sächsischer Landeskonservator, 2004 Sächsischer Verdienstorden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.05.2012

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